Der Schattenmann - DER SPIEGEL
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Der Schattenmann

Ortstermin: Wahlkämpfer Helmut Kohl begleicht eine alte Rechnung vorm Rathaus Schöneberg in Berlin.
• aus DER SPIEGEL 36/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dreißig Grad und erhöhte Ozonwerte noch am Abend, jeder flieht die Hitze der Stadt, staut sich im Auto die Domenicusstraße vorm Schöneberger Rathaus herunter, bloß weg auf den Balkon, in die Laube, hin zum Bier.

Wer jetzt in Berlin Wahlkampf machen muss, der tut das anderswo. Am Wittenbergplatz, wo sich die Einkäufer drängeln, oder auf dem Gendarmenmarkt, wo es schattig ist und schön. Vorm Rathaus ist es laut und staubig. Aber hier muss es sein.

Im linken Teil des Platzes ist ein kleines Areal abgetrennt, in dem auf Bürgerbräu-Bänken 250 geladene Gäste sitzen, sommerlich gekleidet und erwartungsvoll, als säßen sie auf einem Ausflugsdampfer. Ein leicht übergewichtiger junger Mann hält eine Deutschlandfahne eingerollt zwischen den Knien.

Sie warten auf Helmut Kohl. Die CDU, Kreisverband Tempelhof-Schöneberg, macht Wahlkampf. Erst lässt sie Jazz spielen, John Scofield sogar, dann knackt es unvermittelt in den Lautsprechern. »Final Countdown« heißt das Stück, die Achtziger-Jahre-Hymne, die alles so feierlich macht, wenn sie laut gespielt wird.

Und das wird sie. Die Rathausstufen hinunter bewegt sich eine Erscheinung. Der zeltartige, stahlblaue Anzug, diese Masse Mensch, braun gebrannt und frisch vom Friseur, er muss es sein. Da steht er auf der kleinen Bühne, hinter sich aufgereiht die Kandidaten, klein und brav wie Messdiener. Er winkt blinzelnd, wackelt manchmal schildkrötenhaft mit dem Kopf und reckt das Kinn nach oben, zum Rathaus hin. Jetzt gilt's.

Sein Sekretär reicht ihm ein paar Zettel, doch die beachtet er nicht. »Politik«, sagt er, »ist zu wichtig als sie Hasardeuren und Schreihälsen zu überlassen.« Wen meint er? Niemand auf dem Platz schreit. Ein paar Jusos halten still fotokopierte Zettel hoch, »Wir lassen uns nicht verkohlen«, die PDS muss sich erst noch sammeln. Es ist ruhig. Wen meint er?

Orte sind nicht nur Orte. Sie sind bewohnt von Geistern der Vergangenheit, die sich jedem zeigen, der einen Sinn dafür hat, und ganz besonders, wenn er studierter Historiker ist und mit einem Gedächtnis versehen, das nichts verzeiht.

Fast 13 Jahre ist es her. Dieser furchtbare Abend am 10. November 1989. Diese Schmach. Er hatte seine Polen-Reise unterbrochen, um nach Berlin zu kommen. Auf den Stufen vorm Rathaus Schöneberg stand er, unter der Freiheitsglocke, wo Kennedy seine Rede gehalten hatte, Kennedy, der jetzt in Bronze am Rathaus hängt. Mit Genscher stand er und mit Brandt und diesem Bürgermeister mit dem roten Schal. Der Platz war voll, 20 000 Berliner am Tag nach dem Mauerfall - und fast alle buhten ihn aus.

Sie pfiffen, johlten, krakeelten. Sie blökten sogar noch, als das Lied der Deutschen gesungen werden sollte, a cappella, weil in jenen Tagen alles improvisiert werden musste. Man hörte sein eigenes Wort nicht, geschweige denn die Stimmlage der anderen. Jeder sang im eigenen Ton, und so hat die Hymne geklungen wie ein Chor tauber und zahnloser Greise.

Die »Tageszeitung« ließ die Kakofonie auf Folie pressen und legte sie der Zeitung bei. Dieser Hohn. Nie wieder ist er vor dem Schöneberger Rathaus aufgetreten. Fast 13 Jahre lang nicht mehr.

Und jedes Mal, wenn er »Rathaus Schöneberg« hörte, ist das Höhnen und Johlen in seinen Ohren gewesen. Bis heute.

Aber nun: Er schaut nicht auf sein Redemanuskript. Er redet nicht von Stoiber, der Wahl, der Flut. Er packt sich die Erinnerung und schlägt auf sie ein: »... ausgepfiffen von jenem linken Pöbel, der damals die Stadt übernehmen wollte«, ruft er, und das Echo rollt über den Platz, »der unsäglich dümmliche Satz des damaligen Bürgermeisters, es ginge nicht um Wiedervereinigung, sondern um Wiedersehen«, da jubeln sie, die »anständigen Berliner«, und mit jedem Wort, mit jedem Satz erobert sich Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler i. R., Stück für Stück den Rathausplatz zurück.

»Es war sein Wunsch, hier aufzutreten«, wird der Herr vom Kreisverband Tempelhof-Schöneberg nachher sagen. »Das ist ihm noch nachgegangen wie ...« Ein Trauma? »Ja, irgendwie schon. Er wollte das auswischen. Er wollte sagen können: Bei meinem letzten Auftritt vorm Schöneberger Rathaus haben sie gejubelt.«

Die Dämonen des 10. November können nur gebannt werden, wenn man zurückkehrt an den Ort und sich ihnen aussetzt.

Und das tut er. Er redet und redet, und da sind sie wieder. Kaum zu hören, nur ein Rauschen am akustischen Horizont, aber er hört Pfiffe und diese Rufe »Kohl muss weg« oder so ähnlich, und ein paar Trillerpfeifen. Da sind sie: »Ein paar alkoholisierte jugendliche Schreihälse«, weist er sie in die Schranken. Glücklich. »Vater der Einheit Deutschlands & Europas« steht auf dem Laken der Jungen Union.

Es ist 19.13 Uhr, und jetzt singen sie die Hymne. Ha! Wenig später treibt ein zeltartiger, stahlblauer Anzug wieder an den Absperrungen vorbei, »Helmut, Helmut!«, schreien sie, die Anständigen, »hier entlang, Herr Bundeskanzler«, die Panzerlimousine wartet. Die Erscheinung schüttelt noch eine Hand und verschwindet. Geschafft. Sogar die Hymne.

Es ist Dienstagabend, und Helmut Kohl ist wieder einmal aus dem Schatten der Vergangenheit herausgetreten.

ALEXANDER SMOLTCZYK

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