Die innere Emigration
So charmante Frauen hier, das ist doch mal was Positives«, sagt der Senator, und ganz kurz nur gefriert der Blick von Derya Ovali, dann schiebt sie eine Haarsträhne von der Stirn und strafft sich. Das hier ist wichtig, sie wird vieles zu erklären versuchen, vielleicht gibt es ja eine Chance.
Ein stilles Klassenzimmer in Berlin-Moabit, Hedwig-Dohm-Oberschule, roter Backstein und die üblichen Graffiti draußen, drinnen in Raum 106 der Türkische Bund Berlin-Brandenburg und der Berliner Bildungssenator Klaus Böger: Verhandelt wird über die Frage, welche Schuld Migranteneltern daran tragen, dass so viel schiefläuft in den Schulen, es geht um Integration und innere Emigration.
Es spricht Derya Ovali, Deutsch-Türkin, Studentin der Erziehungswissenschaften. Schnell und eifrig spricht sie, über neue Hoffnung und ein neues Projekt, sie ist »Elternlotsin«, der Türkische Bund hat das erfunden. Sie kümmert sich um Familien von Hedwig-Dohm-Schülern, ruft sie an und redet Türkisch mit ihnen, besucht sie und lädt sie ein, und sie kommen auch - gestern erst hatte sie so ein Treffen. Den türkischen Eltern erklärt sie die Welt der deutschen Schule, der Regeln, Rechte, Pflichten, und jetzt ist sie hier, um dem Senator die Welt der türkischen Eltern zu erklären.
Schwierige Dinge erklärt sie. Es ist ein Versuch.
Die Hedwig-Dohm-Oberschule ist Realschule, Europaschule sogar, das klingt nicht nach Aufstand und Krawall. Aber es ist auch die Schule, auf deren Schulhof vor vier Monaten ein ehemaliger Schüler versuchte, einer schwangeren Schülerin das Kind im Leib totzutreten, dessen Erzeuger er war.
Derya Ovali spricht über türkische Eltern, die selten zu Wort kommen in der Debatte dieser Tage, über diejenigen, die um ihre Kinder fürchten, die Angst haben vor Gewalt und Drogen, Angst, dass sie mit ihren pubertierenden Söhnen und Töchtern nicht mehr fertig werden und dass es eine Zukunft für sie nicht gibt.
Es sind diese Eltern, die man gewinnen muss. Sie sind besorgt um ihre Kinder, also werden sie wollen, dass sich etwas ändert, aber was bremst sie bisher? Warum kommen sie nicht zum Elternabend? Warum integrieren sie sich nicht so, wie es deutsche Politiker von ihnen verlangen? Warum lassen sie Lehrer glauben, ihr Kind sei ihnen egal?
Derya sagt: »Sie haben Angst, dass sie nicht genug Deutsch können und Außenseiter sind«, was seltsam klingt bei einer Schule, in der 75 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien kommen. Aber viele Eltern, sagt Derya, sehen das wirklich so. Sie reagieren verschreckt auf lange deutsche Briefe, die von der Schule kommen. Die Schule weiß das jetzt. In wichtigen Fällen schickt sie Übersetzungen mit.
Die Schule schickt diese Lotsen in die Familien als Vorbild, als lebendes Beispiel: Schaut hin, es lohnt sich. Schaut sie euch an.
Schaut euch Derya an, ein Kind aus Kreuzberg, 23 ist sie jetzt und studiert. Sie hat einen Vater, der, wie sie sagt, »des Deutschen nicht ganz perfekt mächtig« ist, aber dieser Vater war es, der sich Derya zur Brust nahm, als sie nach der Zehnten von der Schule wollte. »Du machst weiter«, sagte er. »Du wirst später nicht schuften wie wir.«
Sie schuftet, aber anders als ihr Vater. Für die Ausbildung hat sie an einer Hauptschule gearbeitet, in der es fast keine deutschen Schüler mehr gibt, hat harte Pädagogentage und schwer kontrollierbare Schüler erlebt, die in ruhigen Momenten hilflose Sätze sagten wie: »Warum gibt es hier nicht mehr Deutsche, manchmal würde ich gern mehr Deutsch sprechen, schade, dass es hier keine Deutschen gibt.«
Derya hat Eltern erlebt, die unglücklich darüber sind, dass ihren Kindern nur die Hauptschule bleibt. Manche bilden sich ein, dass der deutsche Staat eben keine Türken auf deutschen Realschulen und Gymnasien akzeptiert, was soll man machen, sie wollen uns eben nicht.
Sie schotten sich ab, und sie fühlen sich bestätigt, wenn sie hören, wie Edmund Stoiber in Bayern und Jörg Schönbohm in Brandenburg auf die Rütli-Krise reagieren, diese Ideen, dass man diejenigen abschieben möge, die zu wenig Deutsch können, in die Sonderschule oder die Türkei. Nur dass diese Eltern das nicht als Absurdität, sondern als Bedrohung empfinden.
Mit einer Vielzahl von arbeitslosen Vätern, Onkeln, Vettern, großen Brüdern wächst die dritte Generation der Einwanderer heran. Für sie ist es normal, dass Arbeitsvermittler mit den Achseln zucken, wenn man nach Jobs oder Lehrstellen fragt. Es ist eine Zeit, die die Familien verändert und auch unerwartete Entwicklungen bringt. Neuerdings, sagt Eren Ünsal, die Sprecherin des Türkischen Bunds, gebe es »eine Auflösung der klaren Rollenstrukturen. Man sieht mehr Väter, die sich um die Erziehung kümmern, weil sie die Zeit dazu haben«.
Mehr kümmern: Das kann Gutes heißen. Es kann auch bedeuten: mehr Schläge für das Kind.
Schlagen ist sehr viel üblicher in Migrantenfamilien als in anderen. Studien besagen, dass deren Söhne und Töchter zwei- bis dreimal häufiger misshandelt werden als andere Kinder. Derya sagt, bei ihren Familienbesuchen sei von solchen Dingen nicht die Rede gewesen, vielleicht noch nicht die Rede gewesen. Wenn das geschieht, dann muss sich zeigen, ob sich die Eltern etwas sagen lassen von einer fremden Studentin. Selbst wenn sie Türkisch spricht. BARBARA SUPP