»Dich gibt es, du mußt lernen, daß du existierst« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 118

»Dich gibt es, du mußt lernen, daß du existierst«

• aus DER SPIEGEL 13/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Anfang bestand die Welt aus Hunger, Schlafen, Warten und Schmerz. Da waren ein Gesicht und zwei Arme, die manchmal das Ende des Hungers bedeuteten, Sättigung und manchmal Angst und Qual. Dieselbe Quelle ließ ihn überleben und bedrohte sein Leben, von ihr kam alle Hoffnung und aller Schmerz.

Sonst gab es nichts. Jonathan ist jetzt siebeneinhalb Monate alt, und er hat nicht gelernt, daß es Menschen gibt, mit denen man Zwiesprache halten kann. Die einem in die Augen blicken oder den Körper berühren, nur so, zum Spaß. Von der Mutter hat er gerade so viel Fürsorge erlebt, daß es zum Überleben reicht. Und Mißhandlungen, seit seiner Geburt. Vor ein paar Wochen haben sie ihn von der Familie weggebracht, ins Säuglingsheim. Dort schlägt ihn niemand mehr. Aber immer noch lächelt er so still, ins Nichts.

Manchmal hebt er seine Hände und betrachtet sie mit abwesendem Blick, wie fremde Objekte, unerklärlich, die nicht zu ihm gehören, sondern zu irgend etwas, das er nicht kennt.

Er sieht niemanden an, als ihn die Säuglingsschwester ins Zimmer trägt, er schaut auf die gelbgestrichene Wand. Er hat dieses Zimmer schon ein paarmal gesehen, auch diese Frau mit den dunklen, sprechenden Augen, die da am Schreibtisch sitzt und immer wieder versucht, seinen Blick zu fangen.

Das ist diese Stimme, die mit ihm spricht. Diese Hand, die nach seinen Fingern tastet, die spüren will, daß er sich bewegt. »Das bist du«, sagt die Frau. »Du weißt nicht, daß du einen Körper hast. Das ist er. Die Hände gehören zu dir.«

Alle zwei Wochen bringen ihn die Säuglingsschwestern von Antony, einer Provinzstadt 20 Kilometer südlich von Paris, ein paar Orte weiter zur Praxis von Caroline Eliacheff. Sie ist Psychoanalytikerin, in Frankreich so etwas wie eine Berühmtheit, und sie tut etwas, das konventionelle Kollegen absonderlich finden: Sie redet mit den Kleinen, als wären sie erwachsen. Und sie vertraut darauf, daß die ihre Botschaften verstehen.

Sie kann nicht Mutter und Kind gemeinsam in die Praxis bitten, wie das anderswo üblich ist. Die Eltern der Kinder aus Antony sitzen, wie Jonathans Mutter, im Knast. Oder sie sind auf der Flucht vor der Polizei. Oder wahnsinnig. Oder drogensüchtig. Oder vielleicht haben sie schon vor der Geburt beschlossen, daß sie mit dem Kind nichts zu tun haben wollen.

Aber das Kind nur als Fortsetzung der Mutter mit anderen Mitteln zu betrachten, das widerstrebt Eliacheff sowieso. Für sie ist es der Säugling selbst, der zählt: ein menschliches Wesen, das man wichtig nehmen muß. Sicher, es hat noch keine Wörter. Doch das Kind hat seinen Körper, mit dem es Botschaften vermitteln kann. Es spricht die »Sprache der Organe": Es wächst nicht oder kann nicht atmen, es leidet an Hautausschlägen oder am starren, in sich gekehrten Blick.

Eliacheff, 46, hat als Medizinerin begonnen und dann, sehr früh, die Psychoanalyse entdeckt. Der Strukturalist Jacques Lacan hat sie fasziniert und dessen Ideen: daß der Körper Sprache und die Sprache Körper sei. Sie ließ sich zur Analytikerin ausbilden, fing an, sich mit Kindern zu befassen, und als ihr 1987 ein Team vom Säuglingsheim Paul-Manchon in Antony anbot, mit Babys zu arbeiten, sagte sie zu.

In ihrem Buch, das jetzt auf deutsch erscheint, erzählt sie die Geschichten dieser Kinder und wie sie reagiert haben auf ihre Therapie*: Fleur, das Baby, das man wenige Tage nach der Geburt in einem Müllsack fand und das sich entscheiden mußte, ob es leben wollte oder nicht. Mathias, knapp drei, der kein Mensch sein wollte, der sich auf dem Boden rollte und schnurrte wie eine Katze, weil seine Eltern ihm zu verstehen gaben, daß sie mit Tieren besser klarkamen als mit ihm. Oder Melina, 18 Monate alt, die dabei war, als der Vater die dreijährige Schwester mißbraucht und getötet hat. Sie hat den geschändeten Körper gesehen.

Eliacheff will mit ihnen gesprochen, das Leiden in Sprache übersetzt haben, sie hat die »Untertitel« gefunden: So nennt sie das. Und das, sagt sie, habe ihnen geholfen, jedem einzelnen, von dem sie erzählt.

