Die Weltmutter - DER SPIEGEL
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ADOPTIONEN Die Weltmutter

Lange vor Madonna und Angelina Jolie schuf schon einmal ein Star einen Vielvölker-Clan: Josephine Baker adoptierte zwölf Kinder verschiedener Hautfarbe, ihre »Regenbogenfamilie« sollte den Rassismus auf der Erde besiegen. Die Geschichte eines Erziehungsversuchs. Von Merlind Theile
Von Merlind Theile
• aus DER SPIEGEL 40/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er will erklären, wie es war, hier aufzuwachsen, er will die Spuren seiner Kindheit zeigen, aber es ist nicht viel davon übrig in diesem Schloss, das einmal sein Zuhause war. Akio Bouillon, ein freundlicher Asiate von schmächtigem Wuchs, kann nur durch die Ausstellung führen, die seine tote Mutter ehrt. Im früheren Wohnzimmer hängt jetzt ein Dutzend ihrer Roben an kopflosen Puppen, im Arbeitszimmer liegt die Mutter als halbnackte Wachsfigur, mit Blumenkette um den Hals. In einem Glaskasten wurde das Kleidungsstück drapiert, das sie berühmt machte: goldene Stoffbananen an einem schmalen Gürtel, der Rock der Josephine Baker.

Akio Bouillon, ihr ältester Adoptivsohn, im Juli 57 geworden, geht über knarzende Dielen hinein in Josephines Bad, schwarze Kacheln, Dior-Flakons, dahinter wieder ein Raum und noch einer, überall Fotos, Plakate, Schmuck von Josephine. Irgendwo in diesem Labyrinth liegt Akios kleines Kinderzimmer, das Bett vom Gang getrennt mit einer Samtkordel, ein Schild befiehlt, man solle nichts berühren.

Er steht vor dem Bett und lächelt sein ausdrucksloses Lächeln, er sagt, es sei eine schöne Kindheit gewesen, für ihn und seine elf Geschwister.

Akio Bouillon weist auf ein altes Schwarzweißfoto, postergroß hängt es an der Wand. Akio, sechs Jahre alt, lacht in die Kamera, auf dem Arm eine weiße Katze.

Es ist das einzige Bild, das die Besucher von Bakers zwölf Adoptivkindern sehen, und Akio Bouillon ist der Letzte, der noch hierher ins Périgord in das Château Les Milandes fährt, einmal im Jahr. Einer seiner Brüder ist schon gestorben, die anderen zehn Geschwister meiden dieses französische Schloss, das längst fremden Menschen gehört, und sie wollen auch nicht, dass ihre Fotos hier gezeigt werden. Sie sind es leid, ein Ausstellungsstück zu sein.

Jarry Baker, der dritte Adoptivsohn, war seit zwei Jahrzehnten nicht mehr im Schloss, er ist jetzt 55 Jahre alt, ein kleiner Finne mit blondem Haar und rotgeäderten Wangen. Er zog weit weg, nach New York, weil das der Ort war, wo er sein durfte, was er ist.

Jeden Mittag nimmt er den Zug von New Jersey nach Manhattan, verlässt ihn am Bahnhof Port Authority, geht ein paar Blocks zum Restaurant »Chez Josephine« in der 42nd Street, dort kellnert er. Es ist ein Lokal, das seine tote Mutter ehrt, mit Bildern, Fotos, Plakaten. Das Restaurant liegt nicht weit vom Broadway, viele Künstler verkehren hier, viele Schwule.

Er mag diesen Ort. Er selbst ist auch schwul. Er war das Gegenteil von dem, was seine Adoptivmutter erwartet hatte, das war sein Verhängnis.

Unheil beginnt oft mit Visionen, und Josephine Baker hatte eine. Sie machte vor, was viele Prominente nach ihr taten, Schauspielerinnen, Popstars. Sie adoptieren Kinder aus armen Ländern, für ein Leben in einer besseren Welt.

