Die Martins-Passion - DER SPIEGEL
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KARRIEREN Die Martins-Passion

Der brasilianische Pianist João Carlos Martins gilt seit den sechziger Jahren als Bach-Interpret von Weltrang. Verletzungen und Skandale zwangen ihn immer wieder zu pausieren. Nun versucht er erneut ein Comeback - obwohl er nur noch mit seiner Linken spielen kann. Von Matthias Matussek
Von Matthias Matussek
• aus DER SPIEGEL 22/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

João Carlos Martins, 61, grau und noch im Schlafanzug, haut die Linke in die Tasten. Nur die Linke. Man muss die Linke üben, immer wieder, wie der Boxer seinen Jab.

Er übt drei Stunden jeden Morgen und nachmittags noch mal zwei, und im Moment ist es diese Kadenz in Rachmaninows Paganini-Variationen, »bis sich die Muskeln die Sprünge gemerkt haben«.

Allerdings: Rachmaninow hat dieses Stück für zwei Hände geschrieben. Für zwei sehr gesunde und technisch perfekte Hände. Diese Fassung nur für die Linke hat er selbst erstellt. Die Hand rührt einen Sturm an, der Mund steht halb offen, man hört ein Stöhnen in dieser fauchenden Welle an Tönen, und die Rechte klammert sich an den schwarzen Rahmen des Petrow-Flügels wie an eine rettende Planke.

Mehr kann sie nicht tun. Sie ist verkrüppelt.

Da liegt eine weitere Hand auf dem schimmernden Flügel, eine weiße Marmorhand, noch einmal die Rechte, übergroß und makellos. So muss der Grabstein für eine Pianistenhand aussehen.

Vor zwei Jahren hat er sich den Nerv in seiner Rechten durchtrennen lassen, weil die Schmerzen zu groß wurden. João Carlos Martins, für viele Kritiker ein ähnlich großer Bach-Interpret wie Swjatoslaw Richter oder Glenn Gould, hat ein neues Kapitel begonnen. Ein Pianisten-Leben mit der Linken. Ein weiteres Comeback.

Jeden Morgen Rachmaninow nur mit der Linken. Das ist ungefähr so, als würde Baryschnikow üben, den »Schwanensee« auf dem linken Bein zu tanzen.

Es ist einfach, João Carlos Martins zu mögen. Er findet, dass das 4:3 zwischen Italien und Deutschland bei der WM 1970 in Mexiko das schönste Fußballspiel aller Zeiten war - und das war die WM, in der Brasilien Weltmeister wurde.

Seine Penthouse-Wohnung in São Paulo will gleichzeitig Kloster sein und Formel-1-Rennstall. Sie hat weiße Rundbögen und eine Kirchentür aus Lima, dazu eine verspiegelte Bar und einen Kamin aus Chrom, der aussieht wie ein Kotflügel.

»Warum spielen Sie diese Toccata so schnell?«, wurde er einst von einem Kritiker gefragt. »Weil ich es kann«, antwortete Martins. So ist das mit ihm: Er geht in die Kirche, aber er gibt auch gern an. Das übrigens galt auch für Bach.

Die Zimmerdecke ist schwarz lackiert. Die Vitrinen zeigen seine Einspielungen, und die ausgestellten Illustrierten-Titel rühmen ihn, und auf den silbergerahmten Fotos lacht er mit Pelé und Dave Brubeck und Salvador Dalí, der ihm einst den Rat gab: »Sprich darüber, dass du der Beste bist - irgendwann glauben es die Leute.«

Die Wohnung spricht darüber, er selbst spricht darüber - und mittlerweile spricht Hollywood darüber. Dort wird sein Leben gerade zum Drehbuch verarbeitet. Produzent und Komponist George Barrie, Oscargekrönt für »A Touch of Class«, hat sich die Rechte gesichert. Der Film müsste »Die Martins-Passion« heißen, mit viel Orgelgebrause unter den Palmen, denn Martins Karriere ist abwechselnd Triumphzug und Opfergang. Wahrscheinlich ist João Carlos Martins heute der am schlimmsten lädierte Pianist der Welt.