Wie soll das gehen? Da sitzt Jonathan, der noch nicht einmal ein Jahr alt _(* Caroline Eliacheff: »Das Kind, das ) _(eine Katze sein wollte, ) _(Psychoanalytische Arbeit mit Säuglingen ) _(und Kleinkindern«. Aus dem Französischen ) _(von Susanne Farin. Verlag Antje ) _(Kunstmann, München; 196 Seiten; 29,80 ) _(Mark. ) ist und der von Menschen nichts mehr erwartet, der aufgegeben hat. Der sich eine Welt aus Dingen zusammengebastelt hat - auch sein Körper ist so ein Ding.

Sie berührt seine Hände und spricht dabei. »Du mußt lernen«, sagt sie, »was deine Glieder sind. Du mußt zwischen dir und der Welt unterscheiden. Dich gibt es. Du existierst.«

Und der Junge blickt an die Wand und lächelt still. Aber dann tastet er doch nach diesen großen Fingern, und plötzlich brabbelt er los in die Richtung, aus der die Töne kamen. Der Junge strampelt und zappelt auf der Schwester herum. Als die Therapeutin ihn verabschiedet, schaut er wieder ins Nichts. Die Schwester trägt ihn hinaus.

Was hat er verstanden?

Keine Ahnung. Auch Madame Rethore weiß es nicht. Aber sie weiß, daß das richtig ist, was da geschieht.

Madame Rethore sitzt in Antony in ihrem Direktorinnenzimmer voller Aktenvermerke und Verwaltungserlasse, sie hat für 130 verlassene und mißhandelte Kinder wie Jonathan zu sorgen, und sie hat beschlossen, daß manche Kinder die Hilfe von Psychoanalytikern brauchen. Und daß es den Kindern dann bessergeht. Das genügt.

Madame ist keine Träumerin, sie ist Direktorin, und sie hält nichts von Phantastereien. Aber Madame Rethore, die Mittfünfzigerin mit dem sehr entschiedenen Blick, muß eine sanfte Seite haben. Madeleine Rethore hat einst nicht nur Verwaltung und Jura studiert, sondern auch eine Dosis Psychologie. Und als sie vor gut 20 Jahren ihren Job im Säuglingsheim Paul-Manchon antrat, da hat sie sofort festgestellt, daß da alles anders werden muß. Daß man sich bestens um die Körper der Kinder gekümmert hat, aber um die Seelen nie.

Also hat sie nicht nur die alten Schlafsäle entrümpelt und neue Spielsachen angeschafft und liebevolle Schwestern eingestellt. Sie hat festgestellt, daß das funktioniert, wenn Eliacheff, wie immer sie das anstellen mag, »das Leiden der Kinder in Sprache übersetzt«. Deshalb schickt sie die Kinder dorthin.

Philippe zum Beispiel, ein blasses Baby, 13 Monate alt, das als Notfall ins Heim kam. Ein starres Paket auf dem Arm der Säuglingsschwester, er zuckt kurz, als man ihn in die Praxis bringt, steif rollt er vom Arm des Mädchens, liegt auf dem Boden wie ein Brett und schreit.

Im Heim schreit er fast ständig, und immer wieder, jeden Tag, schlägt er seinen Kopf auf Tische oder Stühle oder an die Wand, er schlägt und schreit. Manchmal so lange, bis er blutet. Das tat er auch in der letzten Sitzung bei Eliacheff, schlug den Kopf auf den Tisch und schrie und blickte immer wieder auf die Frau und schlug den Kopf auf den Tisch und schrie.

Was tun mit so einem Kind?

Verstört sitzt der Kleine auf dem Schoß der Schwester, im Augenblick schreit er mal gerade nicht und haut bloß einen Stift auf den Schreibtisch, nicht seinen Kopf. »Das ist ein Objekt. Das tut nicht weh. Deine Mutter, die ist ein Mensch. Wenn man sie schlägt, das tut weh. Man darf sie nicht schlagen. Dein Vater hat das getan, und du hast das gespürt.«

Philippes Vater hat regelmäßig die Mutter verprügelt, und meistens hielt sie dabei den Kleinen im Arm. Und die Analytikerin glaubt, daß sie endlich verstanden hat, was der Körper des Jungen sagt, wenn er sich verletzt. Da war die Mutter, die er nicht schützen konnte, wie jedes Kind es will. Da war der Vater, der schlug und der doch der Vater war, der vertraut ist, den er lieben will. Er hat den Vater imitiert.

»Hör auf damit«, sagt sie. »Du mußt darauf verzichten, dir wehzutun. Dein Vater bleibt dein Vater, du brauchst nicht dasselbe zu tun wie er. Man muß nicht schlagen, damit einen jemand versteht.«

Der Junge sitzt da, mit aufgerissenen Augen, er schreit nicht, er schlägt nicht, er blickt dieser Frau ins Gesicht. »Ich sage dir Auf Wiedersehen, Philippe. Bis zum nächsten Mal. Paß gut auf dich auf.« Als die Schwester das Kind hinausträgt, kurz vor der Tür, dreht er sich noch einmal um und schaut Eliacheff ins Gesicht.

