IRAK-KRIEG Die deutsche Front
Die Grenze des irakischen Kriegsgebiets verläuft ziemlich genau acht Straßenkilometer nordöstlich von Landstuhl, Germany. Sie wird markiert vom Rollfeld der Ramstein Air Base, wo mattgraue C-17-Frachtmaschinen in schnellem Takt Menschen und Material bewegen. Busse werden beladen, klobige amerikanische »Blue Birds«, sie sehen aus wie Spielzeug neben den Flugzeugen, auf ihre Flanken sind rote Kreuze auf weißem Grund gemalt. Sie bringen den Krieg nach Landstuhl, bei Tag und bei Nacht.
Sie queren den Flugbetrieb, die ganze schiefe Ebene des kleinstadtgroßen Stützpunkts der US-Luftwaffe, nehmen vom Tor weg die breite »Privatstraße des Bundes«, fahren südlich an Ramstein-Miesenbach vorbei, biegen ein auf die Landstraße 363, unterqueren die Autobahn A6, nehmen in Landstuhl die Saarbrücker und die Kaiserstraße, dann die Luitpoldstraße hinauf auf den Kirchberg, dann ist es nicht mehr weit.
Wenn die Adressen Munson Circle heißen, Walter-Reed-Drive, Fifth Street, sind sie da: 3500 Kilometer von Bagdad, 5200 Kilometer von Kabul, 6200 Kilometer
von Mogadischu erreichen sie das größte Lazarett der US-Armee außerhalb der Vereinigten Staaten, die Notaufnahme des Landstuhl Regional Medical Center.
Aus der Luft sieht der Bau wie das Muster einer geschwungenen Wirbelsäule aus, ein zentraler Flur von zweieinhalb Kilometer Länge erschließt 14 Gebäudeblocks. Sie könnten hier 1000 Betten im äußersten Notfall aufstellen, im Moment kommen sie mit 140 aus. Insgesamt arbeiten 2200 Menschen in den Abteilungen, Ärzte, Pfleger, Fahrer - verteilt auf einen Zwei-Schichten-Betrieb. In der Pressestelle gibt es Zettel mit Informationen, einer davon ist überschrieben mit »Ein typischer Tag«. Darauf sind verzeichnet: täglich 1178 Mahlzeiten, 1598 verabreichte Dosen Medikamente, 2,3 Geburten, 23 Patientenaufnahmen, 9 neue akute Notfälle jeden Tag, das ist mehr, als viele Zivilkrankenhäuser
in zwei Monaten aufnehmen. Sie kommen von der Front. Sie kommen im Bus.
Sie kommen, am vorvergangenen Donnerstag, im Morgengrauen, es ist 6.55 Uhr, dünner Regen sprüht aus stürmischen Windböen. Am Eingang des Hospitals, im Neonlicht der Lobby, formiert sich ein Komitee zum Empfang. Es sind Schwestern und Verbindungsoffiziere, Pfleger. Ärzte in Uniform stehen da, Leute von der Verwaltung, militärische Buchhalter in Springerstiefeln, der Kaplan vom Dienst. Alle tragen violette Gummihandschuhe, niemand weiß genau, was zu erwarten ist.
Die Busse kommen kurz nach sieben, es sind zwei. Sie biegen ein in den Wendehammer an der Hauptauffahrt, drehen um und stoßen dann langsam zurück. Aus der Lobby, aus gläsernen Schiebetüren, kommt die Vorhut des Hospitals, sie bilden eine Traube um das Heck des »Blue Bird«, 16 Leute insgesamt. Ganz außen steht eine Schwester auf Zehenspitzen und müht sich, einen Regenschirm über die Flügeltüren des Busses zu halten, sie stehen jetzt offen. Aus dem Innern wird eine Trage ins Freie gehoben, hinaus in den Regen, der Krieg kommt an in Landstuhl.
