Der Sturm von Babel
Als um zehn Uhr das Pergamonmuseum öffnet, ist es im Zweistromland schon zwölf Uhr mittags. Die »Minder«, die Denkwächter, seien heute nicht zum Dienst erschienen, hat der BBC-Korrespondent im Autoradio berichtet. Etwas sei geschehen, hat er gesagt, das Alte schon vergangen, das Neue nicht in Sicht.
Der Leiter der Vorderasien-Sammlung, Joachim Marzahn, sitzt zwischen Keilschriftplättchen und Dienstanweisungen im Erdgeschoss des Pergamonmuseums, den Bart bis vor die Brust gewachsen, und sagt: »Er war ein unumschränkter Herrscher über Leben und Tod. Er war unermesslich reich und baute seine Stadt für die Ewigkeit.« Nebukadnezar II. oder Saddam - wer sein Leben großteils im 3. vorchristlichen Jahrtausend verbracht hat, für den verwischen sich die Unterschiede. Joachim Marzahn kommt aus dem Osten.
Plötzlich eine dumpfe, wuchtige Erschütterung, wie eine Detonation. Marzahn beruhigt: »Nur Schwingungsmessungen ... Wegen dem Neubau des Museums.« Nach einer Pause: »Saddam hat Ziegel mit seinem Stempel brennen lassen und in die Mauern Babylons eingesetzt. Mal sehen, ob die jetzt wieder ausgebaut werden.« Er selbst, sagt Marzahn, empfinde Schmerz bei den Szenen jetzt im Fernsehen: »Es tut weh, als Kriegsgegner sehen zu dürfen, dass der Krieg etwas Positives hatte und sein Ziel erreicht hat.«
Wieder donnert es. Oben, in der Ausstellungsvitrine 15, zittern einige Tonbrocken, mit Kerben bedeckt, als habe jemand den Abdruck eines Sisalteppichs genommen: Keilschriftzeichen. Das Fragment einer Stadtbeschreibung: »Babylon, die Stadt von Festlichkeit, Freude und Tanz; Babylon, die privilegierte Stadt, die den Gefangenen befreit; Babylon, die reine Stadt; Babylon, die Stadt von Hab und Gut.«
Alexander Nagel hat vor vier Wochen sein Archäologiestudium abgeschlossen und führt jetzt die 5. Klasse der »Finow-Grundschule« aus Schöneberg durch die vorderasiatische Abteilung. Es ist das Alter, in dem Mädchen größer sind als die Jungen, aber noch keine Knöpfe in der Unterlippe tragen.
Die Klasse läuft vorbei an jahrtausendealten Trümmern ewiger Reiche, an einer Kopie der Hammurabi-Gesetzesstele, Salbgefäßen, Dattelfläschchen, tönernen Lieferlisten für Gerste, Öl, Gewürze. Er wolle, sagt Nagel, die Kinder erziehen. Dass Kriege vermeidbar seien.
Nagel erklärt das ewige Ringen der Giganten, den unerbittlichen Wettstreit, die Zerfleischung und Vernichtung, wie sie auf dem Pergamonaltar abgebildet sind, dann im Nebensaal die »Bombenschäden« (Zweiter Weltkrieg) und »Folgeschäden/akut« (DDR) am Museumsgebäude selbst. Vor Hammurabis Gesetzesstele, einem der ältesten Rechtszeugnisse der Menschheit, erklärt er, dass schon damals Dieben die Hand abgeschlagen wurde.
Dann stehen sie vor den Toren Babylons. Das Ischtar-Tor: bis hoch unter die Decke Blütenfriese, Eckbastionen, Palmetten, Zinnen und die dahinschreitenden Stiere und Drachen in Glasurfarben, Türkis, Ocker und Blau. »Nebukadnezar; König von Babylon, Sohn des Nabupolassar, Königs von Babylon, bin ich«, so die Inschrift. »Eine Anlage der Freude und des Jauchzens für die oberen und unteren göttlichen Wesen, ließ ich im Weichbild Babylons aus Asphalt und Brandziegeln erstehen, fest wie ein Berg.« Die eigens gegründete Deutsche Orient-Gesellschaft grub die Ruinen aus - nur unterbrochen von den Kriegsereignissen 1917 - und transportierte Nebukadnezars Tor nach Berlin.
Gegenüber hängt eine beleuchtete Landkarte »Vorderasien«. In Hellgrün das Zweistromland, »Babylonien«. Euphrat und Tigris, östlich von Ur liegt die Stadt Basra, wo die Wasserversorgung jetzt wiederhergestellt worden ist. »Tagesschau« und Frühgeschichte vermischen sich. Nördlich von Babylon, der »reinen Stadt«, liegt die »101st Airborne Division, 3d Battalion«, Nebukadnezar ist auf der Flucht. Die 5. Klasse der Finow-Grundschule scheint keinerlei Schwierigkeiten damit zu haben.
Im neuen Babylon, wo es jetzt schon zwei Stunden später ist, tanzten die Menschen auf der Straße, hätten Palmzweige abgerissen und versuchten, ein Seil um die Statue des Tyrannen zu binden. So wird es gleich der BBC-Reporter im Autoradio berichten. Babylon, die Stadt von Festlichkeit, Freude und Tanz.
Nagel berichtet von den möglichen Schäden, die der Krieg an Grabungsstätten anrichten könnte, von den geplünderten Museen im letzten Golfkrieg, der Liste archäologischer Funde, die dem US-Präsidenten überreicht worden sei. Er erzählt von dem ganz anderen, in einer Sammlung, die wie keine andere in Kriegen entstand, in Kriegen gefährdet und zerstört, in Kriegen gerettet worden ist. Nichts ist einfach.
Was denn, will noch eine Schülerin wissen, was denn nun der Name »Ischtar« bedeute? »Es gab die Göttin Ischtar«, sagt Alexander Nagel. »Für die Mesopotamier war sie die Göttin des Krieges. Und der Liebe.«
Krieg und Liebe. Nichts schließt sich aus im Zweistromland. ALEXANDER SMOLTCZYK