EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Die Super-Bullen
Auf beiden Seiten erheben sich schwarz die Wälder, in der Mitte verläuft die Straße gerade, auf der rechten Spur fährt ein alter Skoda Fabia in Königsblau.
Alte Skoda fahren nicht sehr schnell, dieser fährt 80 km/h; darin sitzen fünf Männer mit dunklen Haaren, grauen Pullovern. Es ist sechs Uhr am Morgen und kaum ein anderes Auto zu sehen.
Die Fahrbahn ist trocken an diesem Tag im Februar, kein Niederschlag auf der A 93 von Regensburg Richtung Hof.
Seit zehn Stunden sind die Männer unterwegs, Stefan, der Fahrer, daneben Igor, auf der Rückbank der andere Stefan, in der Mitte Ladislav, rechts Milan, Igors Vater.
Am Vorabend waren sie aus Rimavská Sobota aufgebrochen, einer kleinen Stadt im Süden der Slowakei, hatten alles eingepackt, die Gitarre, das Akkordeon, den Proviant, geschmierte Brote und große Laibe Weißbrot für die Tage, die kommen würden.
840 Kilometer sind geschafft, bis Bayreuth fehlen 70.
In Bayreuth, das ist der Plan, werden sie in der Fußgängerzone auftreten, Straßenmusiker sein, werden spielen, singen, nachts im Wagen schlafen, werden wieder auftreten, ein paar Tage lang etwas verdienen und wieder zurückfahren nach Hause, fünf Männer auf der Suche nach Geld und Glück.
Ladislav schläft, die Reifen rollen.
Um 6.10 Uhr geht in der Autobahnpolizei Weiden der Notruf ein. Stefan Kastl, Polizeihauptmeister, stellt seine Kaffeetasse zurück auf den Tisch. Ein Unfall, hört er, bei Kilometer 130.633.
Kastl ist groß, hat weiches und blondes Haar, wie Jungs es haben, er ist 39 Jahre alt, seit 18 Jahren Polizist. Am Vorabend aß er mit seiner Frau zu Abend im Haus, das er abzahlt seit sechs Jahren, las im Buch; jetzt ist er einer von sechs Polizisten, die rausfahren, zehn Kilometer bis zur Autobahn. Kollege Gollwitzer sitzt neben ihm.
Von weitem sehen sie Lichter durch den Himmel kreisen, sie kommen näher, sehen die drei Wagen der Feuerwehr, die drei vom Roten Kreuz, sehen ein anderes Auto, es steht quer auf der Straße, zerquetscht wie eine Büchse, sie sehen den alten Skoda, königsblau.
Sehen einen Mann auf der Rückbank liegen, fast so, als schlafe er, es ist Milan, Igors Vater.
Ladislav schneiden sie heraus, bringen ihn ins Krankenhaus, Milan in die Halle vom Waldfriedhof.
Gollwitzer macht Fotos, Kastl hat längst auf »einfach weiterarbeiten« gestellt, auf »Tunnel«, geht rüber zum Fahrer des VW Passat, einem 56-Jährigen aus der Gegend, er war im Firmenwagen unterwegs, war von hinten gekommen, schnell, wollte rechts auf den Parkplatz, schnitt den Skoda, blieb unverletzt.
Die Sperrung auf der A 93 war um 9.33 Uhr aufgehoben, die Straße gesäubert, alles zusammengefegt, Metallteile, Scherben, die Gitarre, das Weißbrot.
Gegen Mittag sitzen drei Slowaken bei Stefan Kastl am Schreibtisch in Raum 0.58, einer trägt eine Halskrause, sie erzählen ihre Geschichte, Igor weint.
An seinem T-Shirt klebt noch das Blut, er ist 32 Jahre alt, sein Vater, 57 Jahre, liegt im Kühlhaus.
Seine Mutter war vor einigen Wochen gestorben.
Kastl bricht ab, nach 45 Minuten, die Dolmetscherin blickt hoch zu ihm, alle schweigen, Gollwitzer steht auf, geht in den Supermarkt, kauft etwas zu essen und Apfelsaftschorle.
Polizeioberkommissar Budnik kommt zum Schichtwechsel, Andreas Heinz auch. Gollwitzer ist zurück, jetzt stehen vier Polizisten vor drei Slowaken.
Sie überlegen, was sie tun können, die Männer haben nicht mal Geld, um mit dem Bus zurück in die Heimat zu fahren. Andererseits gehört es nicht zu ihren Aufgaben, Kerlen ohne Geld zu helfen. In der Ausbildung kam so etwas nie vor.
Die Versicherung des VW-Fahrers, sagt einer dann, die könnte doch helfen.
Also rufen sie die Versicherung an. Aber die Versicherung hilft nicht.
Die Hilfsorganisationen, sagt ei- ner der anderen Polizisten, von denen werde sicher jemand helfen.
Also telefonieren sie wieder, wählen die nächste Nummer, wählen viele Nummern, aber niemand hilft, nicht so schnell.
Was, fragen sich die Polizisten schließlich, ist mit der slowakischen Botschaft?
Jetzt wählt Kastl. Während er das Freizeichen hört, sieht er in die Gesichter der Männer.
Erzählt ihre Geschichte, ein weiteres Mal, sagt, der vierte aus der Gruppe, Ladislav, habe mehrere Brüche erlitten, innere Verletzungen, er liege im Koma.
»Bargeldmäßig« sei das schwierig, sagt die Frau von der Botschaft. Man könne ein Zugticket schicken, ein »Bayern-Ticket«. Mit einem Bayern-Ticket würden die Männer bis an die Grenze des Freistaats kommen, aber nicht in ihre Heimatstadt. Als Kastl das hört, beschließt er, dass es ihm reicht.
»Ich zahle den Bus, der sie von hier nach Hause fährt«, sagt er den Kollegen.
Die sehen sich an.
»Ich bin auch dabei«, sagt Budnik.
»Ich selbstverständlich auch«, sagt Gollwitzer.
»Dann zahle ich auch etwas«, sagt Heinz.
Nacheinander legen sie auf den Tisch, was sie in der Tasche haben, Kastl 50 Euro, Budnik 50 Euro, Gollitzer 50 Euro, Heinz 20 Euro, 170 Euro insgesamt.
Gollwitzer packt den Slowaken alles ein, auch das, was er eingekauft hat für sie, das Essen, die Apfelsaftschorle.
Er überredet sie, es anzunehmen. BARBARA HARDINGHAUS