Die Königin des Comebacks - DER SPIEGEL
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STARS Die Königin des Comebacks

Sie war ein Hippie-Mädchen, eine amerikanische Sexgöttin und eine Ikone des Jugendwahns. Nun, mit 52, wird die Sängerin Cher erneut gefeiert - als Teeniestar.
• aus DER SPIEGEL 46/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sechs Stunden sind nötig, bis aus Cherilyn Sarkisian La Piere eine Diva wird. Sechs Stunden, in denen die Falten aus ihrem Gesicht verschwinden und die Pusteln auf ihrer Haut. Sechs Stunden, damit der Lidschatten die Augen aus den tiefen Höhlen holt, das Makeup die Wangen zu kleinen Kugeln konturiert und der Lippenstift den Mund geradezieht. Dann erst ist aus Cherilyn Cher geworden, die ewig junge Aphrodite der amerikanischen Popkultur und draufgängerische Urahnin postfeministischer Girlies.

Sie war die erste in diesem Fach, und den Job macht sie seit 34 Jahren. Weil aber manch einer Chers ewige Schönheit nicht als Werk des Maskenbildners bewundert, sondern als Schnittwerk des Schönheitschirurgen grimmig verhöhnt, unterzieht sich Cher seit ein paar Jahren dieser Verwandlung nur noch im Notfall: wenn Fernsehkameras auf sie warten oder die Besucher ihrer Konzerte.

Die 52jährige Frau dagegen, die an diesem Novembertag in einer Hamburger Hotelsuite zum Interview empfängt, erinnert an ein altgewordenes Hippie-Mädchen, das sich im weich gepolsterten Sofa versteckt, den schwarzen Pullover über die angewinkelten Knie gezogen hat und im süßlichen Duft der eigens aus Los Angeles mitgebrachten Kerzen mit zögerlicher Stimme Auskunft gibt über das inzwischen zehnte Comeback ihrer Karriere - und über ihren Kampf, Cher zu sein.

Ihre neue Single »Believe« führt die Hitparaden an, ein neuer Film ist angekündigt ("Tea With Mussolini« von Regisseur Franco Zeffirelli), und in den USA hat sie eine Autobiographie veröffentlicht ("The First Time"). Fast acht Jahre ist es her, daß die Schauspielerin und Sängerin ihre letzten Erfolge feierte. Seitdem kam sie in die Schlagzeilen, weil sie wieder einmal viel zu jungen Männern hinterherjagte oder weil irgendein Revolverblättchen von den vermeintlichen Spätfolgen ihrer Schönheitsoperationen berichtete.

Es ist ein ewiger Kleinkrieg, den Cher führt: gegen das Alter und für die Schönheit; gegen die Männer, die über ihre Karriere bestimmen wollten, und für die Selbstbehauptung; gegen die Armut, obwohl das Arbeitermädchen Millionen verdient hat; gegen das Vergessenwerden, das schwerfällt, wenn man nichts anderes kennt, als berühmt zu sein. Und vor allem ist es ein absurder Kampf: Denn Cher, die immer nur schön und jung sein wollte, hätte allen Grund, stolz darauf zu sein, daß sie endlich aussieht wie eine 50jährige. »Meine Mutter«, berichtet sie, »hat mir einmal gesagt: 'Honey, du bist nicht die Hübscheste, nicht die Klügste und auch nicht die Talentierteste - also mach das Beste daraus.'«

An den Auftrag der Mutter, die selbst von einer Karriere in Hollywood träumte, aber statt Rollen nur Ehemänner sammelte, hat sich die Tochter ihr Leben lang gehalten. Sie war 16, als sie ihren späteren Ehemann Sonny Bono traf, mit dem sie einen Hit ("I Got You Babe") nach dem anderen landete. Sie sangen von großen Gefühlen und kleideten sich wie Hippie-Rebellen, doch in Wahrheit »waren wir so spießig, daß es einen krank machte«.

Anfang der Siebziger wechselten sie das Fach. In einer Fernsehshow präsentierten sie mäßige Songs und Sketche, weil aber Cher ihre Träume in aufregende Märchengewänder kleidete und stets darauf achtete, daß ihr Bauchnabel frei lag, wurde die Show ein Quotenknüller und Cher zur amerikanischen Sexgöttin.

Sie war 27, als sie feststellte, daß sie noch nicht einmal einen Scheck selbst ausstellen konnte. Sie verliebte sich in den Plattenproduzenten David Geffen und verließ ihren Mann. Seitdem hat sie auf einer Menge Platten gesungen, aber nie ihre eigenen Songs. »Ich kann mich nicht an alle Platten erinnern. Ich weiß nur, daß ein paar Hits darunter waren und auch ein paar Flops.« Sie hat in vielen Filmen mitgespielt, von denen ihr nur die wenigsten gefielen. Ihre Ehe mit dem heroinsüchtigen Musiker Gregg Allman dauerte nur zehn Tage, die Vorliebe für junge Rockmusiker blieb. Und wann immer eine neue Beziehung begann - die Presse war stets informiert.

Nie vergaß sie, das Gesamtkunstwerk Cher zu vollenden: Freizügig berichtete sie von Schönheitsoperationen an Nase, Busen und Zähnen und von ihrem direkten Zugriff auf die Männer: Wenn ihr einer gefiel, sandte sie ihre Hofdamen aus mit dem Befehl: »Zieht ihn aus, wascht ihn und bringt ihn in mein Zelt.«

Sie beschimpfte Talkshow-Star David Letterman in dessen Sendung als Arschloch und ließ keine Gelegenheit aus, sich als nimmersatte Diva zu präsentieren. Im Video zu ihrem größten Achtziger-Jahre-Hit »If I Could Turn Back Time« besteigt sie ein Schlachtschiff der US-Marine und reitet, bekleidet mit einem durchsichtigen Netzbody und schwerer Lederjacke, auf dem Kanonenrohr - zur Freude der johlenden Besatzung. Wo immer Madonna in ihrer Karriere hinkam - Cher war schon längst dort gewesen.