Er kommt als geschundener Mensch, als ein Körper fast komplett bandagiert, der Mull an Stellen dunkel getränkt, der ganze Leib an Automaten angeschlossen, ein Mann ohne Bewusstsein. Der Kaplan ganz vorn heißt ihn willkommen, jeder hier wird persönlich begrüßt, egal, ob er wacht oder schläft oder im Koma liegt. Der Priester steht links der Trage, über dem Verwundeten, er beugt sich zu ihm, es ist wie eine Verneigung, er spricht ihn mit Namen an, »Michael«, er sagt: »You are safe now.« Er sagt: »You're in Germany.«
Er macht mit der rechten Hand, im violetten Handschuh, ein segnendes Kreuz in die Luft, über dem Soldaten, der unter seiner Hand schon davongefahren wird, eilig, gezogen von vielen Händen. Es geht in einen Lift, es geht um Leben und Tod, es geht in die Intensivstation, jede Minute kann entscheidend sein in Landstuhl.
Aus dem zweiten Bus werden vier Männer auf Tragen entladen, Verletzte außer Lebensgefahr, aber mit Schläuchen in Hals und Nase, mit Drähten in der Brust, mit geschienten Knochen, verbrannter Haut, Finger, Zehen, Füße amputiert. Jeder von ihnen wird mit der gleichen Aufmerksamkeit begrüßt, beruhigt, gesegnet. Zehn Männer entsteigen dem Bus, durch die seitliche Tür, auf Krücken oder äußerlich ganz unverletzt. Einige von ihnen kommen nach Landstuhl, um mit Psychiatern zu sprechen, Männer mit leeren Augen, geblendet von den Bildern des Krieges.
8000 Soldaten und Armeeangehörige sind seit Beginn des Irak-Feldzugs im März 2003 mit »combat injuries«, Wunden aus der Schlacht, im Hospital auf dem Landstuhler Kirchberg versorgt worden. Diese offizielle Zahl ist zweifelhaft, man könnte sie höher ansetzen, allein schon, weil psychische Wunden nicht mitgezählt werden und auch Herzinfarkte im Kampfgebiet nicht, selbst wenn sie junge Männer treffen. Aber Zahlen, sie sind das Spielmaterial der Politik. Ob 8000 oder 10 000 Kriegsversehrte, für den Tagesbetrieb der Klinik am Rande des Pfälzer Walds spielt es keine Rolle. Sie sind hier schon froh, wenn sie die Tage so gut wie möglich überstehen.
Es geht nicht nur um den Irak und Afghanistan. Landstuhl ist das Zentralkrankenhaus der US-Streitkräfte in Europa, zuständig für den Bereich des »Central Command« - und damit für die halbe Welt. 38 000 Patienten insgesamt waren seit 2003
hier, Alltagsfälle die meisten, Beinbrüche, Blinddärme, entzündete Mandeln, Geburten. 60 000 Amerikaner sind seit der Einweihung des Hospitals im Jahr 1953 hier zur Welt gekommen. Andere kommen gerade so mit dem Leben davon.
In Block 10, Flur D, Zimmer 225 liegt Paul Gillilan auf seinem Bett, es riecht nach Reinigungsmitteln und Krankenhaus. Gillilan ist 24, sein Vater war Soldat, sein Bruder ist in Afghanistan im Einsatz, seine Frau zu Hause erwartet ihr erstes Kind, es wird ein Mädchen. Er spricht schleppend, das kommt von den Schmerzmitteln, sie tropfen in ihn hinein über eine Kanüle im Handrücken, er achtet nicht darauf, er lächelt. Er ist ein typischer Fall.
Sein Heimatstandort ist Fort Carson, Colorado, Sitz des 1. Bataillons des 9. Infanterieregiments, in Militärkreisen ist das eine berühmte Einheit, eine der ältesten der US-Armee, die schon im Krieg von 1812 gegen die Briten focht. Gillilans Weg von Colorado nach Landstuhl führte über Ramadi, 100 Kilometer westlich von Bagdad. Es ist ein Wunder, dass er es bis nach Deutschland geschafft hat, es ist das Verdienst von Sanitätern, Piloten, von Schwestern und Militärlogistikern, die das System der Evakuierung vom Schlachtfeld Stunde um Stunde weiter perfektionieren.