Die Adoption soll eine Chance sein für Kinder wie Maddox, den Angelina Jolie aus Kambodscha holte, oder für Mercy aus Malawi, deren Adoption Madonna kürzlich erstritt, obwohl das Mädchen im Heimatdorf noch einen Vater hat. Madonna erklärte, sie biete Mercy das bessere Leben, das ist immer das Argument. Die Stars wollen ein Zeichen setzen, sie wollen ihre Prominenz für etwas Sinnvolles nutzen. Manchmal geht es um die ganz großen Ideen, Völkerverständigung, das Ende des Rassismus.

Vielleicht fing Josephine Baker damit an, weil sie selbst keine glückliche Kindheit hatte, vielleicht ging es auch um Wiedergutmachung. Ihr Leben bietet viele Motive für die Sehnsucht nach Ruhm und Familie. Josephines Mutter, eine schwarze Wäscherin aus St. Louis, Missouri, war geschwängert worden von einem Weißen, sie hielt seine Identität geheim. Eine Beziehung, eine Ehe gar mit Josephines Vater, schien 1906 in diesem Land undenkbar.

Die Mutter bekam noch drei Kinder und zog sie allein groß. Josephine musste ab ihrem achten Lebensjahr arbeiten, als Küchenhilfe beispielsweise, putzen, schrubben, spülen. Mit elf erlebte sie ein Pogrom gegen Afroamerikaner, bei dem Dutzende Menschen ermordet wurden, so etwas gab es öfters damals in den Südstaaten der USA. Als sie 13 war, hat ihr die Mutter, damit sie versorgt sei, einen Ehemann verschafft.

Josephine wollte raus aus diesem Leben, sie konnte tanzen und singen, als Kind schon, sie wollte auf die Bühne.

Mit 14 schloss sie sich einer Wandertruppe an, mit 15 heiratete sie zum zweiten Mal, William Baker, Sohn eines Restaurantbesitzers in Philadelphia.

Seinen Namen behält sie, als Josephine Baker will sie bekannt werden. Sie trainiert viel, sie tanzt am Broadway, sie will jetzt ein Star sein.

1926 biegt sie sich nackt im Bananenrock, in Paris im Varieté »Folies-Bergère«. Die Zuschauer drehen durch. Es sind die wilden Zwanziger, in Europas Metropolen feiern die Menschen weltvergessen, und Josephine, die nackte Wilde, bedient ihre Sucht nach Ekstase.

Baker ist das Sexsymbol, und diese Rolle kostet sie aus. Schläft wie im Rausch mit Männern und Frauen, im Rückblick wird sie sagen, es seien Tausende gewesen. Doch all die körperliche Liebe gibt ihr nicht, wonach sie sich am meisten sehnt. Sie heiratet ein drittes Mal. Aber sie wird nicht schwanger. Josephine Baker ist unfruchtbar.

Sie stürzt sich in Arbeit, im Zweiten Weltkrieg findet sie eine neue Passion: Sie unterstützt Frankreichs Résistance, bekommt eine Uniform und viele Orden. Sie ist nun reich und berühmt, aber da bleibt diese Leere.

Der Krieg ist vorbei, und Baker, Anfang 40, ist kein Sexsymbol mehr. Sie braucht eine neue Rolle, sie muss sich immer wieder neu erfinden, wie Madonna Jahrzehnte nach ihr.

1947 heiratet sie den französischen Orchesterleiter Jo Bouillon, Ehemann Nummer vier. Sie kauft ein Renaissance-Schloss im Périgord, das Château Les Milandes, über 30 Zimmer, umgeben von 400 Hektar Land.

Sie ist nun eine Königin, aber sie ist immer noch schwarz. Wenn sie die USA besucht, darf sie manche Hotels nur durch den Hintereingang betreten.

Sie will gegen diesen Rassismus kämpfen. Und sie hat dieses Schloss. In Josephine Baker reift ein Plan.

Anfang 1954 hält sie einen Vortrag in Kopenhagen. Sie will ein Zeichen für Mitmenschlichkeit setzen, sie sagt, sie wolle »fünf kleine Jungen adoptieren«, von jedem Kontinent einen.

Als Josephine Baker im Frühjahr nach Japan reist, um sich ihr erstes Kind zu holen, ist Akio schon 18 Monate im Waisenhaus. Er war kurz nach der Geburt in Yokohama ausgesetzt worden, an einem Regentag im September 1952. Eine Frau hatte einen kleinen Laden betreten, im Arm ein Bündel, und gefragt, ob sie das Baby kurz dort lassen dürfe, sie wolle nur einen Schirm besorgen.

