Dralle Rivalin - DER SPIEGEL
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Dralle Rivalin

Über die »Unzuverlässigkeit des Hauspersonals« wird seit Jahrhunderten geklagt. Eine Hamburger Volkskundlerin untersuchte dieses Stereotyp. *
• aus DER SPIEGEL 36/1983
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Seit es sie nicht mehr gibt, fällt fast schon ein Licht der Verklärung auf sie. Doch jahrhundertelang sind Dienstboten in Deutschland von ihrer Herrschaft gewohnheitsmäßig zur Minna gemacht worden.

Ob Kinder- oder Stubenmädchen, Küchenmagd, Köchin, Diener oder Amme - ein ganzer Berufsstand war bei seinen Brotherren als liederlich, klatschhaft, sittenlos und renitent und vor allem als faul verschrien.

Die lange Tradition von Beschwerden übers Personal ist nun Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung geworden. In einer jüngst vorgelegten Dissertation wollte die Hamburger Volkskundlerin Dagmar Müller-Staats, 30, nachweisen, daß sich in den - großenteils sogar berechtigten - Klagen der Herrschaften über ihre Dienstboten jahrhundertelang ein Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnis widerspiegelt, stärker und deutlicher noch als in der übrigen Arbeitswelt.

Den ewigen »Klagen über Dienstboten«, so der Titel der Arbeit, lag das Wunschbild vom selbstlosen, treuen, angepaßten und stets willfährigen Dienstboten zugrunde, der rund um die Uhr schuftet, möglichst wenig Nahrung und Kleidung beansprucht, kein Privatleben kennt und gegen sein Los nicht aufmuckt.

Abweichungen von diesem Idealbild wurden stets schlechtem Charakter oder der Dienstboten nun einmal eigenen Lasterhaftigkeit zugeschrieben. Über die Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Untergebenen nachzudenken oder gar über deren Seelenzustand sich den Kopf zu zerbrechen, waren der Herr und die gnädige Frau nicht willens und nicht in der Lage.

Bei Durchsicht der »Hausväter-Literatur« und der Erbauungsliteratur für die dienenden Stände, aber auch beim Lesen zeitgenössischer Berichte und Lebensbeschreibungen von Damen wie von Dienstmädchen, beim Auswerten von Briefen, Bittschriften, Prozeßprotokollen und alten Zeitungen stieß die Kulturgeschichtlerin auf einen durchgängigen Tonfall: Verwunderlich, meint sie, sei die Eintönigkeit des herrschaftlichen Lamentos.

Zwar änderten sich die Ursachen für das Fehlverhalten der Dienstboten im Laufe der Zeit, nicht jedoch das Klagelied der Herrschaften darüber. »Bis zum Ende des Gesindeverhältnisses im Jahre 1918 sind es dieselben Klagen, die seit dem 16. Jahrhundert immer wieder erhoben werden.«

Bereits Martin Luther empfand die Dienstboten »als größte Plage in der Welt, wie ungehorsam, untreu, ungezogen, vorteilhaft sie sind«, kurzum als »Plage vor Gott«. Auch Goethe hielt seine Köchin Charlotte Hoyer für »eine der boshaftesten und incorrigibelsten Personen, welche mir je vorgekommen«.

Dem reizbaren, meist unleidlichen Beethoven konnten es seine beiden Stützen offenbar ebenfalls nicht recht machen. »Die Niedrigkeit der beiden Personen«, notierte der Komponist in seinem Skizzenbuch, »ist mir unausstehlich - für eine Haushälterin ist sie zu ungebildet, ja, viehisch, die andere aber steht trotz ihrem Gesicht noch unter dem Vieh.«

In den Vorwürfen der standesbewußten Arbeitgeber drückte sich, so Dagmar

Müller-Staats, stets das Bedürfnis aus, sich »nach unten abzugrenzen«. Entweder paßte es ihnen nicht, daß das Dienstpersonal den bürgerlichen Lebensstil der »Herrschaft« nachzuahmen sich erdreistete. Oder sie monierten solches Verhalten, weil es gegen ihren standeseigenen, von Enthaltsamkeit und Sparsamkeit geprägten Sittenkodex verstieß.

