Mythen DIE WÜSTE BEBT
Eines Tages, in gar nicht allzu ferner Zukunft, werden ein paar Archäologen sich in das trockene Tal verirren, das zwischen den San-Gabriel-Bergen und der Küste des Pazifischen Ozeans liegt. Sie werden im Sand buddeln und zwischen dürren Sträuchern stochern, und womöglich finden sie dort ein verrostetes Autoradio, ein Päckchen Uzi-Munition oder eine vergammelte Mickymaus. Und dann werden sie darüber spekulieren, ob es hier einst eine Strafkolonie gab oder den verlorenen Außenposten einer zurückgebliebenen Zivilisation.
Die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts aber werden sie woanders vermuten. Denn von den Wolkenkratzern in Downtown Los Angeles wird bloß bleiben, was an ihnen nagte: viel Sand und Spuren von Asbest. Von den Villen in Bel Air werden die nächsten Feuerstürme nur einen Haufen Asche lassen. Und die gigantischen Boulevards schluckt beim nächsten großen Beben der Sankt-Andreas-Graben.
Die Forscher werden nichts wissen von dieser Stadt, die einstmals eine der schönsten war: geheimnisvoller als New York, weil man sie nie überschauen konnte und hinter jedem Hügel neue Reize ahnte; unwiderstehlich in der Dämmerung, wenn bunte Lichter, wie Make-up bei einer Frau, den Schimmer der Oberflächen noch verstärkten.
Die Forscher werden auch nichts finden von jenen Gegenden, die einer sonnigen Hölle glichen: von der Skid Row rund um den Broadway beispielsweise, dem Viertel der Obdachlosen und Abgestürzten, wo die Penner den Knüppel der Polizei so heftig fürchten mußten wie die Knarren der Gangster; wo die Parkbänke so geformt waren, daß keiner darauf schlafen konnte; jenes schmutzige Quartier, in das sie immer wieder zurückgescheucht wurden, wenn sie in eine bessere Gegend flüchteten.
Vielleicht aber finden die Archäologen auch dieses wundersame Manuskript, welches jeden Leser dem Geheimnis von Los Angeles ein wenig näherbringt: Mike Davis, 48, Soziologe, Mythologe und einer der letzten bekennenden Linken, hat es geschrieben und »City of Quartz« genannt, und im Untertitel kündigt er an, er grabe in Los Angeles die Zukunft aus - ein Archäologe der Dinge, die noch kommen werden.
Denn in der Geschichte von Los Angeles, so suggeriert der Autor, verbirgt sich der Bauplan für die künftigen Metropolen. Im Stadtplan zeigen sich schon die Fronten kommender Konflikte. Und ihr Bruttosozialprodukt erwirtschaftet die Stadt vor allem mit Lügen, Legenden und Illusionen.
Es war, als alles anfing, ein guter Ort für Schafe oder Kühe, das bißchen Wasser reichte für ein Dorf, und die Gründer Roms oder San Franciscos hätten hier höchstens für eine Nacht ihre Zelte aufgeschlagen. Doch der Boden war billig, und wer ihn teuer verkaufen wollte, mußte die Kunden belügen.
Es waren Bodenspekulanten, welche die Legende vom südkalifornischen Paradies erfanden, und ein paar Schriftsteller mit einem Faible für Fata Morganas halfen ihnen dabei: Längst vergessene Autoren wie Helen Hunt Jackson und Charles Fletcher Lummis entwarfen, vor etwa hundert Jahren, das Bild eines glücklichen Landes, in dem fast immer die Sonne schien, wo das Klima mild und der Boden fruchtbar war und wo ein reiches spanisches Kulturerbe nur darauf wartete, daß es von Angelsachsen übernommen würde: Platz genug, daß jeder sich sein eigenes Haus hier baue, und doch kein Ort für Schwarze, Gelbe und Latinos.
Die Illusionen steigerten, weil viele sie glaubten, den Wert der Immobilien enorm - und als in dieser Gegend, die eigentlich unbewohnbar ist, schon Millionen Menschen lebten und das Wasser, das sie verbrauchten, weit entfernte Täler austrocknen ließ, hörte die Stadt trotzdem nicht auf, ihren eigenen Mythos zu reproduzieren.
Selbst das, was Davis »Noir« nennt, die düsteren Romane der Dreißiger, die schwarzen Filme der Vierziger, die Storys von James M. Cain und Raymond Chandler, die Thriller »Double Indemnity« oder »The Big Sleep« oder »The Blue Dahlia«, die alle von den Sünden, den bösen Geistern und den üblen Träumen dieser Stadt erzählten, dementierten nicht das Bild: Sie gaben ihm mehr Tiefe, mehr Schärfe und Schattierung; sie fügten zum eher ländlichen Idyll die urbanen Elemente - und machten Los Angeles auch für Großstädter attraktiv.
Und jene, die in dieser Stadt längst leben, sind trotzdem in der Wirklichkeit nicht angekommen: Von oben her betrachtet, von den Hügeln der besseren Wohngebiete, gleicht das Straßennetz im Tal auch heute mehr dem Stadtplan seiner selbst als einer realen Häuserlandschaft - nur daß die Straßenlinien sich im Unendlichen verlieren: Es gibt nichts jenseits von Los Angeles.