Josephine Baker nimmt Akio und noch ein Baby und bringt sie auf das Schloss Les Milandes, wo über hundert Angestellte das Anwesen in ein Zentrum der Brüderlichkeit verwandeln sollen, eine Begegnungsstätte für Celebrities und Ausflugsgäste. Hauptattraktion soll Bakers neue Familie sein, schillernd in allen Hautfarben, Baker tauft sie »rainbow tribe«, Regenbogenfamilie. Die Zeitungen berichten auf den Titelseiten.

Noch im selben Jahr holt sie aus Helsinki Kind Nummer drei, einen zweijährigen Finnen mit heller Haut und weißblondem Haar, er heißt Jari und wird sich Jarry nennen, nachdem sie ihn verstoßen hat.

Kind Nummer vier: ein schwarzes Baby aus Kolumbien.

Kind Nummer fünf: ein weißes Baby aus Frankreich.

Auf Les Milandes hält Bakers Mann Jo Bouillon die Geschäfte am Laufen und müht sich, die Kinder aufzuziehen. Seine Frau ist ständig auf Tournee, und fast von jeder Reise bringt sie ein neues Kind mit. Anfangs will sie nur Jungen, weil sie fürchtet, es könnten Liebesbeziehungen zwischen den Kindern entstehen.

Dann, 1956, Kinder Nummer sechs und sieben: ein männliches Baby und der erste weibliche Säugling, beide aus Algerien.

Hör auf, sagt Jo Bouillon zu seiner Frau, es ist genug, wer soll sie alle erziehen?

Wechselnde Nannys versorgen die Kinderschar, so lange, bis Baker sie feuert. Wie eine Furie tobt sie bisweilen über das Anwesen, befiehlt Gärtnern, Büsche umzupflanzen, um sie hinterher dafür zu ohrfeigen. Sie dekoriert das Schloss um, feiert wilde Partys, rauscht wieder ab.

1957, Kind Nummer acht: ein weißer Junge aus Frankreich. Der Presse sagt Baker, er sei aus Israel. Sie hat noch keinen Juden.

Auf Fotos von damals wirkt das Schloss nicht wie ein Zuhause, eher wie ein Kinderheim. Die Kleinen schlafen in einem Saal unterm Dach, acht Bettchen nebeneinander. Wenn Baker nach Hause kommt, und sei es um drei Uhr morgens, weckt sie die Kinder und fordert Zuneigung.

Jari, der Finne, ist ein stiller Junge, aber Akio, der Älteste, ist der Stillste von allen. Bis er vier Jahre alt ist, spricht er kein Wort.

Heute weiß er einiges über die Traumata adoptierter Kinder, über die besondere Fürsorge, die sie brauchen, gerade wenn sie aus fernen Ländern stammen. Von Anbeginn sind sie doppelt heimatlos, sie wissen nicht, wo sie hingehören, manche zerbrechen daran. Sie sind anfälliger für Suchtkrankheiten und psychische Störungen als Kinder, die bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen.

Jedes Adoptivkind braucht alle Aufmerksamkeit seiner neuen Eltern. Josephine Baker hat jetzt schon acht Kinder. Und es werden mehr.

1958, Kind Nummer neun: ein schwarzes Baby von der Elfenbeinküste.

Von außen betrachtet, haben es die Kinder gut getroffen. Sie leben im Schloss, wie im Märchen. Im Turmaufgang spielen sie mit den Ritterrüstungen, die in den Nischen an der Wendeltreppe stehen, sie tollen durch die Gartenanlagen, bauen Baumhäuser, toben mit den Hunden. Akio erinnert sich, dass er und seine Brüder oft Käfer fingen und sie an Fäden banden, so konnten die nicht wegfliegen, die Kinder hielten sie wie Luftballons.

An Weihnachten türmen sich im Kaminzimmer die Päckchen bis unter die Decke, jedes Jahr. Monströs, sagt Jarry. Es ist Josephine Bakers übliche Art, den Kindern Liebe zu zeigen. Im Gegenzug müssen sie sich dem Publikum stellen.

