Die Springerflut - DER SPIEGEL
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JUMPOLOGIE Die Springerflut

• aus DER SPIEGEL 51/1959
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Würden Sie bitte einmal in die Luft springen«, bat der Photograph und richtete den Sucher seiner Kamera auf den Herzog von Windsor. Seine Königliche Hoheit entledigte sich bereitwillig der Schuhe und hüpfte, in karierten Socken, hurtig in die Höhe.

Das absonderliche Photo, das auf diese Weise zustande kam, ist eines von 187 Prominenten-Konterfeis, die unlängst vom New Yorker »Simon and Schuster«-Verlag in einem Bildband veröffentlicht wurden. Das Werk enthält Photos prominenter Politiker, Wissenschaftler, Playboys, Film- und Bühnenstars, unterscheidet sich aber vom Star-Album herkömmlichen Stils auf höchst skurrile Art. Die Prominenten beiderlei Geschlechts sind nämlich durchweg

während eines Luftsprungs aufgenommen - was auch den Titel des Buchs bestimmte. »Philippe Halsman's Jump Book« (Philippe Halsmans Sprung-Fibel).

Freilich, es handelt sich nicht um Schnappschüsse. Der angesehene Porträt-Photograph Philippe Halsman hat die seltsame Sammlung vielmehr planvoll angelegt, indem er allen prominenten Personen, mit denen er beruflich zu tun hatte, einige Hopser vor der Kamera abforderte. Dabei gelang es ihm, nicht nur publicity-süchtige Filmstars, sondern auch Nobilitäten und Nobelpreisträger zu Luftsprüngen zu bewegen - etwa den französischen Dichter Francois Mauriac. Auch der zweimal abgeschlagene amerikanische Präsidentschaftskandidat Adlai Stevenson, der britische Oppositionsführer Hugh Gaitskell, der Atomphysiker Professor Robert Oppenheimer und US-Vizepräsident Richard Nixon fanden Vergnügen daran, vor Halsman zu demonstrieren, welche Sprungkraft ihnen verblieben ist.

Wie grotesk sich namentlich distinguierte Personen hüpfenderweise ausnehmen können, beweist eine Aufnahme der monegassischen Landesmutter Gracia Patricia, geborene Kelly, deren sonst so vornehmer Habitus in der Luft zu purer Lächerlichkeit zerrinnt. Sie erinnert an eine sittenstrenge Hausdame, die in einer schizoiden Anwandlung ihren Rock rafft und kichernd über die Mauer ihrer Erziehung springt. Dem renommierten britischen Schriftsteller Aldous Huxley ("Brave New World") gerieten im Sprung Arme und Beine derart vehement auseinander, daß er einer übersteuerten Marionette glich.

Photograph Halsman begnügte sich indes nicht damit, die mehr oder weniger leichtfüßig emporschnellende Prominenz mit seiner Kamera einzufangen. Er betrieb auch anhand der Bilder Bewegungsstudien und weitete die Erkenntnisse, die sich ihm dabei aufdrängten, schließlich zu einer kauzigen Psychologie des Sprungs aus. Er nannte sie »Jumpologie"*. Halsman: »Im Sprung überwindet man die Schwerkraft. Man kann nicht gleichzeitig seinen Ausdruck, seine Gesichts- und Körpermuskeln kontrollieren. Die Maske fällt. Das wahre Selbst wird sichtbar.«

Aufgrund jumpologischer Erfahrungen glaubte es Halsman als »außerordentlich bedeutsam« ansehen zu können, daß beispielsweise Marilyn Monroe und Brigitte Bardot mit angewinkelten Beinen in die Luft sprangen. »Daran zeigt sich«, dozierte Halsman, »daß sie im Grunde eine kindliche Mentalität haben.« Als ein Symptom von Klugheit und Vorsicht wertete der Photograph, wenn seine Modelle, etwa die Windsors und Grace Kelly, vor dem Sprung die Schuhe auszogen. Und als die italienische Filmdarstellerin Sophia Loren mit gespreizten Beinen hopste, diagnostizierte Halsman-. »Das ist oft ein Zeichen von Leidenschaft, Unabhängigkeit und Rebellion.« Dem amerikanischen Vizepräsidenten Nixon schließlich, der mit ausgebreiteten Armen, aber geschlossenen und gestreckten Beinen hüpfte, bescheinigte der Photograph anzüglich:. »Der Springer stellt sich vor, er sei stark und mächtig.«

Mit solchen Schnurrpfeifereien legte Halsman den Keim zu einer neuen Manie, die sich - wie im vergangenen Jahr die Hula-Hupp-Epidemie - in schnellem Tempo über die Kontinente auszubreiten droht. Die jumpologische Technik seelischer Enthüllung scheint sich zu einem neuartigen Gesellschaftsspiel nach dem Halsman -Motto »Zeige mir, wie du springst - und ich sage dir, wer du bist« auszuwachsen.

Die französische Tageszeitung »Parispresse« bemühte bereits einen Psychologen, der sich ernsthaft mit der Jumpologie auseinandersetzte und seine Überlegungen bis auf den Schriftsteller Lavater (1741 bis 1801) und dessen Lehre von den Beziehungen zwischen Physiognomie und Seele ausdehnte. Und nachdem schon die Millionen -Illustrierten »Life« (USA) und »Paris Match« (Frankreich) ihre Leser in großen Bildserien mit der Jumpologie vertraut gemacht hatten, erreichte die Spring-Flut in der vergangenen Woche mit einem Bericht der in Köln erscheinenden »Neuen Illustrierten« auch die Bundesrepublik.

Die Redaktion der »Neuen Illustrierten« stufte das psychologische Hüpfspiel bereits als »originelle Modebewegung« ein, schickte ihre Reporter auf die Jagd nach hopsender bundesdeutscher Prominenz und kündigte eine neue Bildreportage an: »Nun springen sie auch bei uns !«

* Englisch: to jump = springen.

Gracia Patricia

Zeige mir...

Die Windsors

... und ich sage dir ...

Sophia Loren

... wie,du springst ...

Professor Oppenheimer.

... wer du bist

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