EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Dr. Flipper
Es ist ein warmer Dezemberabend, als vor der Atlantikküste Floridas der Todeskampf eines Delphins beginnt, eines Tursiops truncatus, wie auch der Fernseh-Delphin Flipper einer war. Es ist diesmal ein junges Tier, fast ein Baby, das im trüben Wasser um sein Leben kämpft; während etwa zur selben Zeit in einer Vorstadtsiedlung im US-Bundesstaat Indiana ein kleines Mädchen mit braunen Locken und blauen Augen namens Katrina in ihrem Bett liegt und versucht einzuschlafen, obwohl ihr zum Heulen zumute ist. Katrina ist behindert, und sie wird es schwer haben im Leben, das ist ihr, sieben Jahre alt, inzwischen klargeworden.
Jim Savage heißt der Mann, der sich, ohne es zu ahnen, daranmacht, das Schicksal des Delphins mit dem Leben des Mädchens zu verknüpfen. Der Fischer erspäht vor Einbruch der Dunkelheit auf dem glatten Meer eine Bewegung, an einer Boje, das charakteristische Schwappen der Wellen, wenn sich ein Delphin verhakelt; und Jim ist es, der gleich am nächsten Morgen hintuckert, in seinem Boot, und der das Tier findet und es befreit, einen Delphin, der sich nicht mehr rühren kann, so grausam hat er sich in den Nylonseilen verheddert.
Jim schneidet ihn los, hievt ihn ins Boot.
Das Meer an diesem östlichen Küstenabschnitt, etwas südlich der Mosquito Lagoon, ist flach, selbst Meilen vom Festland entfernt nur zwei bis drei Meter tief. Der Boden ist sandig, das Wasser trüb. Die Reusen, die die Fischer zum Krebsfang auslegen, sind mit Markierungsbojen versehen, befestigt mit Nylonseilen. Für junge Delphine sind diese Bojen, Reusen, Seile im Meer ein Spielzeug, das es zu erforschen gilt, in dem sie sich verheddern, ertrinken.
Diesmal haben die Taue die empfindsame Haut des Delphins zwar bis aufs Blut aufgescheuert, vor allem am Maul und am Schwanz, aber er atmet noch. Ein kleiner Kerl, knapp einen Meter lang, schätzt Savage, 70 Pfund. Er deckt das Tier mit einer feuchten Plane ab, tuckert zurück und benachrichtigt die Leute vom Harbor Branch Oceanographic Institute, die das Tier in einem Container ins zwei Autostunden entfernte Clearwater Marine Aquarium transportieren - eine Art Krankenhaus für verletzte Meeresbewohner.
»Winter«, so taufen sie in Clearwater den Neuzugang. Sie verarzten seine Wunden, füttern ihn mit vitaminreichem Fischbrei, können jedoch nicht verhindern, dass Winters Schwanz bald weiß und pergamenten wird. Und Stück für Stück abfällt, totes Gewebe.
Gewandtheit und Spurtfähigkeit verdanken alle Delphine ebendieser breiten Fluke, die sie auf- und abschlagen, Muskulatur und Knochenbau sind darauf abgestellt. Winter lernt nun, in seitlich-schlängelnden Bewegungen zu schwimmen; in der Natur könnte er so nicht überleben, auch im Bassin ist es nur eine Frage der Zeit, diagnostizieren sie in Clearwater, bis er seine Wirbelsäule ruiniert. Ihm stehen Schmerzen und ein qualvolles Ende bevor.
Das hört ein Mann namens Kevin Carroll. Er hört es in einer Freitagnacht im Radio, als er in New York im Mietwagen sitzt und von einem Patienten zum John-F.-Kennedy-Flughafen fährt. Draußen schneit es hauchzart, im Wagen dreht Carroll das Radio lauter.
Carroll ist Prothesenbauer, Vizepräsident einer der größten Prothesenfirmen der USA, Woche für Woche reist er durchs Land, um Menschen zu helfen, die ein künstliches Bein brauchen, einen neuen Arm, eine Hand, einen Fuß. So wie Katrina aus Indiana, deren rechtes Bein seit ihrer Geburt verkrüppelt ist. Ihr eine Prothese anzupassen war einfach, schwerer ist, dass Katrina allmählich begreift, dass sie ihr Leben lang behindert sein wird, Sport machen, Tanzen gehen, einen Freund finden, nie wird sie sein wie andere Mädchen.
Carroll hört den Beitrag über den Delphin Winter, armer Kerl, denkt er.
Am übernächsten Tag, es ist sein freies Wochenende, besucht er das Clearwater Aquarium, spricht vor, bietet seine Hilfe an, er will kein Geld. Carroll hat keine Erfahrung mit Prothesen für Delphine, aber wer hat die schon?
Seitdem sind eineinhalb Jahre vergangen, und Kevin Carroll hat seither, unentgeltlich, für Winter 54 Prothesen angefertigt, computerdesignte Gebilde aus Gel und Latex, die wie ein Strumpf über Winters Hinterteil gezogen werden, gepolstert, denn Delphinhaut ist empfindlich, und Winter lernt jetzt, fröhlich, spielerisch, mit der neuen Fluke zu schwimmen.
Warum, Mr. Carroll?
»Einfach so. Jedes Wesen hat das Recht, dass man ihm hilft.«
Als Kevin Carroll bei seiner Patientin Katrina ist, erzählt er ihr, um sie aufzumuntern, von dem Delphin, und sie ist erst erstaunt und dann begeistert, und ihre Eltern buchen kurzerhand einen Kurz- und Badeurlaub in Florida, und in Clearwater darf sie an den Bassinrand treten, und sie sieht Winter, der mit seiner neuen Prothese schwimmt. Und sie ist verzaubert.
Immer wieder bittet sie ihre Eltern, mit ihr nach Clearwater zu reisen, sie macht zahllose Fotos von Winter, und sie will wissen, warum Delphine immer lächeln. RALF HOPPE