Seine Karriere beginnt überhaupt erst mit einer Krankheit, mit einer Tumor-Behandlung in der Kindheit. Da ist ein geöffneter Hals, aus dem es tropft. João Carlos Martins trägt einen hohen Kragen, und er zieht sich gern an sein Klavier zurück und übt, bis zu zehn Stunden am Tag.

Die Jugendfotos zeigen einen Jungen, der gern lacht und mit seinen Brüdern Fußball spielt. Doch er ist auch das Wunderkind, dem Piano-Götter wie Alfred Cortot eine große Zukunft voraussagen. Mit acht, nach sechs Monaten Unterricht, gewinnt er seinen ersten Wettbewerb.

Als Twen spielt er innerhalb von nur einer Woche vor Castro und vor Kennedy, und dann bringt er die Carnegie Hall zum Kochen. Das Publikum beider Welthälften liegt ihm zu Füßen in diesen frühen sechziger Jahren. Er sieht aus wie Buddy Holly mit seiner schwarzen Hornbrille, und die Kritiker rühmen das »klarste, artikulierteste und lebendigste Klavierspiel, das je zu hören war«. Die komplette Einspielung des »Wohltemperierten Klaviers«, auf sieben Platten, wird zum Bestseller. Martins, Superstar: »Mir gelang alles.«

Dann, 1966, kickt er im Central Park Fußball mit ein paar Jungs von der brasilianischen Nationalmannschaft. Er kann durchaus mithalten, er ist ein guter Techniker seit seiner Kindheit, doch da ist diese Rempelei, und er fällt so, dass sich ein Stein in seinen rechten Ellbogen bohrt.

Der erste Sturz seines Pianisten-Lebens, und er kommt kaum wieder hoch. Spielen kann er, aber einstecken, das muss er noch trainieren. Nach einer langwierigen Rehabilitation kämpft er sich mühsam ein paar Konzerte ab, doch ohne es zu wis-sen, hat er die Handhaltung verändert und das entwickelt, was in der Fachliteratur »repetitive motion syndrome« heißt. Er hat die Kontrolle über die Finger verloren.

»Zuerst merkst du es selbst, dann merken es die Kritiker, und schließlich merkt es das Publikum.« Nach einer durchwachsenen Kritik 1970 lässt er den Flügel aus der Wohnung entfernen und rührt kein Klavier mehr an.

Sieben lange Jahre lang. Er ist Banker und Boxpromoter und Konzertveranstalter, bringt Alice Cooper nach Brasilien, und er fühlt sich leer bei alldem, und seine Ehe zerbricht. »Der nächste Schritt wäre die Mafia gewesen und Drogen.«

Da sieht er eines Nachts im Fernsehen einen Pianisten, den er mag. »Doch ich wusste, ich kann es besser.«

So etwas nennt man wohl eine Wiedererweckung. Martins entschließt sich noch im gleichen Moment für seine Rückkehr. Er übt zehn Stunden am Tag, und nach einem Jahr ruft er seinen Agenten an und sagt: »Reservier mir die Carnegie Hall.«

Offenbar ist die mehrjährige Pause genau die richtige Therapie für den Arm gewesen - das »repetitive motion syndrome« ist abgeklungen. Und offenbar ist Martins vermisst worden. Nur schrittweise kann sich das Taxi an jenem Oktober-Abend 1979 die Fifth Avenue hinunterkämpfen. »Besser, Sie laufen«, sagt der Fahrer, »irgendein Verrückter tritt da auf, den alle sehen wollen.«

Der Andrang auf Martins'' Comeback-Konzert ist so gewaltig, dass zusätzlich 300 Stühle auf die Bühne gestellt werden. Für Dick Strawser, den Chef des Klassiksenders WITF, gehört dieses Konzert zu den Sternstunden. Martins'' Carnegie-Konzert mit dem »Wohltemperierten Klavier«, das ist wie Alis Sieg über Foreman.

João Carlos Martins ist wieder oben. Und hier, ganz oben, nimmt er das gigantische Projekt in Angriff, sämtliche Klavierwerke Bachs einzuspielen.

