Der Untote - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Untote

Warum ein Kanadier seine eigene Beerdigung verpasste
• aus DER SPIEGEL 43/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Zug, es war ein Nahverkehrszug, näherte sich der Victoria Park Avenue in Toronto, Kanada. Alles lief planmäßig. Der Zug würde seinen nächsten Bahnhof pünktlich erreichen.

Ein Mann näherte sich den Schienen. Er ging zu Fuß und betrat das Schotterbett, auf dem die Schienen lagen.

Der Zug ratterte heran.

Der Mann verließ die Schienen nicht.

Es fiel der Polizei schwer, den Toten zu identifizieren. Er trug keinen Ausweis mit sich, sein Gesicht war zerschmettert. So wurde sein mutmaßliches Aussehen am Computer rekonstruiert, und die Polizei Torontos zeigte das Bild im Lokalfernsehen. Die Zuschauer sahen den Kopf eines Mannes um die fünfzig. Das Gesicht war oval, die Nase markant. Zum Zeitpunkt seines Todes trug der Unbekannte einen Vollbart, und seine Kleidung bestand aus einer blauen Hose und einem grauen T-Shirt.

Der Spot lief im Fernsehen, eine Frau meldete sich bei der Polizei. Ihr Name sei Diana Branton, sagte sie. Sie habe den Mann im Fernsehen wiedererkannt. Es sei ihr Bruder Dane.

»Sie müssen Ihren Bruder identifizieren«, sagte der Polizist.

Kurze Zeit später betrat Diana Branton die Leichenhalle. Sie ist eine schmale Person, die als einziges Mitglied ihrer Familie die Kraft hatte, dorthin zu kommen. Man führte sie zu einem Tisch, auf dem ein Laken lag, und unter dem Laken zeichnete sich etwas ab, was an einen menschlichen Körper erinnerte. Jemand hob das Laken hoch, und Diana Branton zwang sich hinzuschauen. Sie sah ein paar Augen, die aussahen wie die ihres Bruders. Sie wandte sich ab. Die Polizisten nahmen zu Protokoll: Der Tote wurde von seiner Schwester als Dane Squires identifiziert. Es gab keine Hinweise auf ein Verbrechen. Die Polizei gab die Leiche frei.

Dane Squires' Schwester, sein Bruder und seine Tochter begannen die Beerdigung vorzubereiten. Sie gaben eine Todesanzeige auf. Die Beerdigung würde im Griffin-Mack-Beerdigungsinstitut stattfinden, von dort sollte der Sarg ins Krematorium überführt werden. Neben dem Gleis, auf dem Dane Squires vom Zug überfahren wurde, stellte seine Familie zu seinem Gedenken ein Holzkreuz auf und schmückte es mit Blumen.

Am Tag der Beerdigung blieb Diana Branton in ihrer Wohnung. Sie fühlte sich nicht gut, sie hatte den Anblick ihres Bruders noch nicht verkraftet.

Dann hörte sie draußen, vor dem Haus, ein Geräusch.

Sie ging hinaus, und da saß der angeblich tote Dane Squires in einem Stuhl auf der Veranda. Er trug einen Hut und sah dem Fahndungsfoto im Fernsehen sehr ähnlich. Squires grinste und sagte: »Hi.«

Diana sagte nichts, dann, nach ein paar Sekunden: »Dane, du bist tot. Alle sind auf deiner Beerdigung.«

»Was?«, fragte Dane.

»Du bist tot«, wiederholte seine Schwester.

»Blödsinn.«

Dane Squires ist gelernter Schweißer, er arbeitet nur unregelmäßig. Manchmal verschwindet er für mehrere Tage, und niemand weiß, wo er ist. Es fällt seiner Familie schwer, den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten.

Seine Tochter Trina war in diesem Moment auf der Beerdigung eines Toten, den sie für ihren Vater hielt, und Dane Squires glaubte, es sei eine gute Idee, dort aufzutauchen.

Diana Branton widersprach und redete es ihm aus.

»Dann rufe ich dort eben an«, sagte Squires.

Er wählte die Nummer des Beerdigungsinstituts, hörte es klingeln, ein Mann nahm den Hörer am anderen Ender Leitung ab:"Hallo?«

Im Trauersaal sprach ein Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts Trina Squires an: »Da ist ein Anruf für Sie.«

»Wer ist es?«

»Der Anrufer besteht darauf, Ihr Vater zu sein.«

Sie ging zum Telefon: »Hallo?«

Sie hörte die Stimme ihres Vaters.

Die Beerdigung wurde abgebrochen, im Haus von Dane Squires' Schwester wurde nicht wie geplant des Toten gedacht, sondern seine Wiederauferstehung gefeiert. Nachbarn kamen vorbei, sie sagten: »Hey Dane, ich war gerade auf deiner Beerdigung.« Irgendwann an diesem Tag sagte Squires, er würde von jetzt an den Kontakt zu seiner Familie halten.

Der Tote war mittlerweile wieder ins Leichenschauhaus transportiert worden, er wurde einige Tage später ein zweites Mal identifiziert und vorbereitet für die Beerdigung. Seine Angehörigen ließen Lokalzeitungen ausrichten, dass der Mann auf der Straße gelebt habe, und sie selten wussten, wo er sich aufhielt.

Während der Beerdigung hatten die Trauernden die absurde Hoffnung, dass ein Telefon klingelt. Aber die Telefone blieben stumm. UWE BUSE

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