Der Vollzeitmann Ein Aufreißer allein zu Haus
Der Abend hatte Lars bisher inklusive Essen mit Sandy und Drinks in der Bar 90 Euro gekostet. Eine gigantische Fehlinvestition. Normalerweise liefen die Abende besser. Besorgt fragte er sich, ob exakt dieser Moment die dramatische Wende in seinem Leben bedeutete, den Abstieg, ob sein Jagdglück ihn langsam verließ.
Vielleicht sank sein Testosteronspiegel bereits, viel zu früh, früher zumindest als man das in den Magazinen lesen konnte. Er fühlte sich morgens neuerdings so seltsam zerschlagen, kaputt ohne jeden richtigen Grund. Er musste unbedingt einen Termin beim Arzt machen, das konnte er nicht hinnehmen, so eine Früherschlaffung, nur weil der Körper irgendwo so eine bescheuerte Hormonproduktion stoppte.
Dann ließ er sich das Zeug eben spritzen, machten die in Kalifornien schon lange, die Nebenwirkungen waren ihm egal, kriegte er halt irgendwann Krebs, na und, aber vorher nochmal richtig Gas geben.
Er sollte auch mal wieder einen Aidstest machen, die Lymphknoten unterm Arm schienen ihm heute Morgen schon wieder dicker als sonst, man weiß ja nie. Obwohl er eigentlich immer auf ein Kondom bestand, na ja, zumindest meistens, also jetzt nicht bei Tanja oder Katharina, die kannte er doch schon so lange, aber bei manchen von den anderen.
Er rief noch einmal Doro an. Keine Antwort, die Frau machte ihn echt fertig. Sandy hat immer nur die Mailbox an. Wieso gingen die denn alle so früh ins Bett, die jungen Dinger? Es war ja kaum nach Mitternacht.
In Nächten wie dieser trieb er sich gern in Chatrooms herum
Lars hörte den Anrufbeantworter ab. Nichts Wichtiges. Er schaltete den Fernseher und den Computer an. Er war natürlich bei Myspace, Facebook und Xing und hatte eine eigene Website. Beruhigt registrierte er die Länge seiner Freundeslisten; die waren schon richtig imposant, da staunte jeder, der ihn im Netz besuchte. Er hatte diverse Nachrichten, aber keine gute Frau darunter. In Nächten wie dieser trieb er sich gern in Chatrooms herum, wo es wirklich hart zur Sache ging, verbaltechnisch und so. Er machte sich eine Flasche Wein auf.
Um diese Zeit waren nur noch Perverse im Netz unterwegs, dachte sich Lars, da will ich nicht dazugehören. Er wechselte zu youporn.com, aber nur für ein paar Minuten. Immer derselbe Quatsch, die Filme machten ihn nur noch manchmal scharf. Heute Nacht machten sie ihn traurig. Er loggte sich bei der ESL ein, einer Liga für Online-Spiele. Er musste sich jetzt abreagieren, da war "Counter-Strike" genau das Richtige.
Wie konnte man so ein geiles Spiel nicht gut finden, fragte sich Lars. Er juchzte vor Freude, wenn er mal wieder einen Hinterhalt vorhergesehen hatte und den Schüssen der anderen gekonnt ausgewichen war. Auf diese Nerds war Verlass. Zu jeder Tages- und Nachtzeit fand er online irgendwelche Gegner, die gegen ihn spielen wollten. Im Netz nannte er sich "DarkRaider", das war sein Kampfname.
Lars fluchte
Wenn jemand Kontakt mit ihm aufnehmen wollte, blockte er lieber ab, maximal verriet er noch den Wohnort und sein Alter, also das Alter seiner "Counter-Strike"-Existenz, da war er 26 Jahre alt. Er hatte mal gelesen, dass die meisten der 500.000 "Counter-Striker" noch viel jünger waren. Da wollte er niemanden verschrecken. Vielleicht logen aber auch alle, so wie er.
Heute Nacht war Lars unkonzentriert. Laufend starb sein Krieger. Er haute auf die Tasten, er goss Wein nach.
Er machte eine kurze Pause und rief noch einmal Doro an. Unfassbar, das Handy war tatsächlich nonstop aus. Das gleiche Spiel bei Sandy, so ein Mist, eigentlich war die doch ganz süß. Aber Lars ließ sich nicht von so einem blöden Handy einschüchtern. Er rief Jasmin an. Er musste das jetzt mit ihr klären, diese Blicke heute im Büro, was das sollte, ob sie ihn provozieren wollte oder was. Auch Mailbox. Lars fluchte.
Er rief eine Sexhotline an und drückte sich durch das Menü. Heiße Lesbenspiele, ja, das klang gut. Die Ansage war so sexy wie die Flugauskunft der Aeroflot. So ein Betrug - der Lesbenquatsch kam vom Band, mit sächsischem Dialekt. Wen das erregte, der war wirklich pervers. Wütend legte er auf. Er wollte das Leben, aber das Leben ließ ihn nicht. Er fühlte sich zutiefst ungerecht behandelt von diesem blöden Leben.
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