Die Überlebenden
Bernd Appel, Doktor der Jurisprudenz, steht mit seiner Frau am spärlichen Büfett und weiß nicht, ob er sich freuen soll. »Es ist ja schön«, sagt er, er schwäbelt ein wenig, »dass nicht unnötig Geld ausgegeben wird, aber wir kommen aus Reutlingen, und da hätten wir mittags schon gern was Kräftiges.«
Auf seinem Teller liegt ein belegtes Brötchen, auf dem Tisch zwei grüne Äpfel. Sie sehen unnatürlich grün aus.
Seine Frau nippt an einer warmen Apfelsaftschorle. Sie hat die vergangenen drei Stunden neben ihrem Mann im Saal gesessen. Die meiste Zeit der Hauptversammlung der Web.de AG hatte sie die Augen geschlossen. Manchmal sackte ihr Kinn auf die Brust, Sekunden später schnappte ihr Kopf wieder hoch. »Wir sind früh aufgestanden«, sagt sie.
Die beiden sind Aktionäre der Web.de AG, sie sind um die fünfzig, ein Ehepaar aus dem Schwabenland. Sie haben mal geträumt vom großen Reichtum, den sich alle leisten können. Sie haben an die New Economy geglaubt, es war ja eine Glaubenssache. Ihre ersten Web.de-Aktien kauften sie nach dem Börsengang im Februar 2000 für über 50 Euro pro Aktie, und verkauft haben die Appels, als die Blase geplatzt war. Da waren die Aktien kaum noch etwas wert. Man kann sagen, dass die Appels sehr viel Geld verloren haben. Wenig später haben sie sogar noch einmal Aktien von Web.de gekauft, in der Hoffnung, die Verluste eines Tages wieder zurückzuholen.
Man kann sagen, dass ihre Verzweiflung sehr groß gewesen sein muss.
»Ich glaube an die Firma«, sagt Bernd Appel.
400 Aktionäre von Web.de treffen sich an diesem Tag in der Karlsruher Stadthalle zur Hauptversammlung. Sie sind die Überlebenden einer gescheiterten Revolution. Seit über vier Jahren warten sie auf eine gute Nachricht, das ist eine sehr lange Zeit im Geschäft mit dem Internet.
Grob gesagt gibt es zwei Wege, im Internet Geld zu verdienen. Der erste: Man bietet eine einzige Dienstleistung an, macht das besser als alle anderen und vermarktet sie. Die Gründer der Suchmaschine Google sind diesen Weg gegangen.
Die Alternative lautet, man bietet viele verschiedene Dienstleistungen auf einer Seite an. Zum Beispiel E-Mails abrufen, Nachrichten lesen, Lottoscheine ausfüllen, Bankkonten eröffnen, Informationen suchen. Diesen Weg ist Web.de gegangen. Es ist ein Kramladen im Internet, ein erfolgreicher Kramladen. Jeder dritte Deutsche im Internet nutzt Web.de, immer mehr sind bereit, für digitale Dienstleistungen Geld zu zahlen.
Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Web.de zum ersten Mal einen Gewinn. 800 000 Euro. Als Appel diese Zahl hörte, atmete er auf und dankte Matthias Greve für seine Mühe, seine Ausdauer und seine Hartnäckigkeit. Aber dem Aktienkurs hat das alles nichts geholfen, Internet-Aktien sind noch nicht wieder sexy. Es ist auch unklar, ob sie es jemals wieder werden. Web.de liegt heute bei 7,65 Euro.
Matthias Greve ist Vorstandsvorsitzender von Web.de, er sitzt oben auf dem Podium, in der Mitte, er ist einer der Gründer. Damals, in den Zeiten der New-Economy-Hysterie, gehörte er zu denjenigen, die glaubten, das Wirtschaften neu erfunden zu haben. Er war einer dieser Studienabbrecher, die der Welt beweisen wollten, dass man nicht ein Leben lang, sondern vielleicht nur ein paar Monate malochen muss, um eine erfolgreiche Firma aufzubauen.
Greve schuf mit seinem Bruder einen kostenlosen E-Mail-Dienst, er bot den Menschen im Netz eine Heimat, eine Identität und einen Namen, und als er im Februar 2000 mit Web.de an die Börse ging, stieg der Wert der Aktien in den Himmel wie ein ganzes Raketenarsenal. Der Emissionspreis betrug 26 Euro, und der Aufstieg endete am ersten Tag bei 70 Euro. Greve, der mit seinem Bruder immer noch 58,5 Prozent der Aktien hält, war von einem Tag auf den anderen Multimillionär.
Damals hätte er bei der nächstbesten Gelegenheit, bei den ersten Schwierigkeiten Web.de verkaufen können, und nicht einmal seine Enkel hätten jemals wieder eine Stunde in ihrem Leben arbeiten müssen. Er hätte Web.de auch verkaufen können, als die Spekulationsblase kurz vor dem Platzen stand, er hätte Web.de nach dem Crash verkaufen können, er wäre immer noch vielfacher Millionär gewesen.
Aber er tat es nicht. Stattdessen sitzt er in Karlsruhe auf dem Podium seiner Hauptversammlung, 37 Jahre alt, ein wenig linkisch, und im Gesicht hat er Pausbacken, die ihn viel jünger aussehen lassen. Greve redet immer noch von Visionen und von Weltmarktführerschaft.
Seine Aktionäre sind Überlebende einer gescheiterten Revolution, und manchmal hört sich Greve an wie Fidel Castro, der immer noch von der Weltrevolution redet und gar nicht merkt, dass es einsam um ihn geworden ist.
Trotzdem steckt Greve fast jeden Euro, den er mit Web.de erwirtschaftet, in seine Vision. Um seine Vision nicht zu gefährden, erklärt er Aktionären wie Appel, warum sie keine Dividende erwarten können, auch wenn der Gewinn steigen wird: »Wir können die Firma nicht schwächen.« Es werde nicht einmal eine kleine Dividende geben, die den Kurs der Aktien nach oben treiben könnte. Zu riskant.
Das klingt für manche Aktionäre paradox, sie melden sich zu Wort, aber sie tun es halbherzig, denn sie haben nur eine Alternative: glauben oder verkaufen, also Geld verlieren, ziemlich viel.
»Tun Sie das ruhig«, sagt Greve. »Wir kaufen die Aktien auf. Noch sind sie günstig.«
Die Appels halten. UWE BUSE