Die Achse des Guten
Immerhin, es spielte die »Pframminger Musi«. Und Fassbier, Brezn und Leberkäs gab es auch. Zudem war der Festsaal im Münchner Augustiner-Keller - »Gemütlichkeit, wohin Sie auch schauen« - ziemlich handgeschnitzt und urkundlich 1812 zum ersten Mal als Bierlagerstätte im Stadtplan erwähnt. Urig also. Andererseits hätten die weißen Tischdecken und die zierlich handgefalteten Stoffservietten natürlich eine Warnung sein können.
Aber wer denkt denn immer gleich an das Schlimmste?
Zuerst stimmte ja auch alles: Bayerischer Defiliermarsch, Händeschütteln, Fotoblitze, Schulterklopfen. Schließlich war Aschermittwoch in München, politischer Aschermittwoch, überparteilicher politischer Aschermittwoch, von »Bild« veranstaltet mit - wow, meine Damen und Herren, wie Chefredakteur Kai Diekmann so entzückt ins Mikrofon hauchte, als könnte er es selbst nicht glauben - »den beiden härtesten und klügsten Rednern der Republik«. Da freuten sie sich bescheiden, der rote Oskar Lafontaine aus Saarbrücken und der schwarze Peter Gauweiler aus München. Heftiger Beifall.
Seit einer Stunde hatten die Leute angestanden, um die 600 »Bild«-Leser und Honoratioren. Zwei Polit-Matadore mit Gewicht, notorische Streithammel dazu - wenn das keine Redeschlacht gibt?
Hinter dem »Schwerdenker« von der Saar, dem »Stachel im Fleisch des Genossen der Bosse«, vermutete Diekmann »die Intelligenz«. Hinter dem »Unruhestifter« aus Unter- und Obersendling, Giesing und Harlaching, »dem wahren Erben des Franz Josef Strauß«, dem »kein Eisen heiß genug« ist, die Unterstützung des Saals. Also: »Jetzt: Ring frei.«
Peter Gauweiler, 53, weißhaarig inzwischen und zünftig elegant in Trachtenloden gekleidet, macht den Anfang. Gemessen betritt er die Bühne, ruckelt ein wenig am Mikrofon, scherzt ein bisschen vor sich hin, so dass alle sich schon erwartungsfroh aufrichten, weil nun gleich das Gedonner anheben muss gegen das rote Gelumpe und die regierenden Schlafmützen. Aber dann sagt er innig: »Wir brauchen ein Ende der Dauerbeschimpfung.« Die Spaßgesellschaft gehe ihm langsam zu weit, grummelt er, eine Kultur der Zusammenarbeit zwischen Schwarz und Rot sei gefragt, wenn nicht gar »eine Regierung der nationalen Einheit«.
Ja, himmisakrakruzitürkennochamoil, wo samma denn? Hat der Schröder etwa den Gauweiler, der ja jetzt Bundestagsabgeordneter ist in Berlin, wenn auch immer noch für die CSU, heimlich umgedreht? Aber nein, es muss wohl der Papst gewesen sein. Seit der Irak-Kriegs-Gefahr ist - »bei aller Liebe zu Amerika«- Johannes Paul II. dem altbayerischen Lutheraner Gauweiler hundertmal lieber als George W. Bush. »Ehrenpräsident der Menschheit« müsste der Heilige Vater sein.
Gauweiler, der Christ, redet jetzt geradezu inbrünstig. Nun ist er Bußprediger, wie der Tag es befiehlt. Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein, zitiert er den französischen Schriftsteller André Malraux. Stalin musste lernen, dass der Papst keine Divisionen braucht. Bush wird es auch kapieren. Je länger der Gauweiler Peter spricht, desto ergriffener hofft er auf eine bessere Welt. Gleich wird er bestimmt Martin Luther King zitieren. Richtig. Der hatte einen Traum, Gauweiler auch.
Längst ist es bedrückend still geworden im Augustiner-Keller. Viele nicken, doch nur wenige so heftig wie Oskar Lafontaine. Am Ende klatschen die Leute, wie sie in der Kirche applaudieren würden, wenn sie dürften.
Nun geht aber nicht der Klingelbeutel rum, sondern Oskar Lafontaine, 59, auf die Bühne. Auch von seinem runden, roten Mönchsgesicht strahlt eine tiefe Milde in den Saal. »Ich, als SPD-Politiker, habe zum Christentum nie einen Widerspruch gesehen«, hebt er an. Wie denn auch? Der Jesuiten-Schüler Lafontaine hat seinen Sozialismus stets als Nächstenliebe verstanden.
Wenn man das auch nicht immer so merken konnte. Erst unlängst hat er in seiner Kolumne zu Tätlichkeiten aufgerufen: »Haut jedem aufs Maul, der euch etwas zumuten will, was er selbst nie ertragen würde.« Aber nun, Auge in Auge mit den real existierenden Nächsten, säuselt er, es sollten sich zunächst einmal alle an die eigene Nase fassen.
Lafontaine predigt nicht, er doziert. Er hat auch keinen Traum, sondern nur immer Recht. Und so verkündet er Einsichten, »die mir seit vielen Jahren gekommen sind«, zum Beispiel, dass die Wirtschaft nicht laufen kann, wenn man kein Geld ausgibt. Oder: »Man muss die USA dazu gewinnen, sich in den Dienst der Vereinten Nationen zu stellen.«
Ja, das ist es wohl. Weiß das keiner? Überhaupt müsste man die Welt dazu kriegen, besser zu werden, am besten irgendwie wieder so wie früher, darüber sind sich die beiden »Bild«-Kolumnisten einig. Mit Politik ist das offenbar nicht zu machen. Die ist ihnen zu kleinteilig, zu engstirnig, zu langweilig. Und so vereinigen sie sich an diesem Morgen zu einer großen moralischen Anstrengung, um die Achse des Guten in die Welt zu wuchten, ein publizistisches Widerlager zum Papst sozusagen, ein moralisches Warnsignal für George W. Bush: Kehre um!
Redeschlacht? Schlagabtausch? Klartext? Immerhin, es musste nicht gebetet werden. »Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist«, predigen die Priester am Aschermittwoch, »und zum Staube kehrst du zurück.« Eben. Ein bisschen Starsein in der Zwischenzeit kann deshalb nicht schaden. Im Augustiner-Keller rangelten die Bürger mit den Kameraleuten um ein Autogramm der Promis oder ein paar exklusive Worte ins Mikrofon. In aller Bescheidenheit, versteht sich. JÜRGEN LEINEMANN