Gillilan war als Unteroffizier im Einsatz, als ein auf 40 Mann aufgestocktes Platoon in der Nacht zum 24. Februar im Malab-Distrikt von Ramadi auf Patrouille ging. Sie marschierten ohne schwere Waffen, im Zug nur Humvees, keine Panzer, sie suchten nach Terroristen, nach Munitionslagern, sie gingen eine enge Straße entlang.
Die unbemannten Drohnen über ihren Köpfen meldeten Bewegungen des Feindes, es waren Leute auf den Dächern, um ein Uhr nachts, und sie bewegten sich parallel zur Patrouille. Ein Leutnant hielt Rücksprache mit dem Kommando, er sagte: »Wir laufen hier in eine Falle.« Aber der Kommandierende befahl, die Operation nicht abzubrechen. So ging Gillilan weiter, im Zug der anderen, auch irakische Soldaten dabei, bis erste Schüsse fielen.
Gillilan suchte Deckung, wie er es gelernt hat, wie er es trainiert hat seit Jahren. Seit gut fünf Monaten war er schon im Irak, er wusste sich zu bewegen in feindlichem Umfeld. Vier, fünf Explosionen hatte er aus der Nähe erlebt.
Er und seine Leute duckten sich in den Schatten einer Mauer, perfekt ging das Konzept der Angreifer auf, denn diese Mauer war die Sprengfalle selbst. Als sich die Amerikaner und alliierten Iraker dort verschanzt hatten, drückte irgendwo einer den Zünder, auf einer Handy-Tastatur vielleicht oder auf einer umgebauten TV-Fernbedienung. Jedenfalls explodierte die Mauer, explodierten viele Sprengsätze in ihr, und von Gillilans Truppe wurden sieben Amerikaner und ein Iraker von fliegenden Splittern und Steinen furchtbar verletzt.
Die schwirrenden Stücke zerbrachen ihnen die Knochen, zerrissen ihnen Sehnen, Muskeln, Füße. Einer verlor beide Beine, auch Gillilan erwischte es schlimm. Sein rechter Unterschenkel wurde glatt abgetrennt knapp unter dem Knie. Er hätte sterben können, verbluten. Stattdessen war er binnen 48 Stunden in Landstuhl.
Gerettet zuerst von einem »91-Whiskey«, einem Gefechtssanitäter, der die Wunde direkt am Ort, unter Feindbeschuss, grob versorgte und die Blutung stillte, so gut es eben ging. Gerettet von den Leuten eines vorgeschobenen Notlazaretts, das sind Teams von zwei Ärzten und ein paar Schwestern, die nahe am Kampfplatz Operationstische und Betten in Zelten bereithalten. Gerettet von den Hubschrauberpiloten, die ihn nach Balad flogen, der US-Basis nördlich Bagdads. Gerettet von den Medizinern an Bord der C-17, die seine Reise nach Ramstein überwachten.
Alle acht Verwundeten der Nacht von Ramadi sind hier. Sie liegen über die Flure verteilt, 23-jährige Unteroffiziere, 24jährige Leutnants. Gillilan sagt: »Ich bin froh, mit meinen Leuten hier zusammen zu sein«, und es ist der einzige Moment während des Redens, in dem ihm Tränen in die Augen steigen. Das Bein? »Wird mein Leben nicht groß verändern«, sagt er, »mit so was kann man heutzutage sogar wieder Basketball spielen. Ich liebe Basketball, wissen Sie.« Er lächelt. Er hat keine Zweifel. Er wirkt wie ein Optimist.
Viele Geschichten im Hospital ähneln der Gillilans, viele trifft es schlimmer. Es werden Ehepaare eingeliefert, die gemeinsam verwundet wurden. Es kommen Brüderpaare an, von denen einer sterben muss und der andere nicht mehr leben will. Es gab den Fall einer Frau, die eingeflogen wurde, um Abschied zu nehmen von ihrem sterbenden Mann, und die an seinem Bett vom Tod ihrer Mutter erfuhr. Landstuhl, der Kirchberg, erzählt viel über den Krieg und wenig über den Frieden.
