An einem lauen, öden Abend im Sommer ''62 nahmen zwei junge Münchner mit ordentlicher Frisur ihre Gitarren und setzten sich an den Wedekindbrunnen. Sie spielten und sangen, und ein barfüßiges Pärchen twistete, bis Polizisten die Ruhestörung beenden wollten. Die Straßenschlachten, die sich über fünf Abende hinzogen, gingen als »Twist-Krawalle« in die Apo-Geschichte der Sit-ins, der Hasch-ins, der Go-ins ein.
An einem regnerischen Wochenende im Sommer ''69 setzten sich Zehntausende langhaariger Amerikaner auf eine Wiese in den Catskills und kifften, vögelten und hörten Musik, bis Hunderttausende beieinandersaßen. Der Verkehr rundum brach zusammen, die Klos liefen über, der Gouverneur verhängte den Ausnahmezustand, und der Bürgermeisterkandidat der Republikaner gewann fortan jede Wahl mit dem Slogan »No more Woodstock«.
An einem ganz normalen Samstag im Juli des Jahres 1989 zog ein Kleinlaster den Ku''damm rauf und runter und versetzte die Straßenpassanten in Aufregung. Schmerzhafter Lärm drang aus den großen Lautsprecherboxen, eine Geräuschwelle wie von Preßlufthämmern, Metallsägen und abstürzenden Hubschraubern schwappte über den Ber-
linern zusammen. Hinter dem Lastwagen zappelten und zuckten 150 Halbnackte im monotonen Takt des Krachs.
In den folgenden Jahren wiederholte sich der merkwürdige Umzug, 1990 mit 2000 Jugendlichen, 1991 mit 6000 Gestalten, 1995 mit 250 000 stampfenden Tänzern. Letztes Jahr wollte Berlins Innensenator die Lärmerei als Demonstration nicht mehr genehmigen, sie sei »keine kollektive Stellungnahme zu öffentlichen Angelegenheiten«. Aber da war es längst zu spät.
Die Tänzer waren zu viele, und die Senatoren waren letztlich nicht blöd genug, um das Gespenst noch von der Straße zu kriegen. Sie hatten kapiert, daß es idiotisch ist, junge Leute, die nicht viel mehr wollen als schlucken, bumsen und tanzen, zu Rebellen zu prügeln.
In England aber wurde ein Gesetz erlassen, welches das öffentliche Abspielen »repetitiver Musik« verbietet, wenn mehr als 20 Leute zuhören.
Berliner Ordnungshüter, Denkmalschützer, Geschäftsleute zeterten auch in diesem Jahr, aber wieder erfolglos. Was für sie nichts weiter ist als eine Lawine aus Lärm und Müll, ist für andere ein Rosenmontagszug im Sommer oder eine Massenorgie oder die härteste Party der Welt oder ein Riesengeschäft.
Für die Hunderttausende, die aus Deutschland und der Welt nach Berlin kommen, um sich drei Tage lang in Trance zu tanzen, ist die »Love Parade« so etwas
* 1995 in Berlin.
wie die Jahreshauptversammlung. Sie kommen aus den dunklen Löchern der Städte, aus den Kellern, Bunkern und Klubs, in die sie das Jahr über fliehen, Wochenende für Wochenende, um zu sehen, wie viele »Raver« es gibt im Land.
Zu den Ravern, den Rasenden, den Tobenden (SPIEGEL 44/1991) zählen sich in der Bundesrepublik inzwischen über drei Millionen Jugendliche. In fünf Jahren ist aus der Untergrundszene eine Massenbewegung geworden; Straßen-Raves und Hallen-Raves mit Zehntausenden gibt es in Berlin, Hamburg, Dortmund, Köln, Frankfurt, München, auch in Zürich und Wien; die Kirchen werben mit Techno-Gottesdiensten um neue Gläubige; von der »Jungen Union« bis zu Greenpeace versuchen alle möglichen Gruppen, unter den Millionen Ravern Einfluß zu gewinnen; für viele Unternehmen und Werbeagenturen ist die Rave-Kultur zum einträglichen Marketinginstrument geworden; für das Goethe-Institut ist Techno der zur Zeit wichtigste deutsche Kulturexport; und für den echten Raver ist diese ganze Aufregung natürlich der Beweis, daß Techno schon wieder tot ist.