Die Mexikaner, in den ärmeren Vierteln, leugnen die Undurchlässigkeit der Mauern und malen die Welt, in der sie wohnen wollen, auf kahle Wände. Und die Graffiti, mit denen schwarze Gangs ihre Reviere markieren, weisen darauf hin, daß ihre Kriege, allem anderslautenden Pistolenlärm zum Trotz, auch im Reich der Zeichen toben.
Eine ganze Stadt im Irrealis - kein Wunder, daß die Spinner und Sektierer sich hier schon immer heimisch fühlten: vom literarischen »Arroyo-Kreis« der Jahrhundertwende, der Los Angeles ins Utopia der arischen Rasse verwandeln wollte, über den mittelmäßigen Sciencefiction-Schreiber und Esoteriker L. Ron Hubbard, der zum Stifter der Scientology-Sekte wurde, bis hin zu irren Mördern wie Charles Manson, der sich auch für eine Art von Messias hielt.
Und doch existiert, diesseits des Wahns und der Illusionen, ein wirkliches Los Angeles mit materiellen Machtstrukturen. Der Unterschied zu anderen, altmodischen Städten, wie Mike Davis ihn beschreibt, besteht darin, daß die Bilder und die Träume nicht Ausdruck dieser Herrschaft sind, sondern deren eigentliches Terrain.
Was aus denen wird, die niemals mitträumen durften, das hat Davis hartnäckig recherchiert - und wer will, kann sein Buch auch als Protokoll der kalifornischen Klassenkämpfe lesen: Die Gründer der Boomtown hatten einen Haß auf alle Linken und Gewerkschaftler, und ihre Nachfolger sind der Tradition immer treu geblieben. Die Bewohner des arischen Utopia wollten nichts wissen von sozialistischen Utopisten, deren Experimente in der Mojave-Wüste buchstäblich versandeten. Und Louis B. Mayer, der als Chef des Metro-Goldwyn-Mayer-Studios Amerikas bestbezahlter Manager war, wurde vom angelsächsischen Establishment nicht in den Golfklub aufgenommen; denn Juden hatten keinen Zutritt - was schon immer typisch war für diese Stadt.
Das Neubauviertel auf dem Bunker Hill, wo japanisches, europäisches und Ostküsten-Kapital einen Wolkenkratzer neben den anderen türmt, ist als Zitadelle angelegt, mit mächtigen physischen und psychologischen Barrieren wider die Penner und anderes Gesindel. Und Mike Davis findet es nur konsequent, daß eines der schönsten hohen Häuser als Luxusgefängnis für Drogenbarone dient - den Herren geht es nicht viel schlechter als den Bewohnern von Bel Air und Beverly Hills, die sich selber unter Arrest gestellt haben.
Zu jener Zeit, da in Berlin die Mauer fiel, zogen die Reichen von Los Angeles immer höhere Mauern, immer dichtere Stacheldrahtzäune um ihre gepflegten Siedlungen, die nun gegen jede Belagerung durch Schwarze und Braune gewappnet sind. Wer in einer ärmeren Gegend bauen muß, stülpt die Architektur nach innen und zeigt der Straße eine kahle, abweisende Front, wofür Frank Gehrys Goldwyn-Bibliothek das ausdrucksvollste Beispiel ist. Und während Parks und Plätze verdrecken und verkommen, verlagert sich der öffentliche Raum in gutbewachte Shopping-Malls, deren Wärter jeden verscheuchen, der aussieht, als sei er nicht zum Einkaufen gekommen. Wenn mehr als drei Leute zusammenstehen, erregen sie Verdacht - und bald werden sich die Angelenos, die sich das leisten können, nur noch im Cyberspace verabreden.
Die Viertel der Schwarzen und Latinos aber, South Central oder East L.A., wo es kaum noch Industriearbeitsplätze und auch sonst nicht viel zu verdienen gibt, sind sich selbst und dem Verfall überlassen. Und wenn, wie im Sommer 1992, die Verzweiflung sich in Gewalt entlädt, dann spart die Stadt sich trotzdem das Geld für Sanierung und Infrastruktur und spendiert lieber dem notorisch brutalen und rassistischen Los Angeles Police Department ein paar Millionen mehr. Manche Machtstrategen planen sogar, einen geostationären Satelliten in den Himmel über der Stadt zu schießen, der die gefährlichen Gegenden überwachen und den chaotischen Perspektiven von Los Angeles einen Fluchtpunkt geben soll - so wie einst absolutistische Herrscher alle Straßen auf ihr Schloß zulaufen ließen.
