Deutsche Helfer in Indien "Grauenhafte Szenerie"
Bhuj - Die Lage in der westindischen Stadt Bhuj beschrieb Anger als "fürchterlich". "Ständig fahren hier Reisebusse durch die Stadt, die bis zur Decke gefüllt sind mit Leichen", sagte sie. Obwohl sie selbst schon bei vielen Katastrophen vor Ort war, sei dies eine "grauenhafte Szenerie". Viele ihrer Kollegen seien von den Bildern geschockt, jedoch bemühe sich jeder, seine Arbeit zu machen. "So lange man etwas zu tun hat, kann man sich ja noch ablenken", sagte Anger.
Die Mitarbeiter des DRK haben ihr Lager am Randes des Zentrums von Bhuj eingerichtet. Dort wollen die fast 50 Helfer, die sich aus Deutschen, Finnen, Norwegern und Japanern zusammensetzen, am Mittwoch einsatzbereit sein. Dort sollen 310 stationäre Betten eingerichtet werden, um die aus allen umliegenden Dörfern und Städten ankommenden Verletzten zu versorgen. Insgesamt wollen die Sanitäter in dem Lager etwa 2000 Patienten pro Tag versorgen.
2000 Patienten am Tag erwartet
"Wir müssen uns beeilen, da immer mehr Verletzte zu uns kommen, die von dem Lazarett gehört haben", berichtete Anger. Mit Schubkarren, Pferdewagen und teilweise auch auf dem Rücken transportieren die Menschen Verletzte zum Lager. Schon jetzt sei der Ansturm groß. Deshalb seien die Mitarbeiter Tag und Nacht im Einsatz.
Die Helfer des DRK stellen sich im Notlazarett besonders auf die Versorgung von Notamputationen ein. "In den vergangenen Tagen wurden viele Überlebende förmlich aus den Trümmern geschnitten. Diese notdürftigen Amputationen müssen wir nun versorgen", sagte Susanne Anger.
Ein weiterer wichtiger Part der Helfer ist die Seuchenprophylaxe, da es im Krisengebiet so gut wie keine sanitären Einrichtungen mehr gibt. Deshalb müssen die deutschen Sanitäter viele Menschen versorgen, die bereits an Durchfallerkrankungen oder ersten Vergiftungssymptomen leiden. "Ganz nebenbei machen wir dann noch die normalen Dinge wie Geburten oder Routineeingriffe wie eine Blinddarmoperation", sagte Anger weiter.
Seit Dienstag haben die DRK-Helfer zumindest regelmäßig Strom über einen mitgebrachten Generator. Die öffentliche Stromversorgung ist nach dem Beben fast komplett zusammengebrochen. "Eine medizinische Versorgung wäre unter diesen Umständen gar nicht möglich gewesen, da der Strom immer wieder ausfiel", so Susanne Anger.
Die DRK-Sprecherin rief erneut die deutsche Bevölkerung auf, für die Krisenregion zu spenden. "Aus unseren eigenen Mitteln können wir die Aufgabe hier kaum bewältigen", sagte sie. Am nötigsten würden momentan Decken und Medikamente gebraucht.
Wenig Hoffnung auf Wunder
Unterdessen sinkt die Hoffnung auf die Bergung von Verschütteten von Stunde zu Stunde. Zwar suchen Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) weiter mit Hunden und Wärmebildkameras, doch die Chancen sinken. Immer häufiger können die Helfer nur noch Leichen aus den Trümmern bergen.
In der Stadt Anjar wurde am Dienstag noch ein 16-Jähriger aus den Trümmern geborgen. Der Jugendliche litt nach Angaben der Helfer unter Austrocknung, hatte sonst aber keine Verletzungen. Er wurde gefunden, als Bergungstrupps begannen, mit schwerem Gerät die Trümmer abzuräumen, unter denen er vier Meter tief lag. "Als ich sie graben hörte, fing ich an zu schreien", sagte der Gerettete. Seine Familie hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben. Ein deutsches Mitglied einer Bergungsmannschaft, Jochen Jakowski, erklärte, der 16-Jährige sei vermutlich einer der Letzten gewesen, die gerettet würden. Denn inzwischen werde die kritische 100-Stunden-Marke überschritten, bis zu der es noch berechtigte Hoffnung gebe, Menschen lebend zu bergen. Danach sinke die Wahrscheinlichkeit praktisch auf null.