Der Schmerz hat unglaubliche Kraft - DER SPIEGEL
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LIEBE Der Schmerz hat unglaubliche Kraft

Der Aktionskünstler Christoph Schlingensief, 40, über Trennungsschmerz und die »liebeskranke Gesellschaft«
• aus DER SPIEGEL 8/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

DER SPIEGEL: Herr Schlingensief, Sie haben letztes Wochenende an der Berliner Volksbühne einen »Kongress der liebeskranken Gesellschaft« kreiert; Wissenschaftler, Künstler und Manager befassten sich mit dem Thema Liebesqualen, weitere Events sind geplant, etwa im April am Hamburger Schauspielhaus. Wollen Sie uns von Sehnsucht und Herzschmerz befreien?

Schlingensief: Mir geht es um Bewältigung von Liebesqualen. Schmerz soll nicht unterdrückt werden, er ist keine Schande, sondern existenzielle Erfahrung.

DER SPIEGEL: Was hat der Mensch davon, wenn er den Liebeskummer akzeptiert?

Schlingensief: Er ist eine Produktivkraft. Dadurch, dass ich einen Verlust erlebe, bin ich gezwungen, kreativ zu sein, etwas Neues zu beginnen. Eine Gesellschaft, die sich über Schmerz hinwegtäuscht, tötet sich selbst.

DER SPIEGEL: Trotzdem geschieht es. Warum bloß?

Schlingensief: Der akute Schmerz hat eine unglaubliche Kraft. Wir fürchten, dass er ansteckend ist wie ein Virus, das uns schwächen und für die Leistungsgesellschaft untauglich machen könnte.

DER SPIEGEL: Die von Ihnen mitbegründete »Lovepangs«-Bewegung teilt Liebesqualen in vier Phasen - Pain/Schock, Rage/Wut, Resent/Enttäuschung und Over/Ende, Neuanfang. In welchem Status der Liebesqualen befinden Sie sich?

Schlingensief: Mein aktueller Status ist »over«. Es ist aus. Am Ende meiner dreieinhalbjährigen Liebe habe ich viel geheult und viel unternommen, um die Sache zu retten. Es war längst hoffnungslos. Danach hab ich nie mehr geweint, außer einmal. Rückfall.

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