Die Wiederherstellung einer hierarchischen Ordnung aber wird wohl nicht gelingen, und das, folgt man Mike Davis, ist das Zukunftweisende an dieser Stadt: Der Mann beschreibt das Schicksal der Unterdrückten, und doch gelingt es ihm nicht, die Unterdrücker genau zu benennen. Denn die Macht in Los Angeles hatte, wie die Topographie der Stadt, niemals ein Zentrum; sie war immer chaotisch organisiert: Hier haben sich Hausbesitzer gegen die Spekulanten zu »Sowjets« zusammengeschlossen; hier haben Rechte für langsames Wachstum und Linke für rauchende Schlote gekämpft, und seit sich die Wirtschaft dieser Stadt, mehr als die jeder anderen, zunehmend globalisiert, werden weltweite ökonomische Konflikte zum Gegenstand der kommunalen Politik: Hier streiten japanische gegen amerikanische Interessen, internationale Konzerne gegen das einheimische Establishment, mexikanische Tagelöhner gegen die Computer-Industrie.
Los Angeles ist nicht bloß die Stadt, in welcher die Dritte Welt direkt an die Erste grenzt; in seinen Bezirken liegen Korea neben Armenien, Mexiko neben Vietnam, Louisiana neben Samoa, und zwischen all diesen Stämmen sind wieder Kriege möglich. Und wenn sich einer von Bunker Hill ein paar Kilometer nach Osten bewegt, von den High-Tech-Kommandozentralen zu den Vierteln der Latinos, wo, aus Not, noch Naturalienwirtschaft herrscht, wird der Weg im Raum zur Reise zurück durch die Zeit. In dieser Stadt folgt nicht die Zukunft auf die Vergangenheit, die beiden existieren vielmehr, bloß ein paar Blocks weit entfernt, nebeneinander her. Nur die Gegenwart ist hier nicht zu Hause.
Die Klassenkämpfe, von denen Davis erzählt, hatten als Bezugspunkt weder Rathaus noch Bezirksverwaltung. Es ging darin zuerst ums Realitätsprinzip; es ging darum, diese Stadt, in der es vielen schlechtging, aus dem Reich der Träume zurückzuholen auf den Boden, wo es miese Wohnungen und schlechtbezahlte Arbeitsplätze gab. Und weil das nicht gelungen ist, weil die Träume populärer, die Legenden bunter und tröstlicher waren, deshalb spielen sich die Kämpfe nur noch in der Welt der Fiktionen ab.
Die Unruhen und Plünderungen im Frühjahr 1992 beispielsweise hatten materielle Not als Ursache, und die Männer, die bei den Straßenkämpfen starben, blieben tot, auch als die Fernsehkameras wieder ausgeschaltet wurden. Aber daß den Schwarzen von Los Angeles ein bißchen mehr davon blieb als abgebrannte Häuser und verwüstete Schnapsläden, das verdanken sie nicht ihren Fäusten oder Fackeln. Das verdanken sie eher jenen Hip-Hop-Musikern, die sich selbst als schwarzer CNN verstehen und den Zorn ihrer Leute in mythische Dimensionen erhoben.
Wer die ganze Wahrheit über Los Angeles erfahren will, der kann sich, sagt Davis, den Blick in die Geschichtsbücher sparen. Er wird, da die Stadt vor allem eine Erfindung ist, in den fiktiven Storys alles finden: in Polanskis Film »Chinatown« etwa, der vom Kampf ums Wasser erzählt; in John Carpenters Science-fiction »Die Klapperschlange«, der in New York spielt und doch eine Zukunft schildert, die in Los Angeles gerade verwirklicht wird: die Innenstadt als Festung und Gefängnis; oder in Ridley Scotts »Blade Runner«, der das künftige L.A. beschreibt als Terrain der Replikanten: künstlich hergestellter Menschen, deren Bewußtsein ein Chip voller synthetischer Erinnerungen und digitalisierter Empfindungen beherrscht; Menschen, die endlich so geworden sind wie die Stadt, in der sie hausen.
Und natürlich kann er sich »City of Quartz« besorgen, das ein soziologisches Fachbuch sein will und doch viel mehr geworden ist: »Es ist mehr Cyberpunk, als es irgendein Werk der Fiktion jemals sein könnte«, sagt Amerikas berühmtester Science-fiction-Autor William Gibson.
Was die Zukunft seiner Stadt angeht, macht sich Davis wenig Hoffnungen. Sie wird verdursten in der Wüste, ersticken an ihrem Dreck oder von der nächsten Sintflut ins Meer gespült. Doch das Wesen von Los Angeles hat noch nie in dessen Mauern gewohnt. Es war in den Filmen und Büchern, die hoffentlich die Katastrophen überstehen werden. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Die Mega-Stadt *
Los Angeles dehnt sich über fünf Landkreise aus, etwa 200 Kilometer in Ost-West-Richtung und circa 150 von Norden nach Süden; sie hat mehr als 15 Millionen Einwohner - und ringt heute schon mit den Problemen, die auf andere Metropolen erst noch zukommen werden. Innerhalb der Stadtgrenzen sind 40 Prozent der Bewohner lateinamerikanischer Herkunft, 14 Prozent sind Schwarze, und der Zuzug aus Vietnam und Korea steigt stetig. Alle Prognosen besagen, daß die Latinos im Jahr 2010 die Weißen als größte Bevölkerungsgruppe ablösen werden. Das Stadtporträt »City of Quartz« des Soziologen Mike Davis ist im Verlag der Buchläden Schwarze Risse/Rote Straße erschienen und kostet 45 Mark.