Hat er verstanden?

Sie sagen oft Wörter zu ihm, im Säuglingsheim. Irgendwann, im Lauf der Jahre, haben sie dort beschlossen, daß ein Kind eine Persönlichkeit ist und daß es die Wahrheit verdient, von Anfang an.

Jeder im Heim soll ein Recht auf seine Geschichte haben. Wer hierher kommt, drei Jahre oder drei Monate oder drei Tage alt, der hat Grund genug zu zweifeln, daß es sich in dieser Welt zu leben lohnt. Fast immer sind es die Eltern, welche die Qualen verursacht haben - die Menschen, die Schutz sein sollten und die zur Bedrohung geworden sind. An wen soll man da noch glauben?

Die Schreie kommen sowieso immer wieder, die Bilder und der Schmerz, da muß es doch besser sein, damit leben zu lernen, anstatt so zu tun, als wäre nichts. Jeder erfährt, wer seine Eltern sind und was sie getan haben und daß sie Menschen und nicht Monster sind, die man lieben darf, wenn man will. Er hört Wörter wie »Gefängnis« oder »Trennung« oder »Pflegefamilie«. Macht nichts, wenn er die Vokabeln nicht versteht: daß man ihn ernst nimmt, das versteht er schon.

Und wenn es nur das sein sollte, was Eliacheff den Babys gibt - vielleicht ist es genug: diese Haltung, daß es eine Zukunft gibt und daß es den Versuch wert ist, sich diese Welt näher anzuschauen. Daß es jemanden gibt, der einen verstehen will und einen Sinn in all diesen Dingen sieht.

Sophie war knapp zwei, als sie das erstemal in die Sprechstunde kam, ein Mädchen, das Angst hatte. Panik. Immer, vor allem, was sich tat. Wenn sie etwas gelernt hatte, dann sollte das keiner wissen. Sie wollte nicht laufen, nicht sprechen. Nicht wachsen. Sie hatte Angst vor dem Leben. Angst.

Jetzt ist sie vier, ein kleines, braunhäutiges Mädchen, für den Besuch bei der Therapeutin hat sie sich schwarze Zöpfchen ins Kraushaar flechten lassen und das hübsche rote Karokleid angezogen, und sie ist liebenswürdig, meistens jedenfalls. Lange Zeit ist sie zu lieb gewesen. Sie lächelte, aber sie traute niemanden.

Sie war ein paar Tage alt, als sie ins Säuglingsheim kam. Ihre Mutter gab sie zur Adoption frei, gleich nach der Geburt. Aber dann hat sie es sich anders überlegt. Immer wieder, drei Jahre lang, sagte sie nein zur Adoption, sie wolle das Kind, aber sie hat nie versucht, mit ihm zu leben. Sophie hatte eine Mutter und hatte sie nicht, und es fiel ihr sehr schwer zu glauben, daß irgend jemand meinen könnte, was er sagt.

Es geht ihr viel besser, und wahrscheinlich kommt sie zum letztenmal. In diesem Monat soll sie adoptiert werden. Sie weiß, was das ist. In Antony haben sie oft darüber gesprochen. Jedes Kind erfährt, daß es das Heim irgendwann verlassen wird und daß das etwas Gutes ist, wenn es geschieht. Wenn jemand geht, um adoptiert zu werden oder bei einer Pflegefamilie zu leben oder vielleicht sogar zu den Eltern zurück, dann ist das jedesmal ein Fest.

Sie hat das schon oft erlebt. Das ist dann so wie gestern bei dem Kleinen im zweiten Stock, der seinen Ausstand gab. Dann sitzen die sechs Kinder aus einer Gruppe um ihren Kindertisch, dann hat jeder sein Tellerchen mit Kuchen und Kakao oder Saft dazu, und zum Abschied kriegt man so ein Heft mit Fotos und den Namen der vier Schwestern, die sich um einen gekümmert haben.

So wird das sein, sie ist darauf vorbereitet, sie kann allmählich glauben, daß das auch geschehen wird, was man ihr sagt.

Sie spielt mit den Malstiften, die auf dem Schreibtisch liegen, aber Bilder malen, so wie sonst, will sie heute nicht, und sie hat auch keine Lust auf viel Gerede. Sie nimmt ein Blatt Papier vom Tisch und greift zur Schere. »Ich zerschneide das jetzt«, sagt sie wichtig, und die Therapeutin nickt. Sophie schneidet das Blatt entzwei. Dann geht sie zur Tür. Y

Das Baby Melina sah zu, als der Vater die Schwester ermordete

Sie war lieb und lächelte, aber sie traute niemandem

* Caroline Eliacheff: »Das Kind, das eine Katze sein wollte,Psychoanalytische Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern«. Aus demFranzösischen von Susanne Farin. Verlag Antje Kunstmann, München;196 Seiten; 29,80 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 118