Die SPD guckt Fußball: Aufpassen, Deutschland! - DER SPIEGEL
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Die SPD guckt Fußball Aufpassen, Deutschland!

In der Politik ist es wie beim Fußball: Am Ende hat der Sieger alles richtig gemacht - auch wenn das Ergebnis denkbar knapp war. Wie die SPD-Fraktion sich fußballpolitisch platzierte und alle mitspielten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Sechs mal fand eine EM oder WM in einem Wahljahr statt, beginnend 1972, als Deutschland Europameister wurde und Willy Brandt mit Vertrauensfrage und Neuwahlen die SPD zur stärksten Fraktion machte. Die ungefragte Umarmung der Kicker durch die Politik hat in Deutschland Tradition. Fast schon legendär ist die Männerfreundschaft zwischen Berti Vogts und Helmut Kohl, die beide nicht einsehen wollten, dass sie ausgewechselt werden.

Die SPD-Bundestagsfraktion öffnete am Dienstag ihren Fraktionssaal im Reichstag für Gäste zu einer "sportpolitischen Sondersitzung" mit Großbildleinwand zum entscheidenden Kampf gegen Kamerun. Aber einige Genossen zogen es vor, das entscheidende Spiel im Abgeordnetenbüro zu beobachten. Zu einfach sind die Analogien, wenn Deutschland gescheitert wäre, für Journalisten, die zur Zeit massenhaft politische Kommentare schreiben, in denen es von "Mannschaftsaufstellung", "Taktik", "bösen Fouls", "Auswechslung" und "roten Karten" nur so wimmelt. Fraktionschef Peter Struck, der das Risiko kannte von unpopulären Bildern niedergeschlagener Genossen vor einer Großbildleinwand mit sich vom Platz schleppenden Verlierern, sorgte vor: "Wenn Deutschland verliert, hat das nichts mit uns zu tun. Und wenn Deutschland gewinnt, steigt die Stimmung im Land." So einfach ist die Rechnung. Und selbstredend würden die Abgeordneten die beiden Freistunden nacharbeiten.

Artig erhoben sich die Genossen zur Nationalhymne - von wegen "vaterlandslose Gesellen"! Nur einer fiel aus der Rolle: Der Abgeordnete Matthias Liese kam im Trikot Kameruns und stand allein auf weiter Flur, als die Hymne der Afrikaner erklang: "Ich war mal Mitarbeiter im Auswärtigen Amt und zuständig für die Sportförderung in Afrika", lautete die Erklärung.

Bier und Chips hatte Struck verboten, bei Wasser und Obst demonstrierte die SPD Sparsamkeit im Eichelschen Sinne (der erst nach Abpfiff den Fraktionssaal betrat). Angesichts des Kameraaufgebots ließ sich der oberste Dompteur der Abgeordneten eine Deutschland-Fahne bringen und jubelte schon mal deutlich länger und lauter als alle anderen, damit auch jeder sein Sieger-Bild machen konnte.

Ein Stockwerk tiefer demonstrierte die PDS trotzigen Oppositionskurs. Carl Friedrich von Weizsäcker hielt den Reformkommunisten einen Vortrag über die Folgen der Globalisierung während in der Ecke nur ein kleiner Fernseher ohne Ton die Folgen von Ramelows gelb-roter Karte transportierte. Der grüne Fraktionschef Rezzo Schlauch schwänzte gleich ganz die Sitzung seiner Alternativen und schmuggelte sich in der zweiten Halbzeit in den SPD-Saal: "Struck hatte mich eingeladen", entschuldigte er die Fahnenflucht. Schließlich wollen die Grünen auch nach September mit roter Hilfe ganz oben weiterspielen.

90 Minuten lang sprachen sich Journalisten und Abgeordnete lauwarme Kalauer in die Mikrofone und hielten sich an die Möllemann-Taktik: Flach reden, hoch gewinnen. "Schlagen wir die Schwarzen?" "Ja, heute und am 22. September." Da lacht der deutsche Multikulti-Demokrat. Dass ausgerechnet ein "Bayer", Oliver Kahn, Deutschland einige Male rettete, störte den Vorsitzenden des Sportausschusses, Friedhelm Julius Beucher, wenig: Akribisch notierte er jeden Spielzug, jede Verwarnung und Auswechslung, als ließe sich daraus eine Wahlkampftaktik ableiten. Der Mann hat mal einen Schiedsrichterschein gemacht: "Das ist Berufskrankheit."

Noch vor wenigen Tagen hatte es im selben Saal innerhalb der SPD-Mannschaft kräftig gekracht. Struck und Innenminister Otto Schily stritten lautstark über das Stasi-Unterlagengesetz. Das Kabinettsmitglied erschien dann auch nicht zur Fußball-Deutschstunde. Er flog einfach nach Japan und demütigte die widerspenstigen Genossen mit seinem Ministerprivileg, das Spiel vor Ort sehen zu können. Damit das Ganze nicht als Lustreise erscheint, verbreitete seine Pressestelle, dass sich der Minister selbstredend auch mit japanischen Kollegen über Fragen der "Inneren Sicherheit" austauschen werde.

Dem SPD-Wähler kann das ja egal sein. Der hat seine eigenen Sorgen. Er soll nämlich jetzt über den Kampf zur Wahlurne finden. Der Spielführer Schröder erschien dann auch nicht zur Fraktionssondersitzung, weil er sowieso nur noch glaubt: "Er oder Ich." statt "Wir oder Die". Vielleicht rächt sich dann noch, dass der Kanzler zu lange ignorierte, dass Fußball ein Mannschaftsspiel ist. Struck setzt da schon eher auf die Kraft des Kollektivs und zitierte ausgerechnet Vogts: "Der Star ist die Mannschaft." Selbst wenn Rudolf Scharping mitspielt.

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