Dreister Kunstraub: "Fast so einfach wie ein Kiosküberfall" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Dreister Kunstraub "Fast so einfach wie ein Kiosküberfall"

Nach dem Raub zweier Gemälde von Edvard Munch sucht die Polizei noch immer nach den Tätern. Alle norwegischen Grenzübergänge werden überwacht, und die Fahnder werten Aufnahmen der Überwachungskameras aus. Unterdessen wird die Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen in dem Museum immer lauter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



Oslo - Die Gemälde "Der Schrei" und "Madonna" wurden gestern am helllichten Tag aus dem Osloer Munch-Museum gestohlen. Ob sie beim Abtransport beschädigt wurden, ist noch unklar. "Wir wissen absolut nichts über den Zustand der beiden Bilder", sagte der Chef des Munch-Museums, Ginnar Sørensen. Die Kunstwerke könnten durch die "brutale Behandlung" bei dem Raubüberfall zerstört worden sein. "Im Leben eines Museumsmannes ist das eine Tragödie. Viele Menschen kommen zu uns, um genau dieses beiden Bilder anzusehen. Das sind Kunstwerke, die der ganzen Menschheit gehören", sagte Sørensen.

Norwegische Zeitungen kritisieren die Sicherheitsvorkehrungen in dem Museum heftig. "Fast so einfach, wie einen Kiosk zu überfallen", titelte die Tagszeitung "Aftenposten". Die Bilder seien nicht einmal gegen Diebstahl versichert gewesen, hieß es. Die Zeitung "Dagbladet" schrieb: "Einige unserer nationalen Schätze sind allzu armselig gesichert."

Die Wachleute des Museums sind nicht bewaffnet. Die Gemälde waren mit Drähten gesichert, die bei Berührung einen Alarm bei der Polizei auslösen. In der Galerie selbst ging kein Alarmsignal los.

Bislang haben die Fahnder noch keine Spur von den verschwundenen Bildern. Die Polizei entdeckte nur das Fluchtauto und die Bilderrahmen. Wie Sørensen zeigten sich auch andere Kunstexperten entsetzt über die Entfernung der beiden Bilder aus den Rahmen. Nach Angaben der Polizei sprach einer der Täter norwegisch. Möglicherweise wollen die Diebe Lösegeld für die Bilder fordern.

Die Polizei überwacht nun die Grenzübergänge zu den Nachbarländern streng. Zudem erhoffen sich die Ermittler wichtige Erkenntnisse von den Aufnahmen der Überwachungskameras im Osloer Munch-Museum und der Auswertung der zahlreichen Zeugenaussagen. Die Täter hatten bei ihrem Coup allerdings Masken getragen.

Am Sonntagvormittag waren zwei der maskierten Täter in das Museum gestürmt, hatten einer Wärterin eine Pistole an die Stirn gehalten und die Bilder von der Wand gerissen. Danach flüchteten sie mit einem wartenden Helfer in einem schwarzen Audi. Zum Zeitpunkt des Diebstahls waren zwischen 50 und 70 Besucher im Munch-Museum, berichtete die Polizei. Keiner von ihnen wurde direkt bedroht. Weil die Gäste zuerst an einen Terroranschlag glaubten, war kurzfristig Panik ausgebrochen.

Beide gestohlenen Gemälde gelten als unverkäuflich. Experten schätzen den Wert des Bildes "Der Schrei" allein auf 450 Millionen Kronen (54 Millionen Euro). Das Bild wurde im Jahr 1893 gemalt und gilt als eines der bedeutendsten Gemälde der Kunstgeschichte. Insgesamt hat Munch vier Versionen des berühmten Gemäldes geschaffen. Vor zehn Jahren war bereits eine andere Version gestohlen worden, die später jedoch wieder auftauchte. Der Norweger Munch (1863-1944), der zeitweise auch in Deutschland lebte und arbeitete, gilt als Wegbereiter des Expressionismus.