Gesellschaft Die Aliens
Anton Niederberger stellt die Ameise und den Gekko vor. Ein freundlicher Herr, mit einem feinen Schweizer Akzent und einem hellen Anzug, er steht in Halle 25 der Hannover Messe. Seine Firma heißt Serbot Innovations GmbH Swiss, und Niederbergers Hauptinnovationsgebiet ist das Fensterputzen. Die Ameise putzt Fenster, der Gekko auch. Die Ameise ist nicht sehr groß, hat zwei Beine, eine Versorgungsleitung. Sie reinigt zwar nur von außen, und auch nur, wenn sie mit dem Untergrund der Fassade klarkommt, aber immerhin. Der Gekko ist auch nicht schlecht. Ihn muss jemand platt getreten haben, denn er sieht aus wie ein großer, flacher Frisbee. 73 Kilogramm wiegt er, und sein richtiger Name lautet Gekko III Plus. Auch er kann mit Hilfe von Vakuumsaugern Glasfassaden hochklettern und sie dabei reinigen. Selbständig, schnell, 24 Stunden am Tag. Er ist schneller als die Ameise. Bis zu 240 Quadratmeter pro Stunde.
Die Halle 25 der diesjährigen Hannover Messe erzählt von der Gegenwart der Zukunft. Hier stehen die Roboter, die uns von der Zukunft der Arbeit berichten. Die Zukunft sieht ungefähr so aus: Die langweilige, die gefährliche und die stupide Arbeit machen immer häufiger Roboter, den Rest wir. Je weiter man in die Zukunft schaut, desto mehr Arbeiten sind langweilig, gefährlich oder stupide. Man bekommt eine Ahnung davon, wie besessen der Mensch daran arbeitet, sich überflüssig zu machen.
Es sind meist sehr freundliche Menschen, die vor den Messeständen stehen, meist Männer, die wie junge Väter klingen, wenn sie von ihren Robotern sprechen. »Er kann ganz allein krabbeln«, sagen sie dann stolz und zeigen auf etwas, das wie ein Bierkasten mit Antennen aussieht.
Viele der Roboter in Halle 25 können besser greifen, besser heben, besser stemmen als Menschen. Beim Rest liegen wir meist noch vorn. Die können uns nichts, das ist die Botschaft. Aber vermutlich sagten das auch mal die Droschkenfahrer, als das Auto erfunden wurde.
Anton Niederberger, der Ameisen- und Gekko-Mann, wollte ursprünglich keine Roboter in die Welt setzen. Seit 1991 baut er Fassadenbefahranlagen, das sind diese Außenkräne an Hochhäusern, an denen die Fensterputzer hängen. »Meine deutschen Konkurrenten haben plötzlich in Rumänien produziert, und ich war mit meinen Schweizer Produktionskosten zu teuer.« Niederberger musste sich etwas einfallen lassen. »Die Deutschen kriegen das Problem bald auch. Wir können gegen Asien nur mit Innovation überleben.« Also mit Robotern, findet Niederberger. Der Markt, auch das lehrt die Halle 25, drängt den Menschen dazu, sich überflüssig zu machen.
Die meisten Menschen haben ein eher romantisches Verhältnis zu Robotern. Sie wollen, dass Roboter wie Menschen aussehen, vermutlich, weil sie ihnen so weniger Angst machen. Der Roboter soll aussehen wie eine Mischung aus Terminator, R2-D2 und dem durchgeknallten Ding aus »Nummer 5 lebt!«. Ingenieure geben sich mit weniger zufrieden. Sie sind froh, wenn der Roboter allein zur Ladestation findet und dabei nicht gegen eine Wand rennt, die er noch nicht kennt. Er soll »robust« laufen, wie Techniker es nennen - also immer. So gesehen wären die meisten mit jemandem wie Toomas sehr zufrieden.
Toomas steht nicht weit von Anton Niederberger, an einem anderen Stand der Messehalle. Er ist ungefähr 1,50 Meter groß, hat eine Kegelfigur und einen Glaskopf, aus dem er sich mit zwei weißen Augen die Welt anschaut. Toomas gehört zur Firma Metralabs aus Ilmenau. Er ist ein Einkaufsroboter. Er soll vor allem in Baumärkten eingesetzt werden. Seine Aufgabe ist es, selbständig Kunden anzusprechen, sie zu fragen, ob sie etwas suchen, und falls ja, sie dann zu dem Regal zu bringen, in dem das Produkt steht. Der Roboter soll das tun, was ein deutscher Verkäufer offenbar nicht so gut kann, also nett fragen, ob der Kunde Hilfe braucht, und dann helfen. Vielleicht sagt Toomas Existenz mehr über die Servicementalität in Deutschland aus, als einem lieb sein kann. Ein Arbeitstag von Toomas dauert bis zu zwölf Stunden, auch das eine schlechte Nachricht. Er ist mit Sensoren und Erkennungssoftware ausgestattet, damit er nur Menschen anspricht und nicht beispielsweise eine Duschkabine, die er für einen dicken Kunden hält. Bei Metralabs geben sie zu, dass Toomas im Vergleich zu anderen Robotern noch nicht sehr viel kann, aber das Wenige, das er kann, erledigt er zuverlässig. Das klingt bedrohlich genug.
Die Zukunft ist nah, davon berichtet die Halle 25, und in manchen Branchen stehen neue Dienstleistungsroboter bereit, Arbeitsplätze zu übernehmen. Der MG-500 von Neobotix, einer Abteilung der GPS GmbH in Stuttgart, ist ein kleiner, grauer Kasten, der mit Kameras und Sensoren ausgestattet ist. Er kann ungefähr das, was ein Wachmann auch kann. Patrouillieren, erkennen, ob Türen geöffnet wurden, im Notfall Alarm schlagen. Natürlich kann er Live-Bilder an die Zentrale senden. Sieht nicht gut aus für Wachmänner. Ein Draufgänger ist Chrysor. Er wiegt knapp eine Tonne, hat acht Reifen und kann als Rettungsroboter arbeiten. Er hat eine Wärmekamera, einen Laserscanner und Temperatursensoren. Wenn ein Rettungseinsatz gefährlich werden könnte, also ein Held gebraucht wird, sollte man Chrysor vorschicken.
Der HRP-2 Promet allerdings, der blaue Roboter, mit dem sich Kanzlerin Merkel bei ihrem Rundgang über die Hannover Messe fotografieren ließ, ist nur ein Forschungsroboter. Er kann nicht viel, sieht nur sehr menschlich aus. Kein Fensterputzen, keine Einkaufshilfe, kein Wachdienst. Merkel hat sich mit einem Versager fotografieren lassen. JUAN MORENO