In der Stadt ringsum, Landstuhl, 20 000 Einwohner, in der ganzen Region, in der »Kaiserslautern Military Community«, ist Amerika nicht einfach George W. Bush, sondern der Nachbar von nebenan. 50 000 US-Bürger leben hier, nicht nur hinter Zäunen in Ramstein oder Vogelweh, viele sind heimisch geworden in der Pfalz, spielen Tennis in deutschen Vereinen, bestücken die Basare der Kindergärten, sie feiern ihre Hochzeiten, und abends kann man sie im Broadway-Kino Popcorn essen sehen.
Es ist schwer, ein Antiamerikaner zu sein in dieser Gegend. »Wir leben seit mehr als 50 Jahren von und mit den Amis«, sagt Landstuhls Bürgermeister Klaus Grumer, er ist seit 13 Jahren im Amt. Ein paar Monate nach Beginn des Irak-Kriegs ist er mit ein paar Amtskollegen nach Washington gereist und wurde im Pentagon empfangen. Sie wollten den Amerikanern zeigen: Die große Politik kann unsere Freundschaft nicht gefährden. Bei Jubiläen lädt Grumer die
Offiziere ins Rathaus ein, und sie holen ihn auf den Kirchberg, wenn es dort etwas zu feiern gibt. Die Hotels der Stadt könnten nicht überleben ohne die Militärs, in den Kneipen sind sie in der Überzahl, und die meisten Deutschen haben nicht viel dagegen, solange die Jungs nicht randalieren.
Landstuhl fühlt sich an wie die deutsche Front in diesem Krieg. Die Leute in der Stadt ahnen, was im Krankenhaus droben vor sich geht, und selbst die Friedensinitiative Westpfalz, die am Gate des Hospitals Gebete veranstaltet und auf dem Wochenmarkt Zettel gegen den Krieg verteilt, wendet sich nie gegen »die Amerikaner«, sondern immer gegen den großen, ganzen Krieg.
Er kommt nach Landstuhl, wenn weit weg die Weltnachrichten entstehen, seit Jahrzehnten. Die Opfer des Terroranschlags auf die Berliner »La Belle«-Discothek von 1986 wurden hierher gebracht, zwei Jahre später, am Unglückstag der Ramsteiner Flugschau, wurden binnen zwei Stunden über 500 Verletzte eingeliefert. Landstuhl war, zu Friedenszeiten, die Rettungswache nach Attentaten auf US-Botschaften, nach Attacken auf Schiffe, nach Bomben auf US-Bürger. Nun ist Krieg. Und doch erzählen die meisten Geschichten vom wunderbaren Überleben.
Die Militärärzte haben ihre Arbeit so perfektioniert, dass heute neun von zehn im Feld Verwundeten mit dem Leben davonkommen. Im Vietnam-Krieg überlebten nur sieben von zehn, im Zweiten Weltkrieg noch deutlich weniger. Stephen Flaherty, Oberst, Chefchirurg von Landstuhl, lobt die Trainingspläne der Armee. In den US-Einheiten wird heute jeder fünfte Soldat zum »Combat Life Saver« fortgebildet, der seinen Kameraden im Gefecht erste Hilfe leisten kann. »So können wir«, sagt Flaherty, »die ,goldene erste Stunde' immer weiter verdichten.«
Flaherty ist 44, er hat an Büchern über die Notfallmedizin mitgeschrieben, in seinem Büro hängt eine gewaltige US-Flagge. Er weiß, was Schlachten sind, er ist ein herber, stolzer Mann. Er war zweimal im Irak und zweimal in Afghanistan, er hat Wunden gesehen, die jede Vorstellungskraft übersteigen. Hier in Landstuhl kann er auf acht Tischen operieren lassen, 13 Chirurgen sind im Team.