In beidem, behauptet die Autorin, sahen die Herrschaften »einen Angriff auf ihren Status«, den zu sichern ihnen jedes Mittel, auch das der Demoralisierung und Diskriminierung, recht gewesen sei: »Hauptsache ist ... daß jeder in seinem Stande bleibt, dem anzugehören eine Fügung der Vorsehung ist.«

So bot beispielsweise die Putzsucht der »Haus- und Küchenmenschen« von jeher den Herrschaften Anlaß zur Klage. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Dienstboten auch durch strenge Kleiderordnungen reglementiert.

Kleider in leuchtenden Farben, vor allem in »Cochenille«-Rot, Seidenstoffe, Perlen-, Gold- und Rüschenbesatz, Halskrausen und hohe gestärkte Kragen aus Leinen und Spitze zu tragen, war beispielsweise dem Personal in Sachsen verboten. Übertretungen wurden mit Geld- und sogar Gefängnisstrafen geahndet, die nicht standesgemäße Kleidung von den Behörden eingezogen.

Noch im aufgeklärteren Biedermeier nahmen Standespersonen Anstoß, wenn jemand vom Küchenpersonal sich in Schale geworfen hatte: »Da zieht das Mensch auf der Straße einher«, mokierte sich ein Zeitgenosse, »als ob sie von Adel wär! Viele wissen sich gerade so zu zieren wie überbildete Fräuleins der großen Welt.«

Neben der Putzsucht gehörten vor allem Verschwendungs- und Vergnügungslust nebst Klatschhaftigkeit zu den Unarten, die den angeblich von Grund auf sittenarmen Dienstboten gern vorgeworfen wurden.

Gewiß, an den ein- oder zweimal monatlich gewährten »Ausgehtagen« schlugen die Mädchen, die täglich durchschnittlich 16 Stunden zu arbeiten und danach auch nicht etwa ihre Freiheit hatten, leicht über die Stränge.

Nicht zu Unrecht auch argwöhnten die Hausfrauen, ihr Dienstpersonal zweige beim Einkaufen sogenannte »Schwänzelpfennige« (auch »Marktgroschen« oder »Körbelgeld« genannt) für sich selber ab und fröne unablässig mit anderen Dienstboten oder Marktfrauen der üblen Nachrede über die Herrschaft.

Hinter derlei Verfehlungen erkennt die Autorin und Motivforscherin Müller-Staats auch den Versuch der Delinquentinnen, sich für die tägliche Demütigung und Überforderung, für seelische Vereinsamung und psychosoziale Deklassierung zu entschädigen. Nicht immer funktionierte dieser soziale Mechanismus: Viele Mädchen, die Leere, Gefühllosigkeit und ungeliebte Arbeit nicht auf diese Weise zu kompensieren verstanden, verfielen in Apathie oder begingen Selbstmord.

Wehklagend über die Mängel und die Sittenlosigkeit ihres Personals haben die Herrschaften offenbar auch selbst Dampf abgelassen. Für die Autorin steht fest, daß manche zu repräsentativem

Nichtstun verdammte Dame des Hauses, eingezwängt in bürgerliche Moral, »tief in ihrem Inneren so etwas wie Neid« auf die (scheinbare) Freizügigkeit des Dienstmädchens empfunden habe.

Zudem habe sie im Dienstmädchen oft genug eine dralle »Rivalin um die sexuelle Gunst« des ehelich abgekühlten Hausherrn sehen müssen. Da eine Dame anstandshalber ihre ehelichen Frustrationen nicht zeigen durfte, habe sie nörgelnd und schimpfend Rache an deren vermeintlicher Urheberin genommen.

Nachwirkungen, meint die Autorin, habe die dünkelhafte und verächtliche Behandlung der Dienstboten bis heute. Verheerend beispielsweise habe sich die Geringschätzung der Hausarbeit, die auf diesem Wege in Umlauf kam, auf die Stellung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft ausgewirkt.

Mit dem Ehrentitel »Hausfrau« in die Pflicht genommen, vereinigt sie die Aufgaben von Dienstmagd, Köchin, Kindermädchen, Putzfrau, Chauffeur und Hauslehrerin in einer Person - und fühlt sich auch danach.

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