Sonntags, wenn sie mal da ist, zieht Baker den Kindern weiße Sachen an und lässt sie auf dem Schlossplatz aufmarschieren, hinter dem Zaun warten Touristen und Presseleute auf Bilder, ständig klicken die Kameras. Jarry sagt, sie hätten sich manchmal wie Affen gefühlt.

1959, Kind Nummer zehn: ein kleiner Indio aus Venezuela. Die Weltmutter hatte noch keinen Roten.

Heute gibt es internationale Regeln für Auslandsadoptionen. Die Behörden müssen prüfen, ob ein Kind vielleicht doch im Heimatland bleiben kann, das gilt immer noch als die bessere Lösung.

Vor einem halben Jahrhundert war die Lage anders. Und: Josephine Baker ist ein Star. Sie hat einflussreiche Freunde wie Gracia Patricia, die Fürstin von Monaco, und sie hat Geld. Nicht alle ihre Kinder sind Waisen. Manchen mittellosen Eltern kauft sie die Babys einfach ab, für den hellblonden Jari etwa, den kleinen Finnen, gibt sie dessen Eltern in Helsinki ein paar tausend Dollar, dann ist das Geschäft perfekt.

1960, Kind Nummer elf: ein weißer Säugling aus Frankreich.

Bakers Mann kann es nicht mehr ertragen. Nach Jahren der Eskapaden und des Streits verlässt Jo Bouillon das Schloss, 1963 geht er nach Buenos Aires. Ohne ihn und sein wirtschaftliches Geschick ist das Anwesen dem Bankrott geweiht. Die Kinder verlieren ihre Vaterfigur, den einzigen Menschen, der ihnen im Chaos Halt gab.

1964, Nummer zwölf, das letzte Kind: ein kleines Mädchen aus Marokko.

Baker reist mit den Kindern um die Welt, sie treffen den Papst und machen Urlaub bei Fidel Castro.

Das Schloss gerät außer Kontrolle. All die Angestellten, Privatlehrer, all die Affen und anderen Tiere, die sie angeschleppt hat, verzehren Josephine Bakers Vermögen. Ein paar Jahre kann sie die Pleite noch abwenden. Beharrlich lebt sie ihren Traum, sie ist eine alternde Regentin, die keine Widerworte duldet und die Kinder wie Untertanen behandelt.

Sie legt Reports an über sie, detailliert beschreibt sie jeden Charakter und fasst Pläne für ihre Zukunft. Akio soll Diplomat werden, Jari Hotelier, ein anderer Mediziner. Bloß kein Künstler, Musikunterricht verbietet sie. Nach der Ausbildung sollen die Kinder in ihre Ursprungsländer zurückkehren und dort von Nutzen sein, als Abgesandte Josephine Bakers und treue Vollstrecker ihrer Idee.

Keines der Kinder folgt ihrem Plan.

Als sie in die Pubertät kommen, rebellieren sie. Baker hat sich zehn Söhne angeschafft, zwischen dem jüngsten und dem ältesten liegen nur sieben Jahre, sie sind eine Horde aufgeputschter Teenager. Gehen aus, verlieben sich, bleiben nächtelang weg, knattern auf ihren Mofas durch die Gegend, betrinken sich, nehmen Drogen, stehlen, tragen Hippieklamotten, die ihrer Mutter nicht gefallen. Ihre Ohrfeigen fürchten sie nicht mehr. Sie sind wild und wehrhaft wie ein Rudel junger Wölfe, und Baker ist keine erfahrene Mutter.

1969 verliert sie das Schloss, gegen ihren Willen trägt man sie hinaus. Im Nieselregen kampiert sie zwei Tage draußen auf den Stufen, bedeckt nur mit einer karierten Wolldecke, das Foto geht um die Welt.