An vielen Tagen, jetzt, im Krieg, werden alle Tische gebraucht. »Es ist mir eine besondere Ehre«, sagt Flaherty, »wenn ich unsere Leute von der Front zu versorgen habe. Es sind gute Leute, die das Gute tun. Wenn so einer vor einem liegt, das ist für einen Chirurgen eine besondere Sache, das ist wie Familie, eine ganz eigene Qualität.«
Es ist unmöglich, nach Landstuhl zu fahren und nichts über Helden zu hören. »Ich empfinde es als unglaubliches Privileg, dass ich diese Soldaten willkommen heißen darf«, sagt Stephen Stavoy, er ist der Priester, der am Morgen am Bus war. Er ist ein Mann, der seine Augen versteckt, seine Haare sind zu weiß für sein Alter, er spricht jeden Satz wie ein Gebet. Redet vom Respekt, den er hegt für Soldaten, die andere retten ohne Rücksicht auf sich.
Sie sind jetzt acht Militärkapläne in Landstuhl, in Friedenszeiten reichten zwei. Alle Verwundeten, die von der Front kommen, 240 jeden Monat, manchmal 400, je nach Lage, brauchen Beistand, Zuspruch, Hilfe. »Sie fühlen sich schuldig«, sagt Stavoy, »das ist, was sie umtreibt. Sie meinen, versagt zu haben. Sie glauben, ihre Kameraden im Stich zu lassen. Sie schämen sich, hier in Sicherheit zu sein.«
Amerikaner sind schnell mit dem Wort vom Helden. Es ist schwer, als Zivilist, als Deutscher, mit ihnen einfach einig zu sein. Aber Landstuhl ist eine Probe auf allzu billige Gewissheiten. Wer mit Spruchbändern durch Straßen zieht, auf denen steht: Soldaten sind Mörder, der kann hier lernen, dass sie auch Opfer sind, hinterrücks Ermordete, heimtückisch Verwundete. Und wer auf diesen Fluren Dawn Garcia trifft, die Oberschwester der Intensivstation, muss sich fragen, ob er es gar mit einer Heldin zu tun hat. Oberst Garcia befehligt die 75 Schwestern und Pfleger im Herzstück der Landstuhler Klinik, in der ICU, der Intensive Care Unit. Wer als Patient in diese Räume verlegt wird, 18 Zimmer um einen engen Flur, kommt von der Front in kritischem, lebensbedrohendem Zustand.
Vor zehn Tagen waren hier acht Betten belegt, ein Patient lag da, die Haut zu 70 Prozent verbrannt, von ihm war vor lauter Verbänden nur ein mit Klammern aufgespannter Rachen zu sehen. In den Räumen daneben wurden komatöse Männer gepflegt, multipel verwundet, um sie Ärzte und Maschinen, Veteranen aus Ramadi, aus Bagdad, noch nicht Gefallene, noch nicht Gerettete.
Dawn Garcia geht dort herum, und es ist schwer, sie zu übersehen, denn sie strahlt eine Güte aus, die den Raum verändert, den sie betritt. Sie ist 40 Jahre alt, sie hat die längste Zeit in Texas gelebt. Sie hat einen Mann und zwei Töchter, die mit ihr in Landstuhl leben, seit 18 Jahren ist sie in der Armee, und sie scheint ihre Arbeit zu lieben. Sie ist ein bemerkenswerter Mensch.
Sie hat im Irak gearbeitet, das ganze Jahr 2004, es war das Jahr der Schlachten um Falludscha. Garcia arbeitete in OP-Sälen, die aussahen wie Metzgereien, unter Beschuss und während Stromausfällen, sie hat Hunderte gerettet und Dutzende Sterbende begleitet, hat ihre Hände gehalten, hat mit ihnen geweint und gebetet, hat ihnen versprochen, sie nicht allein zu lassen, und dieses Versprechen nie gebrochen, selbst wenn der Krieg tobte um sie herum.
