Deutsche Strähnen
Nadja Reichertz beugt sich über ihr Medium, sie muss jetzt loslassen, sie kann nichts mehr tun. Sie legt ihre Werkzeuge aus der Hand, die Schere, das Haarspray, die Bürste, den Glanzlack, die Zeit ist abgelaufen, 35 Minuten, in denen sie aus einer Tagesfrisur eine Abendfrisur formen musste, kunstvoll und technisch perfekt, sie nennt es »Hair by night«, es klingt wie eine Erscheinung, ein Traum.
Die Preisrichter treten vor das Medium, eine Puppe mit blauen Augen und ohne Unterleib. Sie tragen Klemmbretter wie Schilde vor sich her, Punktelisten liegen darauf, die Richter recken die Köpfe so nah an das Medium, bis sie seine Nase beinahe berühren. Sie suchen nach einem Makel.
Nadja Reichertz steht etwas abseits, am Spiegeltisch Nummer 15, und beobachtet die Richter, wie sie ihr Werk untersuchen. Sie justiert nervös ihre Brille, sie ist 15, und am Ende dieses Tages will sie Deutsche Juniorenmeisterin sein. Sie hat diese Frisur ein Jahr lang entwickelt, ein Gesteck aus drei Haarteilen, das an Nina Hagen erinnert.
In der Westfalenhalle 4 in Dortmund haben sich Friseure zur »HairPower 2006« versammelt, einer Leistungsschau, deren Name andeutet, dass es kein Jahr des Understatements ist. Eine Messe ist wie ein Fenster in die Zukunft, und Haare sind ein Medium, sie erzählen etwas über den Kopf, den sie bedecken. Halle 4 ist hoch und weit wie ein Hangar, auf drei Bühnen schneiden mit Titeln gekrönte Friseure an Modellen, sie reden, Mikrofone an den Wangen, wie Erweckungsprediger über das Morgen, über Dinge, die sie schon sehen und die auch ihr Publikum sehen wird, wenn es nur fest genug daran glaubt. Sie reden über Strähnen, die gepainted, und Ponys, die ausgepointet werden, über Farben, die Magma und Inspire heißen, und irgendwann sagt eine von ihnen, eine ehemalige Weltmeisterin, fast beiläufig einen philosophischen Satz: »An jedem Haar hängt ein Mensch.«
Man kann nicht behaupten, dass die deutschen Friseurgeschäfte in ihrer Masse Keimzellen des guten Geschmacks sind. Viele geben sich Namen, die sie aus furchtbaren Wortspielen bilden, sie nennen sich Haarscharf, Schnittstelle oder Hairport, die Namen von Berliner Eckkneipen klingen poetisch daneben. Sie geben vor, den Trends aus Paris und New York zu folgen, obwohl dort niemand mit grünen Strähnen herumläuft.
Doch Friseure haben eine Macht, um die Politiker sie heimlich beneiden. Sie können Menschen verändern, mit einer Geschwindigkeit und Nachhaltigkeit, wie es Politik nicht vermag. Sie sind wahre Reformer. Deshalb dürfen Udo Walz und Gerhard Meir in Sabine Christiansens Studiokugel sitzen, dem Friseursalon der Berliner Republik, und über Dinge reden, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben.
An jedem Haar hängt ein Mensch, Christoph Daum musste das schmerzhaft erfahren. Gerhard Schröder hat Prozesse um sein nie ergrauendes Haar geführt, Angela Merkel hätte vielleicht ein entscheidender Prozentpunkt zur Kanzlerschaft gefehlt, wenn sie ihre Frisur nicht geändert hätte. Kurt Beck wirft die Frage auf, ob man mit einem Mecki Kanzler werden kann.
Man könnte Nadja Reichertz fragen, sie stammt aus Ellenz an der Mosel, aus dem Bundesland des Pfälzers Beck. Doch der Mecki beschäftigt sie nicht, vielleicht ist er in ihren Augen nicht einmal eine Frisur. Es ist die Strähne, die sie fasziniert, eine deutsche Erfolgsgeschichte. Es laufen Frauen mit roten, grünen, gelben und violetten Strähnen durch die Halle, die wenigsten haben nur eine Haarfarbe.
Wenn man Frauen fragt, die nicht in Deutschland geboren sind, sagen sie, dass sie kein anderes Land der Welt kennen, in dem sich so viele Frauen in so vielen Tönen die Haare färben. Sie sind auch nach Jahren immer noch fasziniert von den älteren Damen, die mit lila Haaren über den Ku'damm spazieren, und manchmal wissen sie nicht, ob sie den Mut bewundern oder entsetzt sind über den Geschmack.
Nadja Reichertz sagt, dass die Haarfarbe viel über die Persönlichkeit erzählt. Sie hat eine magmafarbene Strähne in ihrem blonden Haar. »Jeder möchte ein ausgefallener Mensch sein«, sagt sie, die Haarfarbe sendet das deutlichste Signal, man kann sie nicht ablegen wie ein Kleid.
Es gibt in einem Land, das gerade einen Sommer lang seine Normalität feierte, also noch eine Sehnsucht, anders zu sein. Vielleicht sind die 67 500 Friseurgeschäfte in Deutschland kein schlechter Maßstab, um Sehnsüchte zu messen. Es schneiden und färben und föhnen dort 215 000 Mitarbeiter die Haare ihrer Kunden, sie hören ihnen zu, sie verdienen im Durchschnitt etwa 7,80 Euro die Stunde, sie sind die schlechtbezahlten Psychotherapeuten des Landes. Weil ihre Kunden zwar eine Sehnsucht verspüren, anders zu sein, aber nichts dafür ausgeben wollen.
Am Spiegeltisch Nummer 15 nimmt Nadja Reichertz ihr Medium in den Arm, sie setzt sich ins Publikum zu ihren Eltern und wartet auf die Entscheidung der Jury. Sie trägt ein schwarzes Hemd, auf dem Ärmel klebt die Deutschlandflagge, auf dem Rücken steht in roten Buchstaben »Germany«. Es ist das Nationaltrikot der Friseure, sie will es bei der Weltmeisterschaft 2008 in Chicago tragen.
Sie hat gerade die Hauptschule beendet und ihre Lehre begonnen, doch sie ist im Friseurladen ihrer Eltern aufgewachsen, sie wird ihn irgendwann in fünfter Generation führen.
Vielleicht wird es dann keine Strähnen mehr geben. Der Wettbewerb, das ahnt sie, wird härter sein. Sie sitzt neben ihrem Medium und hört das Urteil der Jury, sie lächelt. Sie hat gewonnen. Für den Moment. MARIO KAISER