Der Vollzeitmann: Jochen hat Angst vor Mutti - DER SPIEGEL
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Der Vollzeitmann Jochen hat Angst vor Mutti

Wetter, Nachbarn, früher - darüber spricht Jochens Mutter am liebsten, und deshalb ruft ihr Sohn sie auch so selten an. Die Dame rächt sich mit galligen Vorwürfen: "Du kümmerst dich ja nicht um mich. Dein Bruder hingegen …"
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Es konnte kein Zufall sein, dass Jochen immer wieder vergaß, seine Mutter anzurufen. Wahrscheinlich war sein Unterbewusstsein schuld: Er hatte Angst vor seiner Mutter. Vor ihrem Reden, ihrem Schweigen, ihrem tristen Leben, ihren Fragen, ihren Vorwürfen, vor allem aber davor, dass ein Großteil seiner Gene von ihr stammte.

Jochen pflegte ein dauerhaft gespanntes Verhältnis zu seiner alten Dame. Seit Jahren führten sie dieselben Dialoge am Telefon: Wetter, Nachbarn, früher. Jedes Mal fragte seine Mutter, was er denn eigentlich so arbeite da in Berlin. Er hatte ihr neulich erst eine CD mit seinen Radiosendungen geschickt, damit sie endlich konkretes Material zum Angeben hatte für die Nachbarn. Aber seine Mutter hatte Angst, den CD-Spieler zu betätigen.

Sie hatte im Fernsehen vor Jahren mal was von Laserstrahlen gehört und behauptete seither einfach, die CD funktionierte nicht. Dabei hatte sie es gar nicht versucht, das konnte Jochen beschwören. Aber Fakten waren der alten Dame völlig schnuppe. Hauptsache, sie konnte ihren Lieblingssatz loswerden: "Du kümmerst dich ja nicht um mich. Dein Bruder, der kümmert sich. Der war letzte Woche erst hier."

Der schleimige Erbschleicher

Ja, der hatte auch nur zehn Kilometer zu fahren und nicht vierhundert, der schleimige Erbschleicher mit seinen beiden missratenen Bälgern, die völlig unverdient den Status der einzigen Enkel genossen. Wie lange würde das noch gut gehen mit Mutter?

Sie peilte immer weniger, wurde zugleich aber immer widerspenstiger. Jochen quälte sein schlechtes Gewissen: Sie hatte ihr ganzes Leben geopfert für ihre beiden Söhne, sie hatte früh ihren Mann verloren und wartete seither geduldig auf den Sensenmann.

Und er hatte nicht mal Bock, ihre Storys anzuhören. Geschweige denn die Kohle, ihr einen Platz in einem feinen Heim zu spendieren, in dem sie noch einige Jahre lang halbwegs menschenwürdig würde zubringen könnte.

Seit dem Tod seines Vaters hatte Mutter ihr Leben auf Sparbetrieb umgestellt. Jochens alter Herr hatte bei Hitlers Reichsbahn Dreher gelernt und sich nach dem Krieg hochgerackert zum Ausbildungsleiter. Eines Tages hatte er alle Bahnazubis herumkommandieren dürfen. Trotz des einen kargen Gehalts hatten sich seine Eltern ein Reihenhaus zwischen anderen Eisenbahnern zusammengespart, auf einem Eisenbahngrundstück mit einem Eisenbahnkredit.

Sicherheit, egal wofür

Für den Traum von der eigenen Scholle hatten sie auf alles verzichtet, auf Urlaub, Auto, jedweden Luxus. Jochen hatte einen Heidenrespekt vor der Disziplin und der Zielstrebigkeit, die die Kriegsgeneration getrieben hatte. Aber er fürchtete sich zugleich vor der Eindimensionalität, wenn das Leben nur ein Ziel hat: Sicherheit, egal wofür, wovor und warum.

Das einzige Vergnügen, das Jochens Vater sich gegönnt hatte, war die Angelei. Morgens um fünf war er aufgebrochen, mit dem Moped, dem Köcher mit den Ruten und immer mit einer Flasche Korn in der Angelkiste. Erst nach Vaters Tod war Jochen klar geworden, dass der Alte geflohen war, an den Fluss und in den Alkohol.

Seine Mutter hatte den armen Kerl fertiggemacht, ihn gemaßregelt, herumkommandiert, ihm jegliche Lebenslust ausgetrieben. Sie hatte ihn in ein willenloses Meerschweinchen verwandelt. Jochen ahnte, dass er die Meerschweinchen-Gene von seinem Vater geerbt haben könnte. Deswegen ließ er sich lieber ein bisschen mehr Zeit bei der Auswahl der richtigen Frau.

Wenn er erstmal im Käfig saß und für jedes gammelige Salatblatt einen untertänigen Dank fiepen musste, dann war alles zu spät.


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