Deutsche Vorlese-Muffel Schweigen am Kinderbett
Mainz - Die 30 Prozent der Erwachsenen, die ihren Kindern vorlesen, nehmen sich nur rund eine Viertelstunde täglich Zeit, berichtet die Stiftung Lesen unter Berufung auf eine Studie der Trierer Wissenschaftlerin Sabine Wollscheid. "Die Zahlen sind erschreckend, wenn man um die hohe Bedeutung des Vorlesens bei der Entwicklung von Kreativität, Phantasie und Sprachvermögen weiß", sagte der Geschäftsführer der Stiftung Lesen, Heinrich Kreibich, der Nachrichtenagentur dpa.
"Eltern lesen heute weniger vor", bestätigte Christoph Schäfer, Pressereferent der Stiftung Lesen, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Das liege zum einen an der Konkurrenz durch andere Medien, zum anderen aber auch an Veränderungen innerhalb der Familien. "Lesen wird immer mehr zu einer Nischentätigkeit. Das gilt auch für das Vorlesen", sagte Schäfer. Wichtig für Kinder seien eben auch das Gefühl von Nähe und die Aufmerksamkeit. Der Einsatz von Märchenkassetten könne Vorlesen nicht vollständig ersetzen. "Zum Beispiel schon deswegen, weil die Kinder nicht nachfragen können."
Die Wissenschaftlerin hatte für die so genannten Zeitbudgetstudien des Statistischen Bundesamtes Vorlesezeit gemessen und dazu 5400 Haushalte befragt. Vorgelesen wird demnach in 35 Prozent der Haushalte mit Kindern bis zu zehn Jahren, bei Alleinerziehenden sind es 32 Prozent. Bezogen auf alle Familienhaushalte mit Kindern bis zum 18. Lebensjahr liegt der Anteil der Vorleser bei 17 Prozent. Bei Alleinerziehenden liegt der Anteil bei lediglich zwölf Prozent.
Angesichts dieser Zahlen sieht Kreibich den Staat gefordert: "Deutschland hat die Leseförderung bislang noch nicht als nationale Aufgabe verstanden." Großbritannien und die Niederlände hätten dagegen staatlich bezuschusste Programme zur Vorleseförderung.