Die preußische Variante
Der liebe Gott ist wahrscheinlich ein Österreicher, und wenn nicht, dann meint er es gut mit Österreich. Die EU-Staaten haben ihre Sanktionen gegen die Alpenrepublik aufgehoben, seit dem Wahlsieg von Berlusconi ist Haider kein Thema mehr, und der Himmel über Berlin strahlt in einem wolkenlosen Blau - wie auf Bestellung. »Kaiserwetter«, sagt der Presseattaché der österreichischen Botschaft, Georg Schnetzer, und strahlt auch. Neben ihm stehen Theresa und Moni in Innsbrucker Festtagstracht und sagen, sie hätten auch »eine Werktagstracht, aber die hat einen anderen Schurz«. Sie tragen an dünnen Lederriemen über der Schulter kleine Fässer aus Eichenholz, die zwei Liter Marillenschnaps fassen, und unter dem »Schurz« halten sie kleine »Stamperl« aus Zinn versteckt, falls jemand den Marillenschnaps probieren möchte. Aber das traut sich keiner.
Unmittelbar neben den Österreichern haben die Baden-Württemberger ihre »Botschaft«, und die ist größer und auch cooler als das von dem »Stararchitekten« Hans Hollein gebaute Haus, in dem platzsparend die Botschaft, die Konsularabteilung und die Residenz des Botschafters untergebracht sind. Der trägt den typisch österreichischen Namen Lutterotti und ist seit dem Zusammenbruch der Donaumonarchie im Jahre 1918 »der erste österreichische Botschafter, der in Berlin residiert und für Gesamt-Deutschland akkreditiert ist«, wie es in einer amtlichen Broschüre zur Einweihung heißt.
Und so ist die Freude groß, dass Österreich wieder eine diplomatische Vertretung im Herzen des Altreichs unterhält. Die Freude wäre noch größer, wenn ein wenig mehr Prominenz aus Politik, Kultur und Unterhaltung versammelt wäre.
Auf der österreichischen Seite sind es, neben dem Präsidenten Klestil und der Außenministerin Ferrero-Waldner, der Schauspieler Friedrich von Thun ("Dr. Schwarz und Dr. Martin") und der Chef des Nachrichtensenders N-tv, Helmut Brandstätter, der aber eigentlich ein Beute-Berliner ist, ebenso wie Kollege Wilfried Rott vom SFB, der vor 24 Jahren von Wien nach Berlin gekommen und nie um einen Kommentar über seine Landsleute verlegen ist: »So ist er, der Österreicher, immer diese Unterwürfigkeit«, mault er, weil sich Benita Ferrero-Waldner bei Joschka Fischer immer wieder für das »sehr gute Arbeitsgespräch« bedankt, das die beiden Außenminister eben miteinander hatten. Die Stimmung ist so heiter wie das Wetter. Alle wissen, worüber nicht gesprochen werden darf. Der Kärntner Landeshauptmann hat Hausarrest in Klagenfurt, er ist nicht einmal als Name präsent.
Ministerin Ferrero-Waldner trägt zum Dauerlächeln ein pinkfarbenes Kostüm, zitiert in ihrer Ansprache Christian Morgenstern ("Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist") und erwähnt als Beweis der guten »zwischenmenschlichen Beziehungen« die Tatsache, dass 200 000 Österreicher in Deutschland und 70 000 Deutsche in Österreich leben. Liebt der Österreicher das Deutsche mehr als der Deutsche den Österreicher? Das wäre sicher eine Überlegung wert, aber an einem solchen Tag sind Reflexionen unangebracht.
Joschka Fischer rettet sich mit ein paar harmlosen Kalauern aus der Umarmung seiner Kollegin ("Mir gefällt das Grün in diesen Räumen"), gratuliert dem Botschafter »zu diesem schönen neuen Gebäude« und wünscht ihm »eine interessante Zeit«. Er hat es eilig, denn er muss noch zu einem Treffen mit Arik Scharon, der nach Berlin gekommen ist.
Wahrscheinlich deswegen hat sich Fischer eine blaue Krawatte umgebunden (Blau-Weiß sind die Nationalfarben Israels), doch hier, in der neuen österreichischen Botschaft, die »eine Stätte der Begegnung« (Klestil) werden soll, kommt das Farbsignal anders an. Denn Blau ist die Farbe der FPÖ. Das ist die Partei, in der Jörg Haider den Ton angibt. Anders als die Deutschen achten die Österreicher auf versteckte Botschaften und interpretieren sie gern zu ihren Gunsten.
Dass am Ende der Feier die österreichische Bundeshymne, die deutsche Nationalhymne und die Europahymne vom Trio Triton aus Graz gespielt werden, könnte man als ein Bekenntnis zur europäischen Integration deuten, tatsächlich ist es eine Demonstration österreichischer Kulturhoheit, denn alle drei Hymnen wurden, so die Österreicher, von Österreichern komponiert.
Die kulturelle Überlegenheit des kleinen Landes ist auch beim anschließenden Empfang zu bestaunen: Zander mit Tiroler Speckknödeln, Tafelspitz mit Apfelkren und Schweinsbraten mit Serviettenknödeln. Der Nachtisch wurde vom »Café Landtmann«, wo schon Sigmund Freud verkehrte, eingeflogen: Rund um eine Sechs-Kilo-Torte mit der Botschaft »Wiens Kaffeehäuser grüßen Berlin!« haben Konditoren eine Kuchentafel aufgebaut: Schokomustörtchen, Erdbeerrouladen, Kipferl mit Vanillecreme, Nougat-Mocca-Stollen, Pistazienoberstörtchen, Walnussstollen und Esterhazy-Schnitten in Kompaniestärke - ein Paradies für entwöhnte Berliner.
Doch Christoph Stölzl, ehemals Kultursenator und seit kurzem arbeitslos, grämt sich. »Ich hätte heute eine wunderbare Österreich-Sendung machen können«, sagt er im Vorbeigehen zu Georg Gafron, dem Chefredakteur von Radio Hundert,6. Dann doziert er über »Österreich als Teil des deutschen Kultur-Föderalismus«. Antje Vollmer, Vizepräsidentin des Bundestages und ranghöchster deutscher Gast, sieht auch unzufrieden aus. Sie wollte einen Apfelstrudel, erwischte einen Krautstrudel, der ähnlich aussieht, aber ganz anders schmeckt. »Es ist eben die preußische Variante«, sagt sie und bringt den Unterschied zwischen Wien und Berlin auf den Punkt. HENRYK M. BRODER