Die Raver vereint nicht viel; nur die Energie, sich Freitagabend aus dem falschen Leben zu verabschieden und bis Montagmorgen das Richtige zu suchen, und zwar in den stickigen Nebelschwaden der Dancefloors, in ihren Lichterblitzen und ihrem Geräuschdonner.
Für Beatniks, für Hippies, für Ökos, für Punks und andere Rebellen war der Spaß am anderen Leben im schlechten Leben immer so eine Art Vorgeschmack auf die Zukunft; für den Raver ist die Party sein Leben und seine Zukunft, für ihn ist das endlose Tanzen die einzige Möglichkeit, Einigkeit und Recht und Freiheit zu finden.
Sein Vehikel auf der Flucht ist Techno, eine Musik, die vor fünf Jahren noch kaum jemand für Musik gehalten hat und die nun, verkitscht, versüßt, verbogen, in Supermärkten und Kaufhäusern gute Laune machen soll. Für den Raver ist Techno ein Rauschmittel, das nur bei 100 Dezibel funktioniert und mindestens 130 Beats pro Minute haben muß und möglichst keinen Gesang haben darf. Es muß durch den Raum brausen wie ein startender Jet; es muß in den ganzen Körper fahren, nicht nur in die Ohren.
Techno ist Maschinenmusik, und der Raver ist die Menschmaschine; ein zuckendes Nervensystem, das Musik so lange in Bewegung umsetzt, bis es im Hirn ein Glücksgefühl ausschüttet, an das keiner glaubt außer dem Raver.
Techno sei wie Voodoo, sagt der Techno-Kritiker, und die Musik sei so einfach wie früher, als Zottelige ekstatisch zu Trommelmusik tanzten. Techno sei Industriemusik, sagt der Techno-Theoretiker, das sei der Sound der Eisenbahnen, der Fließbänder, der Computer. Techno sei Musik aus der Zukunft.
»Wie kann ein großer Haufen Scheiße die Menschheit verändern?« fragte der Bürgermeister nach der Naturkatastrophe von Woodstock. Wie man von einer Parade der Liebe sprechen könne, fragte die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach der letztjährigen »Love Parade«, die wahre Botschaft sei doch wohl ihr Abfall gewesen; dieser Berliner Marsch führe direkt auf den Müllplatz der Zivilisation. Panzer statt Musiklaster hatte der erschrockene Zeitungsbeobachter gesehen und Krieger statt Tänzer, Folterer statt DJs und Schafe statt Jubelnde, und hinter der Ecke war die Gespensterparade tanzend verschwunden in der Apokalypse.
Man kann den Mann beruhigen: Nicht dem Ende einer sterbenden Zivilisation hat er zugeschaut, sondern wohl oder übel dem Anfang einer neuen. Nicht auf den Abschaum einer Generation hat er geblickt, sondern auf ihre Avantgarde; Hunderttausenden hat er zugesehen, die all das tun, was die Junge Union schon immer von jungen Leuten verlangte. Raver gründen Unternehmen, Raver schreiben Zeitungen, Raver machen Mode, Raver wollen Frieden, Raver lieben Geld.
Raver leben in der Zukunft, Raver tanzen im Internet, Raver lesen die digitale Tageszeitung Techno Today.
Raver sind die wahren Kinder der Einheit. Als die Mauer fiel, strömten die Ost-Raver in den Westen, um Mode und Platten zu sichten, und West-Raver schlichen in den Osten, um leere Fabriken und leere Tresore zu erobern.
Zwei Tage nach der Grenzöffnung vereinigte sich Techno-Großdeutschland im West-Berliner Ufo-Klub; im DDR-Sender DT 64 startete eine Schuhverkäuferin aus der Provinz unter dem Namen Marusha ihre gesamtdeutsche DJ-Karriere; und rechts und links vom Todesstreifen blühten Techno-Klubs, Techno-Labels, Techno-Firmen.
Die »Love Parade« ist eine Leistungsschau der Wiedervereinigung, ein Triumphmarsch für Helmut Kohl, auch wenn der lieber nach London zum EM-Finale fährt. Raver sind fit, Raver gehen auch mit Husten zum Tanzen, Raver werben für Deutschland.
Die »Love Parade« bringt die Nation zum Schwingen, wie es nur Christo mit seinen Regenplanen geschafft hat.