Es gab Tage, im Irak, als die Blutkonserven knapp wurden, an denen sie zweimal am Tag ihr eigenes Blut spendete. Es gab Tage, da starben 18-Jährige in ihren Armen, und sie redeten nur davon, ihr Land beschützen zu wollen und dass sie hofften, dass nicht alles umsonst gewesen
sei. Dawn Garcia stand ihnen bei. Wie eine Mutter, selbstlos, mutig, man sagt: tapfer.
Sie tut ihre Pflicht. »Meine Familie ist mein Rückhalt«, sagt sie, »und ich laufe jeden Tag sechs Meilen. Das hilft.« Wie sie es vermeidet, angesichts des Leids zu verzweifeln, darauf hat sie eine Antwort. »Man muss weinen können, wenn man weinen muss«, sagt sie, »darauf kommt es an.«
Die Kapläne veranstalten für das Personal ab und an Vergnügungsfahrten, sie organisieren Bootsfahrten auf dem Rhein zur Lorelei oder führen durch die römischen Ruinen von Trier. Oft entwickeln sich diese Ausflüge zu hysterischen Feiern des Lebens: An der Luft, im Licht, außerhalb der dämmrigen Flure, fern der gedämpften Geräusche und der scharfen Gerüche lachen und singen sich die Schwestern und Ärzte ihren Alltag von der Seele, und nach ein, zwei Tagen in Postkarten-Deutschland stehen sie montags wieder ausgeglichen und ruhig an den Betten der Kranken.
Oberstleutnant Gary Southwell gehört zum Team der Psychiater, seit neuestem wieder, er kommt eben von einem Jahr im Irak zurück. Er ist ein Mann mit treuen Augen, 57 Jahre alt, er spricht leise und hell. Er betreute Gefängnispersonal im Süden des Landes, in einem Lager, in dem 12 000 Häftlinge eingesperrt sind. Das Personal dort, oft Frauen, war ständigen Beschimpfungen ausgesetzt, Demütigungen, Attacken. Es hatte, ohne direkt im Krieg zu sein, den vollen »Gefechtsstress«.
Psychiater Southwell redet pragmatisch. Es gehe darum, das Leiden der Leute erst einmal einfach anzunehmen. »Wir sagen ihnen: Es ist normal, dass du deprimiert bist, es ist normal, dass es dir schlechtgeht. Das ist nicht krank. Es ist gesund.« Aber wenn sich der Frust doch verfestigt, wenn die Leute abgleiten, wenn sie sich gehenlassen, ist Gefahr im Verzug. Militär, sagt Southwell, ist eine besondere Veranstaltung. »Selbstmordgedanken in einem Umfeld, wo jeder eine Maschinenpistole trägt, sind gravierend von Beginn an.«
Southwell weiß aus der Forschung, dass 18 bis 20 Prozent aller Soldaten im Kriegseinsatz posttraumatische Symptome entwickeln. Sie gehen, zurück in der Heimat, der zivilen Welt abhanden, weil ihr Kopf im Krieg bleibt. Das Knallen von Sektkorken kann nach Schüssen klingen, das Schlagen von Türen nach Lebensgefahr, sie reagieren verrückt, wenden ihre Autos in voller Fahrt, nur weil am Rand der Straße ein Paket steht.
Unter »Gefechtsstress« leiden 100 Prozent, das ist Teil des Geschäfts. »Das Gute ist aber«, sagt Southwell, »dass wir das alles jetzt überhaupt wissen. In Vietnam, in früheren Kriegen, hat man sich diese Fragen gar nicht gestellt.« Er erzählt, dass selbst ihm die Rückkehr aus dem Krieg Probleme bereite. »Meine Frau und ich, wir haben ein Jahr lang wie Junggesellen gelebt. Jetzt müssen wir in die Ehe zurückfinden. Das ist schwer. Es ist Arbeit.«
Am späten Nachmittag platzt eine zweite Verabredung mit Sergeant Gillilan, dem Unteroffizier aus Ramadi. Eine Schwester am Empfang der Station sagt: »No way. Er hat Schmerzen, es geht ihm nicht gut.« Ein paar Zimmer weiter liegen Kameraden von ihm, Berninghausen, Hightower und Nick McDermott. McDermott, ein Kalifornier, ist 23, er hat Schrammen im Gesicht, zwei gebrochene Beine, der große Zeh am linken Fuß fehlt, seine Haut ist »gepfeffert«, wie sie sagen, mit Granatsplittern, er ist nicht zum ersten Mal in Landstuhl.
