Die Glosse zur Kuh-Katastrophe: Safer Cooking - DER SPIEGEL
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Die Glosse zur Kuh-Katastrophe Safer Cooking

Kaum hatte auch die schon immer etwas verspätete Nation der Dichter und Denker das Kochen und Kosten als Kulturgut entdeckt, war der Spaß schon wieder vorbei. BSE ist für das Essen, was Aids für Sex war: das Ende des Lustprinzips.
Von Hans Michael Kloth
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die steigende Wertschätzung der Kochkunst konnte bislang als kaum beachtetes, gleichwohl wichtiges Indiz für die viel zitierte "Normalisierung" der Berliner Republik gelten. Das Erbe der frankophilen Rotweintrinker aus der Existentialisten-Generation und die Salbei-Seligkeit der Toskana-Fraktion aus den Achtzigern ging seit der Wiedervereinigung mit den konsumfreudigen Ossis auf in einer allgemeinen, selbstbewussten Lust am Genuss.

Was die Italiener seit jeher, die Franzosen seit dem 18. Jahrhundert und selbst die Briten seit den ausgehenden achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts als Kulturgut begriffen haben, begann auch die schon immer etwas verspätete Nation der Dichter und Denker zu ihrem Ding zu machen: Kochen und Kosten.

Saucen-Kurse bei Starköchen boomten, hobbyköchelnde Fernsehmoderatoren erreichten Kultstatus, Politikergattinnen publizierten mit Rekordauflage ihre Lieblingsrezepte. Fast schien es schon, als ob nach der sexuellen Revolution der siebziger Jahre nunmehr die zweite Revolution im Zeichen der Fleischeslust über die Deutschen käme. Damals hatte die Pille den Sex von der Reproduktion entkoppelt und ihn zum lustvollen Zeitvertreib erhoben.

Diesmal zerstörte die Mediteranisierung der deutschen Wohlstandsgesellschaft den Hungerleiderreflex der Nachkriegsjahre, der im Essen die bloße Befriedigung eines Primärbedürfnisses sah. Doch mitten in die kulinarische Kulturrevolution platzt nun die Kuh-Katastrophe. Beim Blättern in Kochbüchern läuft nicht mehr das Wasser im Mund zusammen, sondern ein Schauder den Rücken herunter: Ein Kalbsfonds aus Knochen, kräftig angeröstet? Eine Farce aus feingehackten Innereien? Der gut gemeinte Rat des Sterne-Kochs, die Sauce mit einem Esslöffel Rindermark zu vervollkommnen? Selige Zeiten.

BSE ist fürs Essen, was Aids für Sex war: Ende der Unschuld, Schluss mit lustig, aus der Traum vom unbeschwerten Genießen. Der Gedanke an ein Osso Bucco kommt inzwischen fast der Vorstellung von ungeschütztem Analverkehr gleich. Was das Kondom für die Aids-Ära war, wird für das Zeitalter des Rinderwahnsinns folglich wohl der Grünkern-Bratling werden.

So, wie in Vor-Aids-Zeiten die schikanöse Schniedelsocke in Deutschlands Betten als altmodisches, unsicheres und lusttötendes Verhütungsmittel verpönt war und angesichts der HIV-Gefahr erst mit Milliardenaufwand mühsam zum hippen Sex-Toy umgebranded werden musste, weicht wohl nun in den Küchen der Republik aus Angst vor BSE-Prionen das gerade erst entdeckte Lustprinzip einem neuen Gemüsebrühen-Puritanismus. Nachdem Aids uns schon den Spontansex in der Küche verleidet hat, mag man dort jetzt nicht einmal mehr kochen.