Da gibt es diesen Deutschen in New York, Heiner Stadler, ein Produzent, der durch Dave Brubeck auf Martins aufmerksam geworden war. »Als ich ihn Bach spielen hörte, ging es mir wie Brubeck - ich musste mit den Fingern schnippen«, erinnert sich Stadler. Er will Bach von Martins. Insgesamt 19 Stunden und 28 Minuten.

Die »Sechs Partiten« werden im Pomona-College in Kalifornien aufgenommen, und Martins ist in der Form seines Lebens. Die Kritiker rühmen, und sie verreißen, doch eines schreibt niemand: dass dieser Bach langweilig wäre. Zehn CDs entstehen so, unter ihnen die »Goldberg-Variationen« und die beiden Bücher des »Wohltemperierten Klaviers«, und die »New York Times« schwärmt: »Er zündet Feuerwerke in alle Richtungen.«

Martins'' Bach ist von der besonderen Art. Die Pausen sind länger, die Läufe sind schneller, er kann 21 Töne pro Sekunde anschlagen. Er schiebt die Harmonien ineinander mit seinem Pedal und dickt die Töne an mit seiner »Karatetechnik«. Und sie wirkt. Leonard Bernstein sagte ihm auf einer Party, dass sich sein Klavierspiel anhöre wie ein ganzes Orchester.

Stilistisch ist Martins ein Outlaw, von geradezu verbotener Leidenschaftlichkeit. Sein Bach ist romantisch wie Chopin und frivol wie Samba. Für ihn ist Bach alles, er ist fromm und leidenschaftlich und Zwölftonmusik wie diese letzte Fuge im ersten Buch des »Wohltemperierten Klaviers«. »Wenn ich Bach spiele, will ich, dass es der Fabrikarbeiter mag, und der Purist soll sagen: ,Es ist falsch, aber schön.''« Und es ist schön.

Martins bittet seine Frau Carmen, die »Sarabande« aus der »Fünften Französischen Suite« aufzulegen, und dann erklingt eine Musik, die unermesslich traurig ist. Das ist wohl das Vertrackte an der Kunst. Man fühlt mit, und dann muss man plötzlich an die Fabriziertheit dieses Gefühls denken, und nie weiß man bei Künstlern, was ernst ist und was nur gespielt.

Der Meister stützt das Gesicht in die Hände, er ist gramgebeugt, hier oben in seinem Penthouse in São Paulo, mit dem Whirlpool auf dem Dach. Dann seufzt er: »Das hat er geschrieben nach dem Tode eines seiner Söhne.«

Man hört das zarte Piano und könnte mitheulen noch fast 300 Jahre später, so innig und wahr ist die Liebe des Vaters zu spüren, so deutlich enthält die Musik den Schmerz des Verlusts.

Oder ist es nur João Carlos Martins, der es ihm eingehaucht hat? Woran mag er in diesem Moment denken? An die Kamera des Fotografen oder an den Tod seiner Eltern? Und: Geht es uns etwas an?

»Damals, als ich es eingespielt habe, ging meine zweite Ehe in die Brüche«, sagt Martins. »Die Schmerzen in der Hand hatten zugenommen.« Und vielleicht spürte er in dieser Sarabande, dass sich eine nächste Krise in seinem Leben vorbereitete, eine Art schwermütiger Vorahnung seines nächsten Knockouts.

Es war Mitte der achtziger Jahre, als er wieder zu Boden ging. Zunächst körperlich: Während eines Konzerts in Berlin erleidet er einen Blinddarmdurchbruch. Er bringt es dennoch zu Ende und fällt später für zwei Monate im Elisabeth-Krankenhaus ins Koma.

Doch schlimmer ist der moralische K.o., der sich in dieser Zeit anbahnt. Zuerst die Abkehr von der Bibel: Martins macht Bach zur zweitrangigen Sache und gründet eine Baufirma. Und 1990 geht er in die Politik.

Man muss sich das vorstellen wie auf einem dieser katholischen Katechismusbildchen: links der schmale Weg zum H immel und zu Bach und rechts die bequeme, breite Straße in den politischen Sumpf Brasiliens, in die Hölle. Und Martins nimmt die falsche Abzweigung.