Es traf ihn schon während seines ersten Einsatzes, auch in Ramadi, auch eine Sprengfalle, er tut unbeeindruckt, er sagt: »In die Luft gejagt zu werden ist Teil des Jobs. Deshalb würde ich nie auf die Idee kommen, die Armee zu verlassen.« Er bastelt ein Modellauto zusammen, einen roten Chevrolet Camaro, das Spielzeug ist eine Spende aus der Heimat, eine von vielen, die die Kapläne verwalten.
Auf dem Campus der Anlage finden sich ganze Baracken voll mit Spenden, mit Zahnpasta, T-Shirts, Turnschuhen. Es hängen Malereien in diesen Lagern, von Schulklassen und Kindergärten, bunte Zeichnungen mit Sonnenblumen, über denen steht: »Wir danken unseren amerikanischen Helden.« Nick McDermott sagt, er wollte immer ein Held sein, ein »G.I. Joe«, der für sein Land kämpft und die Amerika-Hasser ausschaltet. »Man versteht das nicht, wenn man von draußen reinguckt.« Es sind seine letzten Stunden in Landstuhl.
Er wird verlegt am nächsten Tag. Es geht in die Heimat, selten bleiben Patienten länger als fünf Tage in Landstuhl. Meist geht es schnell weiter ins Walter-Reed-Militärhospital in Washington D. C., das einen guten Ruf hatte, ehe sein Chef entlassen wurde, weil man in der riesigen Anlage Veteranen in unwürdigen Umständen fand, mit Mäusen, mit Schimmel an den Wänden und Exkrementen in den Betten.
McDermott und die anderen, sie verlassen Deutschland, wie sie gekommen sind. Sie werden in den Bus verladen, einen klobigen »Blue Bird«, dann fahren sie die Luitpoldstraße hinunter, es ist der vorvergangene Freitag, ein trüber Tag, April-Wetter. Sie fahren auf Landstraße 363, unterqueren die Autobahn, es geht südlich an Ramstein-Miesenbach vorbei, dann ist die Air Base von Ramstein schon nah.
Es dauert, bis sie auf dem gewaltigen Flugfeld in die McDonnell Douglas C-17 verladen sind, der Laderaum ist 27 Meter lang, und er wird sich füllen bis zum Start. McDermotts Trage wird rechts des Mittelgangs an einen Ständer montiert, er liegt unten, über ihm, zwei Handbreit, ein anderer Verwundeter, fast zwei Dutzend Männer auf Tragen gehören zur Fracht.
Kurz vor dem Start ist McDermott sehr aufgeregt. Er zittert, er kämpft mit den Tränen, vielleicht begreift er gerade, dass er gerettet wurde, er sagt: »Ich freue mich so auf daheim, mein Gott.« Dann schläft er ein und sieht aus wie ein krankes Kind.
Um ihn herum laufen in den Minuten vor dem Abflug aufgeregt Menschen, der Lademeister steigt auf eine Kiste und ruft Anweisungen, es sind viele, die sich auf den Weg machen nach Washington. 50, 60 Leute, Offiziere mit Aktentaschen, Frauen mit vielen Ordensspangen auf der Jacke, in Uniformen der Navy, der Air Force, der Army. Es ist eine Szene aus Amerika, aus einem Land im Krieg. Aber sie spielt nicht dort, sondern am äußersten Rand des irakischen Schlachtfelds. In Deutschland.
* Auf dem Militärflughafen in Ramstein.