Die Tierfabrik - DER SPIEGEL
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KRIMIS Die Tierfabrik

Der US-Autor Edward Bunker saß mehr als 15 Jahre hinter Gittern. Nun erscheint einer seiner Gefängnisromane in Deutschland.
• aus DER SPIEGEL 2/1997
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Der Mann hat ein bewegtes Leben hinter sich, das ist gleich zu sehen: Das Gesicht ist vernarbt, der Mund hängt schief unter dem grauen Schnurrbart, die Schultern fallen kraftlos nach vorn. So als gehöre er gar nicht richtig dazu, geht er hinter fünf Männern her, die ein paar Jahrzehnte jünger sind als er und die ihre Coolness so offensiv tragen wie ihre schwarzen Anzüge.

Mr. Blue heißt der seltsame Typ in der zweiten Reihe in Quentin Tarantinos Film »Reservoir Dogs«, und seine Freunde haben genauso seltsame Namen: Mr. Orange, Mr. Pink, Mr. Brown, Mr. Blonde und Mr. White. Sie sind für einen Juwelenraub angeheuert worden. Als der schiefgeht, ist Mr. Blue einer der ersten, der dabei umkommt.

Daß solche Überfälle fast nie klappen, wußte der Mann, der den Ganoven Mr. Blue spielt, aus eigener Erfahrung. Denn Edward Bunker, 60, ist selber mal nach einem Bankraub geschnappt worden. Damals hatte er gerade eine Haftstrafe abgesessen, und sein erster Roman wurde kurz danach veröffentlicht.

»No Beast So Fierce« hieß das Buch von 1972 - mit prophetischem Inhalt. Es handelt von einem Haftentlassenen, der rückfällig wird. »Einer der besten Kriminalromane der letzten 30 Jahre«, jubelte der amerikanische Bestseller-Krimi-Autor James Ellroy. Der Roman machte Bunker in den USA sofort bekannt, Dustin Hoffman sicherte sich die Filmrechte und feierte fünf Jahre später mit »Stunde der Bewährung« einen großen Erfolg.

Doch nach dem mißglückten Banküberfall hatte Bunker wenig von dem Ruhm - er saß jahrelang in den übelsten amerikanischen Zuchthäusern. Dort schloß er seinen nächsten Roman ab: »Ort der Verdammnis« (Originaltitel: »The Animal Factory")*. Knapp zwei Jahrzehnte nach der US-Veröffentlichung kommt das Buch

* Edward Bunker: »Ort der Verdammnis«. Deutsch von Michael K. Georgi. Rowohlt Verlag, Reinbek; 252 Seiten; 12,90 Mark.

nun auf deutsch heraus. Es beschreibt die Hölle von San Quentin, in der Bunker mehr als zehn Jahre zugebracht hat. So realistisch sind die Verhältnisse in einem Massenknast für Schwerverbrecher noch in keinem anderen Krimi geschildert worden.

Hauptfigur ist der junge Ron Decker, der sich seinen luxuriösen Lebensstil in Beverly Hills mit Marihuana- und Kokainhandel finanziert. Natürlich wird er irgendwann erwischt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er kommt nach San Quentin. Kalt und detailgetreu beschreibt Bunker, wie Paranoia, Rassismus, Haß, Gewalt und der tägliche Kampf ums Überleben dem naiven Anfang-Zwanziger die Nerven zerrütten.

Allein sein väterlicher Freund Earl Copen verhindert, daß Decker zum bösartigen Killer wird. Copen sitzt schon seit vielen Jahren und ist ein einflußreiches Mitglied einer mächtigen Knastgang - Decker wird sein erster echter Freund.

Ron Decker und Earl Copen - das ist Edward Bunker als junger und als gereifter Mann. Seine Karriere hinter Gittern hatte Bunker im Alter von vier Jahren begonnen. Damals hatten sich seine Eltern getrennt und ihn im Erziehungsheim abgegeben. Seine Mutter war Tänzerin, sein Vater verdingte sich als Bühnenarbeiter und versoff den Lohn. Für den kleinen Sohn hatte keiner von beiden Zeit.

Bunker haßte die Welt, seine Eltern und jede Art von Autorität. So wurde er bald von Heim zu Heim verfrachtet, und in jedem ging es noch ein bißchen härter zu. Als er 16 war, verletzte er bei einem Fluchtversuch einen Wachmann mit dem Messer. Wenig später landete er in San Quentin.

Er war der jüngste Gefangene dort, und er mußte hart sein, um nicht unterzugehen. »Ich hätte damals einen Menschen töten können«, sagt Bunker heute, »und es wäre mir scheißegal gewesen.« Erst allmählich begriff er, daß kaum einer zum Killer geboren wird, daß die meisten dazu gemacht werden - diese Erkenntnis ist das moralische Leitmotiv seiner Romane.

In San Quentin war nur eine Flucht möglich: in die Phantasie. Bis zu fünf Bücher las Bunker pro Woche. Dann lernte er zufällig Caryl Chessman kennen, der zum Tode verurteilt war und im Gefängnis den Roman »Cell 2455, Death Row« verfaßt hatte. »Es war wie eine Erleuchtung für mich«, sagt Bunker, »daß ein Verurteilter ein Buch schreiben und veröffentlichen kann.« Daß es eine ganze Reihe Ex-Krimineller gibt, die Schriftsteller wurden, wie Chester Himes oder Peter-Paul Zahl, hat er damals nicht gewußt.

In den folgenden 15 Jahren schrieb Bunker immer, wenn er im Gefängnis war - und dort verbrachte er die meiste Zeit. Er saß für Diebstähle, Scheckbetrügereien und Drogenhandel, und er verfaßte etwa hundert Kurzgeschichten sowie vier Romane, die alle ungedruckt blieben. Erst als er die Perspektive wechselte und radikal aus der Sicht des Verbrechers schrieb, fand er einen Verleger.

1975 verließ Bunker zum bislang letzten Mal ein Gefängnis. Eine Limousine fuhr ihn direkt zum Set nach Los Angeles, wo Dustin Hoffman gerade »Stunde der Bewährung« drehte. Seitdem hat Bunker bei vielen Hollywood-Produktionen als Berater gearbeitet, vor kurzem beispielsweise für Michael Manns Film »Heat«, hat kleinere Rollen gespielt, Drehbücher geschrieben oder Dialoge in die Sprache übersetzt, die wirklich in den Gefängnissen gesprochen wird.

Seit 20 Jahren lebt Bunker in Freiheit, doch die lange Zeit im Zuchthaus hat nicht nur in seinem Gesicht Spuren hinterlassen. Wenn er auf Reisen sei, erzählt er, steige er immer im Holiday Inn ab. »Die sehen überall gleich aus«, sagt Bunker, »wie Gefängniszellen.«

* Edward Bunker: »Ort der Verdammnis«. Deutsch von Michael K.Georgi. Rowohlt Verlag, Reinbek; 252 Seiten; 12,90 Mark.

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