Martins lässt sich auf den korrupten Bürgermeister-Kandidaten Maluf ein. Für ihn sammelt er Wahlkampfgelder. Der revanchiert sich später bei seinen Gönnern. Politik eben, in Brasilien und anderswo.

Immerhin kann Martins beweisen, dass er sich nicht bereichert hat. »Ich hätte ins Gefängnis kommen können«, sagt er. »Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht.« Selbst die Klageabweisung durch den Obersten Gerichtshof nützt ihm nichts, Martins ist sozial verbrannt. Er wird nach ganz unten durchgereicht.

Nun gibt es sogar Kritiker, die behaupten, dass er auch als Pianist nichts getaugt habe. Als sein Vater das liest, steigt er für seinen Sohn in den Ring. João Carlos, so erklärt er in den großen Tageszeitungen, sei ein großer Künstler und daran änderten auch politische Fehltritte nichts.

»Damals war er bereits 92«, sagt João Carlos. »Ich fuhr zu ihm nach Hause und schwor ihm auf den Knien, dass ich mir den Respekt meiner Umwelt wieder erspielen werde.«

Martins flüchtet zurück zu Bach, in diese Gegenwelt, in der er instinktsicherer ist und in der er sich auskennt. Wieder schuftet er und bringt sich in Form. Und dann kann die Arbeit an der großen Bach-Edition wieder aufgenommen werden.

Nun, Mitte der Neunziger, musiziert er mit dem Sinfonieorchester in Sofia. Er spielt die »Englischen Suiten« ein, die »Brandenburgischen Konzerte«, und er ist gut wie nie zuvor. Sein Klavierspiel singt in diesem Holzsaal.

Produzent Heiner Stadler ist glücklich, die Bach-Edition steht kurz vor der Vollendung. Doch es ist, als müsse Martins vorher noch Sünden abbüßen. Es folgt ein neuer Schlag auf diesem absurden Opfergang: Am Abend des 22. Mai 1993, nach erschöpfenden Proben am »5. Brandenburgischen Konzert«, wird João Carlos Martins auf dem Weg zum Hotel in Sofia überfallen. Zwei Halbstarke schlagen ihn mit einem Eisenrohr nieder. »Es regnete«, sagt Martins, »ich lag einige Stunden bewusstlos in der Gosse.«

Der Schlag beschädigt Martins Gehirn und ausgerechnet jene Zellen, die die Bewegung seines rechten Arms koordinieren. Nun beginnt erneut ein unglaubliches Pensum, einige Schraubendrehungen härter als bei den Comebacks davor. »Bei uns zu Hause galt, dass es das Wort ,unmöglich'' nur für Ignoranten gibt - und ich bin kein Ignorant.«

Ein Jahr lang lernt Martins im Jackson Memorial Hospital in Florida erneut, Klavier zu spielen. Er ist bepflastert mit Sensoren und schafft es, sein Gehirn neu zu programmieren. Noch nie, sagt der behandelnde Arzt Bernard Brucker später, habe er einen so fleißigen Patienten erlebt. »Er hat zehn Stunden am Tag gearbeitet.«

Nach einem Jahr haben die Zellen seines Sprachzentrums offenbar begriffen, dass sie nun auch für die Toccata in f-moll zuständig sind. Doch die Reprogrammierung hat ihren Preis. Sie bedeutet, dass er seine Hand bewegen muss, wenn er spricht. »Das verursachte auf die Dauer unmenschliche Schmerzen.« Oft bricht João Carlos in der Folgezeit Gespräche ab, tränenüberströmt. Nach jedem Auftritt braucht er zwei Tage absoluter Stille.

Doch er schafft den Bach, den kompletten, den er 1997 mit den »Fantasias und Toccatas« abschließt: 19 CDs, eine veritable kleine Kommode, die jetzt auch in Deutschland auf den Markt kommt*.

Einer seiner letzten zweihändigen Auftritte ist gefilmt worden. Da ist der Mittelfinger bereits nutzlos geworden und hochgebunden in die Handfläche wie das Bein eines kranken Tiers. João Carlos spielt Mozart und Haydn. Mit neun Fingern.