Man kann die Verzweiflung an den Schreibtischen der Nation verstehen, daß dieser Tanz der Ratten auf dem Müll das große Ding sein wird, was die Großväter in 50 Jahren ihren Enkeln aus den Gründungsjahren der neuen Republik erzählen werden. Erst der Mauerfall, dann Christo, dann die »Love Parade«. Sonst nichts. Kein Volksfest am 3. Oktober, kein Fahnenschwenken am Brandenburger Tor, kein Feuerwerk vorm Schloß Bellevue. Alle werden sie dabeigewesen sein wollen bei der »Love Parade« so wie die 40 Millionen Amerikaner, die im Matsch von Woodstock lagen, und alle werden sie von Love reden, von Unity, von Peace, von heißer Sonne und von gigantischen Frauen.
Generationen werden dann zu echten Generationen, sagen Generationenforscher, wenn große Erlebnisse sie zusammenschweißen. Der Kriegsgeneration ging das so, der Nachkriegsgeneration und der Generation der 68er. Die Techno-Generation hat ihr Kriegserlebnis jedes Jahr im Juli, aber was ihr lange fehlte, war die Sprache. »Shut your mouth and open your mind«, mehr war auf den T-Shirts der Raver nicht zu lesen, vielleicht gerade noch »Diva«, »Respect«, »Loser« oder »Trouble«.
Inzwischen gibt es dicke Techno-Bücher und deshalb auch eine Techno-Theorie und viele Techno-Theoretiker; die »Love Parade« gibt ab sofort Mitgliedsbücher aus und stellt Botschafter ein; und deshalb wird es erfahrungsgemäß nicht lange dauern, bis Raver bei irgendeiner Gemeinderatswahl für kommunale Dancefloors zum Nulltarif antreten und die Rave-Party zum Bundestag kandidiert.
So minimalistisch wie ihre Musik ist das »Programm« der Raver: Es gibt eine Zukunft, okay; es ist nicht okay, wenn du Altöl auf die Straße kippst oder ''ne Schlägerei anzettelst oder ''ner Frau hinterherpfeifst - so faßt ein Türsteher der Berliner Diskothek »90º« die Raver-Philosophie zusammen. Die hat nie einer aufgeschrieben, weil es nie einen interessierte, aber seit es Staatssekretäre, Marketingmanager und Trendforscher interessiert, wird es aufgeschrieben.
Pete Townshend von »The Who« hat in Woodstock einem Studentenführer auf der Bühne seine Gitarre über den Schädel gezogen, als der reden wollte; jeder DJ erledigt das heutzutage mit einem kleinen Ruck an seinem Regler.
Raver reden so ungern, weil es so laut ist, weil es nichts zu sagen gibt, weil sie nichts sagen wollen oder weil alles gesagt ist. Raver wollen nichts von der »Öffentlichkeit«, sie stellen keine Forderungen, mit ihren Demonstrationen wollen sie ihre Lebenslust zur Schau stellen.
Die »Raving Society« bringe allen Menschen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, versprechen die inzwischen lauten Techno-Theoretiker, die Techno-Generation werde »die Gesellschaft mehr verändern als die 68er«, weil sie das Glücksgefühl aus den langen Nächten in den Alltag der Gesellschaft trage. In den Kellern und Klubs werde Zukunft vorgelebt, ohne Rassismus, ohne Sexismus, ohne Gewalt.
Man kann das ruhig für die lustigen Sprechblasen einiger größenwahnsinniger Plattenaufleger halten, es wird nichts daran ändern, daß die kreativsten und aktivsten Leute dieser Generation die Verhältnisse auf neue Art zum Tanzen bringen (wollen).
In den Sechzigern warfen die Aufsässigen Molotowcocktails, in den Siebzigern gründeten sie Bürgerinitiativen, in den Achtzigern etablierten sie die Grünen - wer in den Neunzigern jung ist und ein besseres Leben will, läuft zuckend hinter lärmenden Tiefladern her.
Das sagt viel über diese Leute, aber noch mehr über das, was Soziologieprofessoren den »Strukturwandel der Öffentlichkeit« nennen: Demonstrationen, Mahnwachen, Sit-ins und all die anderen schönen Mittel politischer Willensäußerungen sind in den Augen dieser Generation so abgetreten, so wirkungslos und damit so unpolitisch, daß sie lieber gleich mit riesigen Wasserpistolen durch die Straßen feuern.
