Deutschland, einig Feierland "Saufen ist Weinen"
Berlin - Haushaltslöcher, Reformstreit, Arbeitslosigkeit, Deflation, Rezession? Am Donnerstag hieß es: Deutschland, einig Feierland. Bei hochsommerlichen Temperaturen suchten am Himmelfahrtstag die Menschen in Deutschland die Flucht ins Grüne - und den Alkohol. Den zum Herrentag umgetauften Feiertag nutzten viele Männer zünftig mit Strohhut sowie Spazierstock und Klingel ausgerüstet für eine Landpartie ohne Promillegrenze. Viele radelten mit Freunden oder fuhren im Kutschwagen durch die Natur. Gefragt waren auch Bootstouren als Himmelfahrtskommando oder ein erholsamer Tag auf einem Campingplatz.
Allein auf den rund 170 Campingplätzen in Brandenburg ging nichts mehr. "Es ist überall absolut voll", sagte Roberto Heß vom Verband der Campingplatzunternehmen. "Wer jetzt noch einen freien Platz sucht, dürfte Schwierigkeiten haben." Sport, Spiel und Freizeitvergnügen wie Grillen prägte allerorts die Szenerie. Nicht nur Spargelliebhaber machten einen Abstecher zu ihren Lieblingsrestaurants. "Wir hatten heute richtig Landpartie", sagte der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins, Manfred Schmidt. Die Höfe und Ausflugslokale seien sehr gut besucht.
Mancher Ausflügler konnte jedoch schon zur Mittagszeit körperliche Fitness und Alkoholwirkung nicht richtig einschätzen: "Wir mussten einigen hilflosen Personen auf die Beine helfen", sagte ein Potsdamer Polizeisprecher.
Kaiserwetter
Das Kaiserwetter hatte zum Beispiel auch Sachsens Ausflugslokalen zu Himmelfahrt durstige Kundschaft und damit gute Umsätze beschert. Schon seit den Vormittagsstunden waren Gruppen von Männern vielerorts im Freistaat unterwegs, um sich beim Herrentag selbst zu feiern. Nach Aussagen der Dresdner Polizei gingen die Gelage nicht immer friedlich zu Ende. Wiederholt hätten sich alkoholisierte Männer tätlich angegriffen. Bis zum späten Nachmittag war der Landespolizei allerdings kein gravierender Fall bekannt. Auf Anzeigen hätten Betroffene beim Eintreffen der Polizei stets verzichtet.
Die Sorgenfalten über missmutige Deutsche dürften sich an diesem Tag etwas geglättet haben. Der sächsische Finanzminister Horst Metz (CDU) hatte mit Blick auf die rückläufige Biersteuer bereits am vergangenen Dienstag Liebhaber des Bieres indirekt zum Handel aufgefordert: "Ich habe die Hoffnung, dass sich mit dem wachsenden Durst in den Sommermonaten dieser Abwärtstrend wieder umkehrt. Der Herrentag am Donnerstag könnte dafür eine Initialzündung sein", sagte der Minister. Eine Boulevard-Zeitung hob daraufhin Metz in einer Fotomontage als Biere schleppenden Kellner unter der Überschrift "Sachsen sollen saufen!" auf die Titelseite.
Trinkt, Brüder!
Auch "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner hatte den männlichen Teil der Bevölkerung in der Zeitung zum Handeln aufgefordert. Schließlich seien die Herrenpartien nur Ausdruck der vereinsamten Männlichkeit. Sein Credo: "Saufen ist weinen".
Ein Zusammenhang zwischen Christi Himmelfahrt und üppigen Gelagen lässt sich mit Blick auf die Historie dieses Tages jedoch kaum herstellen. Er entstand als Fest im 4. Jahrhundert und wird am 40. Tag nach Ostern und 10 Tage vor Pfingsten gefeiert. Bereits im 16. Jahrhundert gab es zu diesem Anlass Bittgänge und Wallfahrten. Die Kirchenoberen hielten die Gläubigen zu Segnungen und Bittprozessionen für eine gute Ernte an. Oft ging der Tag dann mit Speis und Trank zu Ende. Tanz, Musik, Wettkämpfe und Geschicklichkeitsspiele bereicherten das Beisammensein.
1910 wurde in den USA zu Himmelfahrt der "Vatertag" ins Leben gerufen. Der steht nach Ansicht der Kirche allerdings in keinem Zusammenhang mit dem christlichen Feiertag: "Der so genannte Herrentag in seinem 'Ritus' erfährt vielfach durch alkoholisierte 'Herrenpartien' ein geradezu karnevalistisches Gepräge", mahnte die Evangelisch-Lutherische Kirche. Herrentag, Helau.