EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Die doppelte Francesca
Ein kühler November-Morgen im Mailänder Krankenhaus Niguarda, Abteilung Diätetik. Ins Sprech- zimmer tritt eine kleine schlanke Frau, rotblond gefärbte Haare, die neue Brille Ton in Ton, das feine Gesicht mit Sorgfalt geschminkt. Eine aparte Frau, sie wirkt jünger, als sie ist: 54 Jahre. Mitten im zweiten Frühling könnte man sagen, wenn es nicht ihr erster wäre.
»Signora Francesca«, sagt sie, »angenehm.« Ihren vollen Namen, das müsse man verstehen, solle niemand wissen. Auch keine Fotos bitte. Nicht mal von hinten und erst recht nicht von damals. Von ihrem Leben, wie es war bis vor zwei Jahren.
Wie fühlte sie sich im November vor zwei Jahren, fast auf den Tag genau, als sie das erste Mal dieses Zimmer betrat in der Klinik für Essgestörte? Signora Francesca lächelt, ein wenig beschämt, sie holt tief Luft. Von Betreten könne nicht die Rede sein. »Sehen Sie mich an«, sagt sie. »Dann stellen Sie sich neben mir eine zweite Francesca vor und packen noch einen guten Zentner darauf - ecco«.
So sah sie aus damals, und so fühlte sie sich auch, die mehr als doppelte Signora Francesca. »Una cosa veramente enorme«, sagt sie. Eine echt enorme Sache.
Als Signora Francesca das erste Mal herkam, war sie so breit wie lang. Sie wog so viel wie ein Sumo-Ringer, obere Gewichtsklasse: 190 Kilo, bei einer Größe von 1,57 Metern.
Signora Francesca war fettleibig. »Glauben Sie mir«, sagt sie, sie spricht leiser jetzt, »dieses Wort endlich aussprechen zu können, nach so vielen Jahren, das ist nicht leicht.«
Schon als Kind war Signora Francesca dick. Mit 20 Jahren wog sie 85 Kilogramm, fünf Jahre später, als sie schwanger war mit ihrer Tochter, kamen 30 Kilo dazu. Sie ging zu den Weight Watchers, schluckte Amphetamine, nahm ab und nahm wieder zu. Sie war eine »golosona«, eine Naschkatze, verrückt auf Süßes, und eine, die nie wusste, wann sie aufzuhören hatte.
Nach dem Antipasto gab es Pasta, dann das Hauptgericht, dann Käse. Im Restaurant bestellte sie am Ende immer noch einen Spezialteller mit allen Desserts, die sie in der Küche hatten. Zu Hause gab's vorm Schlafengehen eine Packung Kekse, jeden Abend, was sagen da die anderen? Wie erträgt das die Familie?
»Meine Familie liebte mich, wie ich war«, sagt Signora Francesca. »Wie ich drinnen war.«
Sie sei immer gut im Verdrängen gewesen. Familienfotos mit Tochter und mit Mann gebe es kaum. Weil das so peinlich aussehen würde, zwei normalgewichtige Menschen und dann sie dazwischen, der Koloss. Dicke verstehen es halt, sagt Signora Francesca, vor sich wegzulaufen. Sich zu verdrücken. Sich nachher aus den Fotos rauszuschneiden. Weil sie immer nur das sehen wollten, was ihnen gefällt.
Sie hatte Übung darin, nicht zu bemerken, wie sich Fremde angewidert abwandten. Oder so taten, als wäre Fran- cesca eine gesunde, normale Frau.
Bis sich vor zwei Jahren endlich einer ganz anders verhielt. Ein Gynäkologe war es, der sie wegen einer Bagatelle operieren wollte und Angst hatte, sie würde die Anästhesie nicht überstehen. »Finden Sie nicht«, fragte der, »dass Sie ein winziges bisschen zu dick sind?«
Das sei so charmant gewesen, sagt Signora Francesca, und so schamlos untertrieben, dass sie gar nicht anders konnte als nicken. Und einen Eilantrag stellen für die Aufnahme in der Klinik für Essgestörte. Zwei Tage später begann sie die erste ernsthafte, die erste freiwillige Diät ihres Lebens.
Sie schrieben ihr einen Speiseplan, anfangs 3000 Kalorien am Tag, was für andere viel ist, für sie war dass fast nichts. Dann nur noch 1600 Kalorien, 200 Gramm fettarme Milch zum Frühstück, Pasta mit Gemüse, Espresso ohne Zucker. Sie habe nicht gehungert, sagt sie, sie habe nur gelernt, ohne Hast zu essen, mit Genuss. Zweimal pro Woche musste sie über sich und ihre Nöte reden. Sie lernte, dass sie krank war - und dass diese Krankheit heilbar ist.
So hat sich die mehr als doppelte Signora Francesca reduziert. Sie hat in zwei Jahren 122 Kilo abgenommen, mehr als ein Kilo jede Woche. Sie wiegt jetzt 68 Kilo. Eine echt enorme Sache.
So enorm, dass ein Journalist mitschrieb, als Signora Francescas Ernäh-rungsmedizinerin einen Vortrag hielt über die Methoden ihrer Klinik. Weil Wissenschaftler gern ihre besten Resultate präsentieren, war es Francescas Fall, der diskutiert wurde. Fortan war sie eine Sensation. Sie gab Interviews, am Telefon, denn sie wollte nicht, dass jemand sie sehe, und die Zeitungen setzten Kalorientabellen daneben und Symbolfotos mit Dicken von hinten.
Signora Francesca musste die Last ertragen, das Symbol aller Dicken zu sein, doch darin war sie ja geübt.
Sie redet von Weihnachten, wo es dieses Jahr Gemüse geben wird, natürlich Pasta, zum Abschluss etwas Süßes. Nicht so viel wie früher, aber mehr als sonst. Man müsse kleine Schritte gehen, sagt sich Signora Francesca, wie sie es in ihrer Klinik gelernt hat; adagio, adagio, Berge kann man besteigen, aber nur, wenn man nicht zum Gipfel schaut.
Ob sie glücklich sei? Glücklicher als früher? Sie schweigt. Nach Weihnachten, sagt sie, wird sie sich operieren lassen. Die überschüssige Haut entfernen, die schlappen Fleischlappen am Bauch aus der Zeit, »als mein Gewebe mehr als zwei Francescas aushalten musste«. Und dann? Ist sie ein neuer Mensch?
Ich bin es, Francesca, sagt sie jetzt den Bekannten, die sie nicht mehr wieder erkennen wollen. Ich, die alte. Es ist nur eine andere Masse jetzt, die bewegt werden muss. FIONA EHLERS