»Ich habe sämtliche Fingersätze geändert«, sagt er, während er die Aufnahme vorführt. Schon damals hat er der linken Hand beigebracht, Passagen mit zu übernehmen, die normalerweise von der Rechten gespielt werden. Was für ein Opfer-Wille, und was für eine Lust, ihn zu demonstrieren.

João Car los Martins, das sind offenbar mehrere: Der Künstler, der Philanthrop, der Favela-Kindern kostenlosen Unterricht gibt, und der politische Zocker, der sich verrennt.

Offenbar hat er lange genug in der sozialen Hölle geschmort. Obwohl der alte Skandal gerade wieder aufgerührt wurde, wird er wieder eingeladen. An diesem Abend geht es zu einem weißen Bungalow in São Paulos Edelviertel Alto da Lapa. Fackeln und E-Gitarre und französisches Büfett. Der

Justizminister aus Brasilia ist gekommen, und jede Menge Powerbroker stehen herum, denn es ist Präsidentschaftswahlkampf.

João Carlos Martins beugt sich vor und raunt: »Der hat früher Banken ausgeraubt, für die gute Sache natürlich.« Er meint den Minister. Kurz darauf steht Martins beim ihm und lächelt und plaudert. In der Musik nennt man so etwas wohl Tonartwechsel, und Bach, der Meister, hat die Tonart sogar innerhalb eines Taktes gewechselt.

Allerdings muss Martins seine Rechte noch trainieren für das soziale Parkett. Er hat eine merkwürdige Begrüßungstechnik entwickelt. Er weicht dem meist rechten Händedruck mit einer Art Vorwärtshaken aus. Dabei greift er nach dem Ellbogen des Gegenübers, was regelmäßig ein heilloses Gehedder und Gefummel ergibt.

»Die Linke ist für Bach«, sagt Martins achselzuckend, »meine Rechte taugt nur noch dazu, den korrupten Maluf zu killen.«

Selbst wenn er das täte, blieben viele unversöhnlich. Der Chef von São Paulos Staatsorchester hat gerade einen französischen Pianisten für Ravels D-Dur-Klavierkonzert engagiert. »Dabei habe ich genau das eingespielt«, sagt Martins so, dass es möglichst viele hören können. Es ist für die linke Hand geschrieben, sozusagen ein Martins-Konzert.

Bitter und beseelt neigt er sein Haupt in die Empörung der Runde, wie einer dieser Märtyrer auf den Bildern von El Greco, die er so liebt. Dann nimmt er einen Schluck Champagner und sagt: »Dafür spiele ich das Ravel-Konzert zum französischen Nationalfeiertag auf den Champs-Élysées.« Das sitzt. Brasilianer sind stolz auf Erfolge der Ihren im Ausland. Im Juni ist er in Leipzig, später spielt er in Peking, dann in New York.

Martins, der alte Champ, hat sich international wieder nach oben gekämpft. Nur gewisse Provinzler aus São Paulo sehen das nicht. »Skandalös«, sagt eine Dame im lachsfarbenen Chanel-Jäckchen, schon um deutlich zu machen, dass sie nicht zu denen gehört. Kurz nach Mitternacht ist der Maestro froh, dass er die Party verlassen kann. Er hat seinen Auftritt gehabt, und er ist zufrieden mit sich. »Das war eine Fantasia Chromatica, und ich habe nicht gepatzt.«

Carmen schiebt sich durch São Paulos ewigen Stau, und im Jardins-Viertel legen die beiden einen Zwischenstopp in ihrer Lieblings-Eisdiele ein. Fünf leere Tische, gefliester Boden, 50 Eissorten - und Stille. »Ist das nicht schön?«, sagt er. Dann spricht er über den wichtigsten Menschen in seinem Leben. Seinen Vater.

Der Vater ist der Schlüssel zu Martins, dem Comeback-Künstler. Tatsächlich müsste ein Film über den Pianisten mit einer großen, elegischen Rückblende zu seinem Vater beginnen: Die Jahreszahl 1908, ein Junge im portugiesischen Braga, barfuß, lehnt vor dem Fenster eines Klavier-lehrers.

Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit bleibt er dort für ein paar Minuten stehen. Eines Tages fasst er sich ein Herz, und tatsächlich, der Lehrer verspricht ihm eine Übungsstunde. Glücklich geht der Junge zur Arbeit, und er träumt von der Virtuosen-Karriere, die vor ihm liegt, und er schläft ein an der Maschine.

»Dabei geriet seine rechte Hand in die Druckerpresse, und er verlor einen Finger«, sagt Martins. Er nickt in die leere Eisdiele hinein, als bekräftige er einen Familienfluch. Die Klavier-Karriere seines Vaters endete, bevor sie begann - mit einer Verstümmelung!

Doch er, João Carlos, hat den Traum seines Vaters weitergelebt, der zuzeiten durchaus wie ein mörderischer Marschbefehl aussah. Doch es war dieser Marschbefehl, der ihn dann immer wieder gerettet hat in der Niederlage. Der ihn vor Selbstmitleid und Mittelmäßigkeit bewahrt hat. »Nichts ist unmöglich, das war sein Motto.«

Sein Vater. Mit 86, und »ein wenig eifersüchtig« auf die Erfolge seiner Söhne, schrieb er sein erstes Buch und kam prompt, als ältester Buchdebütant der Welt, ins Guinness-Buch der Rekorde. Sein letztes war eine Sammlung von Weisheitslehren und eigenen Lektüre-Erlebnissen, von Buddha über Jesus bis Schopenhauer und Charlie Chaplin, stets auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens.

Wie er starb? In Martins'' Lächeln liegt eine Art Staunen: »Er rutschte auf einer Bananenschale aus.« Im Alter von 102. Was für eine Schlusspointe!

»Er hat Zettel verteilt, für seine Buchpremiere. Er wollte mehr Besucher, als ich sie auf meiner hatte. Er schlug mit dem Kopf auf und war gehirntot, aber sein Herz schlug noch wochenlang weiter.«

Das war dann, so gespenstisch darf man es durchaus sehen, die letzte Mahnung des Alten an die Jungs: Ein Martins gibt nicht auf, ein Comeback ist immer möglich!

Doch offenbar gibt es noch eine andere Martins-Regel: Man nimmt jede Herausforderung an, schon aus sportlichen Gründen. Auf dem Weg nach Hause spricht Carmen von den Regengüssen, die am Vortag die Stadt lahm gelegt haben. »Das nennst du Regen?«, sagt João. »Ich zeig dir, was Regen ist.« Er fummelt eine CD aus dem Handschuhfach, und dann erklingen Vivaldis »Vier Jahreszeiten«, die er vor ein paar Jahren aufgenommen hat, eine Version für zwei Pianos. Der Sommer, erster Satz - »hier kommt''s«, brüllt João Carlos, und tatsächlich ergießt sich ein enormer Wolkenbruch aus Tönen.

João Carlos ist zu jedem Kampf bereit, gegen wen auch immer. Meinen Regen gegen deinen, großer Gott.

Die Aufnahme hat ihn in Schwung gebracht. Zu Hause setzt er sich noch einmal an den Flügel, und die Linke hängt in der Luft wie eine Tatze, die Beute machen will, und dann haut João Car los Martins den Ravel in die Tasten und singt das Orchester dazu, laut und falsch. Das ganze klassische Repertoire für die Linke wird er mit Stadler aufnehmen, das ist erst der Anfang.

João Carlos Martins ist zurück, und vielleicht ist es ja so, dass sein größtes Kunstwerk sein Leben selbst ist. Sicher schwebt über diesem letzten Comeback die Frage, ob der Markt sich für ihn nur noch als Zirkusnummer interessiert: Martins, der einarmige Pianist, das Verletzungswunder.

»Der Markt interessiert mich nicht«, sagt er entspannt wie einer, der sich seiner Sache sehr sicher ist: Die Leute werden schon mitkriegen, dass er, der Comeback-Künstler, mit einer Hand mehr zu erzählen hat als die Übrigen mit zwei. Er hat gelernt. Mittlerweile kämpft er klüger, doch sein Herz schlägt wie das eines Jungen.

* »Bach, Sämtliche Werke für Klavier; João Carlos Martins (1979- 1997)«. Concord/Liebermann; 19 CDs; CCD42054-2; ca. 334 Euro.

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