Die »Love Parade« ist so politisch wie ein Sommerpicknick und so unpolitisch wie eine Friedensdemo, aber wenn Politik die Verständigung ist darüber, wie man zusammenleben will, dann sind drei Tage voller »Love, Peace and Unity« politischer als drei Kilo Parteiprogramm.
Die Utopie der Raver ist so einfach wie ihre Musik und so utopisch wie die Uno-Charta. »Glück« ist das Ziel aller Tänze. »Wir versuchen, auf irgendeine Art auszubrechen, um Gefühle des Glücks, der Zärtlichkeit und Gemeinsamkeit zu erleben, die uns diese bürgerliche Gesellschaft verweigert«, schrieben 1968 Antiautoritäre auf ihre Flugblätter. Die Raver sagen das heute so ähnlich, wenn auch auf englisch.
»Macht kaputt, was euch kaputtmacht«, stand damals unter den Aufrufen. »Be yourself«, heißt es heute.
Kaputtmachen will der Raver nichts mehr, er will nicht mehr gegen Mächte und Verhältnisse aufstehen, die sowieso mächtiger sind als er, weil sie immer mächtiger waren als alle Aufstände. »Vergiß das System. Tu was«, heißt es in einer der Techno-Fibeln.
Eine pragmatische Utopie hat sich der Raver zusammengebastelt. Sie ist klein, quadratisch und gut, sie ist zusammengekehrt aus den Hoffnungen und Enttäuschungen der letzten Jahrzehnte: Der Traum stammt aus den Sechzigern, die Resignation aus den Siebzigern, der Hedonismus aus den Achtzigern.
Den Menschen des 21. Jahrhunderts hat Ché Guevara sein Leben lang gesucht. Viel spricht dafür, daß dieser einem Raver ähnlich sein wird: die Ideale reduziert auf das Machbare, die Kommunikation beschränkt auf das Nötige, die Musik begrenzt auf die Beats per Minute, der Sex verlegt auf die Tanzfläche.
Rave sei »eine Art Eingewöhnungsphase für unseren Einstieg in die digitale Welt«, war in dem Musikmagazin Spex zu lesen, unser Nervensystem werde spielerisch geschult, mit den Inputs und Outputs von Computern klarzukommen. Jener Familienvater, der auf der Suche nach seiner Tochter bis in die Unterwelt eines Techno-Klubs vordrang, mußte erfahren, daß sein Herzschrittmacher die rasenden Baßfrequenzen eines Gabba-Computers nicht überlebte. »Zutritt für überempfindliche Erdlinge verboten« stand über der Eingangstür.
Erschöpfte Raver passen ihr Nervensystem den Reizen der Computermusik durch Ecstasy an. Das Zeug verstärkt die Erregungsleitungen zwischen den Nervenzellen und produziert Glücksgefühle, auf die schon über eine halbe Million Deutsche nicht mehr verzichten wollen.
Nicht nur die Reizströme beschleunigt Ecstasy, sondern auch den Fluß des Geldes. Nicht wenige der vielen Plattenlabel, Techno-Klubs, Modefirmen zogen ihr Startkapital aus dem Pillenverkauf.
Geld ist im Raveland hundertmal wichtiger als Politik. »Jeder Vorgang ist ein kommerzieller«, sagt der Chef von Technomedia, einem der großen Unternehmen der Rave-Branche. Mit Geld kann man besser Politik machen als mit Molotowcocktails.
Gegen die Gefahr, korrumpiert und vom Kommerz unterwandert zu werden, hat die Techno-Szene ein wirksames Mittel gefunden. Geld. Die Raver verkaufen sich selbst; sie sind Unternehmer, Manager und Buchhalter; sie führen ihn selbst, den Kampf um das Geld der Raver, und das sind ungefähr vier Milliarden Mark.
»Unter dem Pflaster liegt der Strand«, diese Parole aus den wilden Sechzigern kreist wieder unter den Ravern. Damals bedeutete das: Nimm dir einen Pflasterstein und wirf ihn einem Bullen an den Kopf. Heute heißt das: Kauf dir ein Ticket und flieg nach Ibiza zum Strand-Rave. Und steck viel Pesetas ein.
* 1995 in Berlin.