Dortmunder Meisterfeier: "Unfassbar, was hier abgeht" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Deutscher Meister BVB: "Ich habe Tränen in den Augen"

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Dortmunder Meisterfeier "Unfassbar, was hier abgeht"

Treueschwüre, Tanzeinlagen und eine ganze Region im Rausch: Borussia Dortmund ist Deutscher Meister - und der Pott seitdem im Ausnahmezustand. Fans und Funktionäre feiern ihren Verein geradezu ekstatisch: "Diese Mannschaft hat dieser Stadt ihren Stolz zurückgegeben", sagen sie.
Von Felix Meininghaus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Petra Meschke hüpft auf und ab, immer wieder, immer höher, und dabei singt sie wie alle anderen aus vollem Hals zur Melodie von Pippi Langstrumpf: "Wer ist Deutscher Meister, BVB Borussia, wer ist Deutscher Meister, Borussia BVB."

Meschke kommt aus dem Ortsteil Deusen im äußersten Norden der Stadt Dortmund. Dorther also, wo der BVB vor 102 Jahren ins Leben gerufen wurde. Eine ganze Stadt präsentiert sich am Sonntag im Ausnahmezustand, Hunderttausende wollen mit ihren Lieblingen feiern.

Am Montag wird die Grundschullehrerin ihre Kinder erst um 10 Uhr um sich versammeln, den verspäteten Schulbeginn hat sie sich selbst geschenkt. Dann wird es auch an der Libellenschule eine Meisterfeier geben. Meschke spielt auf ihrer Gitarre und die kleinen Schüler singen Dortmund-Lieder, später wird Fußball gespielt. Alle müssen in schwarz-gelb kommen, "anders kommt hier keiner rein".

Die größte Stadt im Ruhrgebiet ist im Taumel, alles, aber wirklich alles dreht sich in diesen Tagen um den Verein, der die siebte Meisterschaft seiner Geschichte feiert. Exakt um 17.41 Uhr und 29 Sekunden hatte Kapitän Roman Weidenfeller am Samstag die Schale in den Dortmunder Himmel gereckt.

Es war der Beginn einer Megaparty, die die größte Stadt im Revier niemals vergessen wird. Hier, wo sich die Menschen über den Verein definieren, den sie alle in ihr Herz geschlossen haben. Als sich am Sonntagmorgen um 12.09 Uhr der schwarz-gelb geschmückte Festwagen mit den ebenso fröhlichen wie übernächtigten Spielern, Trainer Jürgen Klopp und dem Vorstand zum Umzug vom Borsigplatz zur Westfalenhalle in Bewegung setzte, säumten Hunderttausende die Straßen, um ihren Lieblingen bei der größten Meisterfeier der deutschen Fußballgeschichte zu huldigen.

"Ich werde diesen wunderbaren Verein verlassen", sagte der sichtlich gerührte Nuri Sahin, der dem Ruf zu Real Madrid gefolgt ist, "aber diesen Tag werde ich niemals vergessen. Ich liebe euch alle."

Sein Mitspieler Kevin Großkreutz, der aus dem Dortmunder Norden kommt, wo der BVB geboren wurde, schwärmte: "Ich sehe in die Augen der Menschen und sehe die Liebe, die uns entgegenschlägt." Der Mittelfeldrenner wird - wenn überhaupt - nicht viel Schlaf bekommen haben, weil es Wichtigeres zu tun gab: "Ich habe immer gesagt, dass hier die Post abgeht, wenn wir Meister werden." Dann schaute er auf die riesige Meute in schwarz-gelb, die sich versammelt hatte, und den Wagen nur im Schneckentempo vorwärts kommen ließ: "Und, habe ich zu viel versprochen?" Nein, hatte er nicht. "Ich habe Tränen in den Augen", sagte Trainer Jürgen Klopp, "so schön ist das, die Menschen hier zu sehen."

"We have a grandios Saison gespielt"

Oben an den Häusern prangte ein riesiges Banner mit dem Spruch: "We have a grandios Saison gespielt." Ein Bonmot, das Kapitän Roman Weidenfeller im arabischen Fernsehen von sich gegeben hat, und das in die Schatzkiste der unglaublichsten Sprüche der Bundesliga aufgenommen wird.

Der BVB hat den Spott von Fans und Mitspielern mit Fassung getragen. Auch er war mitten drin in der Feiermeute. Spieler, die es gewohnt sind, von einer Heerschar von Fotografen abgelichtet zu werden, zückten ihre Fotohandys, um das große Spektakel festzuhalten. "Unfassbar, was hier abgeht", sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: "Diese Mannschaft hat dieser Stadt ihren Stolz zurückgegeben." Schon kurz nach Beginn des Festumzugs waren sämtliche Zeitpläne Makulatur. "Macht nichts", sagte Watzke, "wir haben die Schale, wir haben alle Zeit der Welt."

Schon am Samstag war in Dortmund die Post abgegangen. 80.720 Zuschauer waren beim finalen 3:1 gegen Eintracht Frankfurt im ausverkauften Dortmunder Stadion dabei, 18.000 beim Public Viewing in der Westfalenhalle, Hunderte Kneipen waren rappelvoll und der Borsigplatz war bereits da prall gefüllt. Diese Begeisterung ist deutschlandweit einmalig.

Da verneigt sich auch die Konkurrenz aus dem Süden vor Ehrfurcht. Der Rekordmeister hatte in den ortsansässigen Tageszeitungen ganzseitige Anzeigen geschaltet. "Ihr habt eine tolle Saison gespielt und seid verdient Deutscher Meister 2011. Der FC Bayern gratuliert dem BVB." Eine Aktion, mit der der Branchenführer Größe dokumentierte. "Eine tolle Geste", befand Sportdirektor Michael Zorc. Ganz Dortmund ist berauscht von der jüngsten Mannschaft, die jemals die Schale geholt hat. Einige kreative Köpfe hatten die Ortsschilder der Stadt mit dem schwarz-gelben Schriftzug "Fußballhauptstadt Dortmund" überklebt.

Es sei unbekannt, wer hinter dieser Aktion stecke, teilte das Tiefbauamt mit, man sehe sich nicht in der Lage, die Aufkleber zeitnah zu entfernen. Warum auch, es stimmt ja. Es war ein Akt der gewollten Anarchie in einer Stadt, die sich an sich selbst berauschte. Mitten drin im Trubel stand Clemens Grohs, stützte sich auf seinen Spazierstock und seine Augen leuchteten.

Der 75-jährige Rentner aus dem münsterländischen Sendenhorst ist seit 55 Jahren Vereinsmitglied, nun hatten ihn seine Söhne ins Stadion eingeladen. Ein großer Tag im Leben des Seniors. "Wer weiß denn, ob ich so etwas Schönes in meinem Leben noch mal erleben werde."