Die Ehrabschneiderin - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Die Ehrabschneiderin

Wie eine Ehe in England zum Kulturkampf wurde
Von Kristina Allgöwer
• aus DER SPIEGEL 33/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Getraut wurde sie im Gurdwara, dem Ort, wo Sikhs beten. Zum Empfang ging es in den feinen Blotts Country Club von Nottingham, 400 Gäste, Kristalllüster, Samtvorhänge, ein schöner Tag.

Und auch am Abend kamen alle Gäste noch einmal zusammen, so wie es Sitte ist unter Sikhs, um noch einmal den Kopf der Braut zu berühren, ganz zärtlich, ganz sanft, um ihr Glück zu wünschen und Kraft für ihr neues Leben. Aber dann sagte die Schwiegermutter, dass niemand Ginas Kopf berühren solle. Es war der Moment, in dem Gina Singh ihr Unheil hätte ahnen können.

Gina Singh ist eine Sikh, sie ist in England aufgewachsen, im 600-Einwohner-Dorf Bunny in Nottinghamshire. In Indien, dem Ursprungsland des Sikhismus, hat Gina nie gelebt. Ihre Eltern haben ihr beigebracht, was die Gurus lehren: Gleichberechtigung der Geschlechter, Großzügigkeit, harte Arbeit, Vertrauen in die Schöpfung. Ihre Haare hatte Gina sich nie schneiden lassen, Sikhs machen das nicht. Lange Haare sind ein Symbol für Ehrbarkeit, für Charakter.

Gott lässt die Haare wachsen, warum sollte man sich gegen seinen Willen stellen?

Als Gina Singh sich für die Ehe entschied, reichten ihre Haare bis zur Hüfte. Sie war 22, im richtigen Alter, und sie freute sich darauf. Nur wen sie heiraten sollte, das wusste Gina noch nicht. Aber es war nicht ihre Aufgabe, einen Bräutigam zu suchen. Ein Ehestifter würde das übernehmen, so ist es üblich, und Gina störte das nicht, Tradition ist wichtig. Manjit, ein Freund ihrer Eltern, würde schon den richtigen Mann finden.

Gina hatte bereits sechs Jahre lang gearbeitet, im Bekleidungsgeschäft der Eltern, zuletzt als Managerin. Ihr war klar, dass sie nach der Hochzeit von zu Hause ausziehen musste, Sikh-Frauen wohnen bei der Familie ihres Mannes, aber arbeiten wollte sie weiterhin. Manjit sollte für sie einen Mann suchen, der Sikh-Tradition und westliche Kultur so in Einklang brachte, wie sie es gewohnt war.

Manjit fand Hardeep Bhakar. Hardeep ist 25 Jahre alt, auch er ist in England aufgewachsen, seine Familie betreibt ein Restaurant in Ilford im Osten Londons.

Ginas Eltern besuchten die Bhakars, Shagun heißt dieses Treffen, es findet ohne die Braut statt. Ein paar Monate später kam es zum Gegenbesuch, der Chunni genannt wird. Gina und Hardeep begegneten sich zum ersten Mal.

Zu diesem Zeitpunkt hätte Gina oder Hardeep noch sagen können, dass sie mit der Ehe nicht einverstanden seien, die Entscheidung liegt bei den Brautleuten. Aber sie fanden sich nett, die Ehe war beschlossen.

Nach der Hochzeit war keine Rede mehr davon, dass Gina ihren Beruf weiter ausüben darf. Sie musste morgens um 6.30 Uhr aufstehen, ihr eigenes Zimmer durfte sie nur betreten, um zu schlafen und sich anzuziehen. Und sie musste die Kleidung ihrer Schwiegermutter Dalbir tragen. Hardeep arbeitete im Familienbetrieb und drei Nächte pro Woche in einem Nachtclub. Meistens war sie mit ihrer Schwiegermutter allein.

Spätestens als Gina die Toiletten ohne Bürste reinigen musste, wurde ihr klar, dass ihre Schwiegermutter sie erniedrigen wollte. Ihre Hände entzündeten sich von der Putzarbeit, aber zum Arzt gehen durfte sie nicht. Gina bekam keinen Hausschlüssel und durfte nicht einmal vor die Tür, um den Müll rauszubringen. Nur einmal pro Woche könne sie ihre Eltern anrufen, sagte die Schwiegermutter. Wenn Gina telefonierte, stand sie dabei und hörte mit.

Die Mutter war in der Familie Bhakar der Boss, niemand wagte es, sich gegen sie zu stellen, auch Hardeep nicht. Nicht einmal, als sie mit Gina zum Friseur ging und sie zwang, ihre Haare auf Schulterlänge abschneiden zu lassen. Wie ein Pudel sehe sie nun aus, bekam sie abends von der Familie zu hören.

Vier Monate nach der Hochzeit erhielt Ginas Mutter einen Anruf von Hardeeps Vater. Es gebe Probleme. Ginas Vater fuhr sofort nach Ilford. Das Mädchen arbeite zu wenig und sehe seine Schwiegermutter manchmal böse an, sagten Hardeeps Eltern. Ginas Vater sagte nicht viel, er sah den Zustand seiner Tochter, wie blass sie war und dass sie kurze Haare hatte. Er nahm sie mit nach Hause.

Die Familie Bhakar sah Gina vor drei Wochen bei der Gerichtsverhandlung wieder, als sie schon von Hardeep geschieden war. Die Schwiegermutter, so sah es der Richter, fürchtete, Gina würde ihr die Rolle des Haushaltsvorstands streitig machen. Nach 30 Jahren in Großbritannien spricht Hardeeps Mutter kaum Englisch, sie fühlte sich bedroht von Gina, die in England geboren ist und das westliche Leben versteht.

Es war ein Kampf zwischen einheimischer und fremder Kultur, aber weil der Richter dafür keine Paragraphen fand, verurteilte er die Schwiegermutter nach einem Gesetz zum Schutz gegen Schikane, das eigentlich für Stalker vorgesehen ist. 35 000 Pfund Schmerzensgeld, umgerechnet 51 000 Euro, soll sie Gina zahlen.

Gina arbeitet wieder, und irgendwann will sie auch noch mal heiraten. Mit Hardeep sei sie ja eigentlich glücklich gewesen, sagt sie. Wenn sich nur niemand eingemischt hätte.

KRISTINA ALLGÖWER

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