Die Kinder gehen auf Internate oder ziehen wie Akio und Jari nach Buenos Aires zum Adoptivvater, dessen Nachnamen die meisten behalten haben. Ein paar Monate vor Josephine Bakers plötzlichem Tod 1975 überwirft sich Akio mit seiner Mutter. Sein Weihnachtsgeschenk ist zu spät angekommen, die beiden streiten, die Beziehung zerbricht. Zu einer Versöhnung kommt es nicht mehr. Der Trauerfeier, von Fürstin Gracia in Monaco ausgerichtet, bleibt Akio als einziges Kind fern.

Er wohnt heute in Paris in einem Wohnblock am Stadtrand, er arbeitet in einer Bank, raucht viele Zigarillos und guckt gern Comic-Filme. Wenn man mit Akio Bouillon durch die Stadt geht, erklärt er Plätze und Straßen. Er laufe oft herum, ohne Ziel, sagt er, einfach so.

Er ist viel allein. 15 Jahre war er mit einer Alkoholikerin zusammen, bis sie sich endgültig von ihm trennte, seitdem ist er Single. Über seine japanische Mutter weiß er nichts. Josephine Baker wollte nie, dass die Kinder ihre Herkunftsfamilien suchen, in manchen Fällen hielt sie sogar Informationen zurück.

Ein japanischer Journalist hat kürzlich Akios Geschichte recherchiert, er hat die Frau gefunden, die damals in dem kleinen Laden arbeitete, in Yokohama 1952. Sie könnte Akio Bouillon vielleicht etwas über seine leibliche Mutter erzählen. Er müsste nur Kontakt zu ihr aufnehmen, einen Brief schreiben vielleicht. Seit über einem Jahr trägt Akio Bouillon die Adresse mit sich herum. Er sagt, er wisse nicht, wie er den Brief anfangen soll.

War es richtig, was Josephine Baker getan hat? »Sie war eine großartige Künstlerin, und sie war unsere Mutter«, sagt Akio Bouillon. »Mütter machen eben Fehler. Niemand ist perfekt.«

Sie habe bewiesen, dass Menschen verschiedener Hautfarbe gleichberechtigt zusammenleben können. »Ich liebe meine Brüder und Schwestern«, sagt Akio Bouillon. Sie alle stünden in Kontakt, man telefoniere. Am nächsten fühle er sich Jarry, weil sie zusammen waren, als der Vater starb, 1984.

Das letzte Treffen, bei dem alle zwölf sich sahen, fand 1976 statt, kurz nach dem Tod ihrer berühmten Mutter, die bis zum letzten Jahr ihres Lebens auf der Bühne stand, um Geld zu verdienen, in Paris, im Glitzerkleid, mit wuchtigem Federschmuck auf dem Kopf.

Die Kinder wollten nie prominent sein. Sie leben kleine Leben, sie wurden Gärtner, Gemüsehändler, Versicherungsvertreter. Kind Nummer acht starb vor zehn Jahren an Krebs. Kind Nummer elf wohnt im Heim, es wurde schizophren. Manche der Geschwister heirateten und bekamen Nachwuchs, andere nicht.

Keines adoptierte ein Kind.

»Wir sind ganz normale Leute«, sagt Akio Bouillon. Er und seine Geschwister wollen sich wie eine Familie fühlen, nicht wie ein Projekt.

Manchmal blättert Bouillon Magazine durch und sieht die Fotos der Regenbogen-Clans von heute, er sieht Bilder von Madonna mit ihren Kindern aus Malawi, er sieht Brad Pitt und Angelina Jolie, die im Blitzlichtgewitter um die Welt reisen mit sechs kleinen Kindern und ihren Nannys, und er fühlt dabei keine Betroffenheit. Akio Bouillon fühlt Stolz.

»Es ist großartig«, sagt er. »Diese Stars folgen dem Weg meiner Mutter.« Natürlich, die Paparazzi seien ein Problem, ihre Jagd nach Bildern, die diese Kinder zur Zielscheibe macht. Aber wenn Jolie ein Baby aus der Dritten Welt zu sich hole, gehe es auch um eine höhere Idee. »Wenn diese Kinder erwachsen sind, werden sie es verstehen.«

Für Akio Bouillon hat seine Adoptivmutter etwas Großes geleistet, etwas Bleibendes. Das Bild von Josephine Baker soll nicht durch ihre Schwächen getrübt werden. Sie sei eben ein Kind ihrer Zeit gewesen, in der noch eine strengere Moral gegolten habe, sagt Bouillon, und deshalb sei auch verständlich, dass sie mit Jari nicht zurechtkam.