Als sie sich 1988 für ihre Rolle in »Mondsüchtig« berechtigte Hoffnungen auf einen Oscar machen durfte, hatte Cher nur ein Problem: »Was ziehe ich an?« Also ließ sie um die Ecke des Shrine Auditoriums in Los Angeles einen Lieferwagen postieren, der im Innern mit einem Fernseher ausgestattet war. Auf dem verfolgte sie die Live-Übertragung vom Eintreffen der Hollywoodstars, und erst als die letzte Konkurrentin den roten Teppich entlanggeschritten war, entschied sie sich für eines ihrer zehn mitgebrachten Kleider.

Es war die Zeit ihrer größten Erfolge: Sie spielte in gleich drei kassenträchtigen Filmen an der Seite von Stars wie Nicolas Cage, Jack Nicholson und Michelle Pfeiffer. Ihre Platten verkauften sich millionenfach: Nach den Hippie-Schlagern der Sechziger und den Disko-Nummern der Siebziger war sie inzwischen bei Rock angelangt.

Doch nach 25 Jahren des Ringens nach Ruhm meldete sich Cherilyns Körper. Sie litt unter dem chronischen Erschöpfungssyndrom. »Drei Jahre lang«, erzählt Cher, »war ich nur müde und krank. Mein Immunsystem kollabierte: Ich bekam eine Grippe nach der nächsten, ich hatte Lungenentzündungen, und morgens in der Dusche mußte ich mich hinsetzen, wenn ich mir die Haare shampoonieren wollte. Ich war so müde, daß ich nicht mal mehr verzweifelt war. Ich dachte: Alles ist aus.«

Rollenangebote für Filme wie »Rosenkrieg« und »Thelma und Louise« mußte sie ablehnen, und auch mit der Gesangskarriere ging es bergab. Statt dessen drehte sie für Teleshopping-Kanäle billige Werbespots, in denen sie, gut bezahlt zwar, ihr Gesicht für Kosmetikprodukte verkaufte; in Hollywood aber galt sie bald als Verliererin. Zeitschriften zeigten ihren Körper, Pfeile zielten auf die Stellen, an denen der Schönheitschirurg herumgeschnitten haben sollte: die entfernten Rippen, um die Taille schmaler zu machen, die Implantate für die Wangenknochen, das Silikon im Kinn. »Ich war nur noch ein Witz«, sagt sie. »Als ich dieses Bild zum erstenmal in der 'Bunten' sah, dachte ich, daß es eigentlich ganz lustig sei. Ein Jahr später war dieses Bild fast um die ganze Welt gegangen. Ich begann mir Sorgen zu machen, daß die Leute wirklich glaubten, ich würde mir meine Rippen entfernen lassen.«

Cher empfing Journalisten in den Monaten der Müdigkeit auf dem Bett zum Interview. Die Königin des Comebacks gab nie auf. Als die »New York Times« sie vor zwei Jahren zu einem neuen Album - diesmal sang sie Pop für Erwachsene - und zu ihrer Rückkehr befragte, erzählte sie dem Reporter den gemeinsten Witz, den man jemals über sie gemacht habe: »Wer überlebt den Atomschlag? Kakerlaken und Cher.«

Inzwischen hat sie erstmals in einem Fernsehfilm Regie geführt und den Designer gewechselt, sie trägt im Fernsehen züchtig Minirock und Pullover und sagt Sätze wie: »Ich habe erkannt, daß man mit 52 nur noch gut aussehen kann, aber nicht mehr fabelhaft.«

Die Tattoos auf ihrem Hintern, mit denen sie früher für ihre Tourneen warb, sind auch weggelasert, und sogar ihre Männergeschichten bleiben heutzutage privat. Und seitdem erst die Tochter Chastity ihre fanatisch heterosexuelle Mutter mit einem homosexuellen Outing schockierte und dann Anfang dieses Jahres der Ex-Mann Sonny Bono, zu dem sie in all den Jahren eine aufrichtige Haßliebe pflegte, bei einem Skiunfall ums Leben kam, scheint Cher erwachsen werden zu wollen - ein bißchen jedenfalls. »Meine Mutter ist 70, und wenn sie heute ein Restaurant betritt, drehen sich alle immer noch nach ihr um. Meine 83jährige Oma geht dreimal in der Woche ins Fitness-Studio. In den vergangenen Jahren hat sie nur zweimal ausgesetzt: nach dem Erdbeben, als das Gebäude in Schutt und Asche lag, und kürzlich, weil sie an der Hüfte operiert wurde.«

Einen Kampf aber hat sie nicht gewonnen. Wie schon am Anfang ihrer Karriere sind es immer noch die Männer, die bestimmen, was sie singt. Der Chef ihrer Plattenfirma hat entschieden, daß Cher auf ihrem neuen Album nun wieder flotte Disko-Songs singt und sich von hippen, jungen Produzenten den Weg weisen läßt. Die haben auch dafür gesorgt, daß in ihrem neuen Hit die Stimme bis zur Unkenntlichkeit verfremdet ist - mit elektronischem Verzerrer-Firlefanz nach dem Muster der singenden Schlümpfe.

»Es ist ein dreckiger und lächerlicher Job, Cher zu sein«, sagt Cherilyn, »aber irgendeiner muß ihn ja machen.«

LOTHAR GORRIS

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