Jarry Baker sitzt in New York im Restaurant »Chez Josephine«, er spricht über seine tote Mutter und sieht nicht aus, als fühle er sich wohl dabei. Es ist kühl im Raum, die Klimaanlage surrt, aber Jarry Bakers Wangen leuchten schon vormittags rot, seine Hände zittern.

»Sie war zu besitzergreifend«, sagt er. »Wir durften uns nicht entwickeln, wie wir wollten.« Dass er schwul ist, wusste Jari schon mit 7 oder 8. Als er 15 war, erwischte ihn Baker mit einem Jungen in der Badewanne. Sie rief die Familie zusammen, kanzelte Jari vor allen ab und schickte ihn zum Vater nach Buenos Aires. Sie hatte Angst, dass er seine Brüder anstecken könnte.

Josephine Baker, bisexueller Revuestar, Darling der Schwulen und Transen, Kämpferin für eine tolerante Welt, verbannte ihren Sohn, weil er Männer liebte.

Auf die Frage, ob er ihr vergeben habe, macht Jarry Baker eine wegwerfende Handbewegung. »Yes, who cares«, sagt er, wen kümmert's. Jarry Baker sagt: »Sie wollte nicht, dass wir wachsen. Vielleicht hatte sie Angst, dass wir über sie hinauswachsen.« In manchen Momenten scheint er fast dankbar dafür, dass sie ihn verstoßen hat. »Es war wie eine Befreiung.«

In New York fand er einen Platz beim Gastronomen Jean-Claude Baker, der ihm ein Zimmer gab und einen Job, und Jarry durfte seine Lover nun auf offener Straße küssen. Hier im Restaurant zu arbeiten mache ihm nichts aus, sagt Jarry Baker, es freue ihn, dass der Besitzer Josephines Andenken bewahre.

Jean-Claude Baker, 66, war ein Weggefährte von Josephine, ein Schwuler wie viele ihrer Freunde. In ihren letzten Lebensjahren standen sie zusammen auf der Bühne. Sie nannte ihn ihr 13. Kind, er nahm ihren Namen an, zerstritt sich mit ihr, dann starb sie.

Er lebt noch heute in ihrer Welt. Er hat das Restaurant nach ihr benannt und es mit Baker-Götzen ausstaffiert, er schrieb die detaillierteste Biografie über sie. Wie viele, die ihr nahestanden, scheint er in ihrem Schatten gefangen.

Ein heißer Juli-Sonntag in New York, auf der Fifth Avenue schiebt sich die Gay Parade nach Süden. Erst kommen die Lesben auf ihren Harleys, dann die schwulen Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, und überall weht die Regenbogenfahne, das Symbol der Schwulenbewegung.

Jarry Baker, Sohn der Rainbow-Familie, steht am Straßenrand mit einer Fahne in der Hand. Er kommt gern her, nicht mehr in jedem Jahr wie am Anfang, aber immer wieder. Er guckt auf die Festwagen, hört die Musik, sieht die johlenden, strahlenden Leute, winkt ihnen zu.

Wie lange er noch in New York leben möchte, weiß er nicht. Er sagt, er würde gern nach Australien gehen oder Neuseeland und eine Farm gründen. Dann sagt er, dass er zurück nach Argentinien wolle. Später erzählt er, dass er sich in Finnland sehr wohl fühle, dort hat er ja auch Familie.

Eine finnische Journalistin hat sie aufgespürt und ist mit Jarry Baker nach Helsinki geflogen, zu seiner leiblichen Mutter und seinen Geschwistern. 14 Jahre ist das her. Jarry sagt, sie hätten sich fabelhaft verstanden, er habe sich ihnen nah gefühlt. Er hat sie dann noch zweimal besucht. Drei Treffen in 14 Jahren.

Die letzten Festwagen ziehen vorbei. »Die Menschen sehen so glücklich aus«, sagt Jarry Baker, er steht am Straßenrand, blickt ihnen nach, schwenkt seine Regenbogenfahne.

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