Düsseldorf drin - DER SPIEGEL
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Freizeit Düsseldorf drin

Von Wogen geplättet, vom Winde verweht: Zwei Alltagskundler dokumentieren die Geschichte des deutschen Strandburgenbaus.
• aus DER SPIEGEL 22/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Forscherdrang ist ungebremst, ob''s um die Notdurft geht oder um das Tragen gehäkelter Nachthauben: Aus dem Elfenbeinturm der schieren Theorie hat sich die Wissenschaft ins Wunderland des Allzumenschlichen geflüchtet. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis sich zwei Alltagskundler aufschwangen, die Welt durch die Zinnen der Strandburgen zu betrachten.

Genau dies leisten nun die Autoren Harald Kimpel und Johanna Werckmeister: »Die Strandburg. Ein versandetes Freizeitvergnügen« heißt ihr Werk, das 100 Jahre Burgenbau an Nord- und Ostseestrand nachzeichnet*.

Ihre Tat ist historisch verdienstvoll: Fotos dokumentieren Bauwerke, die Wellen und Küstenbrise längst wieder geschleift haben - vor allem aber zeigen sie, wie Generationen von Badeurlaubern maulwurfsartig Strände in mondähnliche Kraterlandschaften verwandelten.

Der Text der Autoren allerdings knirscht oftmals in schwerfälligem Promotionsdeutsch _(* Jonas Verlag, Marburg; 96 Seiten; ) _(28 Mark. )

einher. Warum muß etwa die Strandburg beschrieben werden als »jene kulturelle Manifestation, die überall dort entsteht, wo eine konkrete massentouristische Bedürfniskonfiguration und bestimmte natürliche Gegebenheiten zusammentreffen«? Die Antwort kennt nur der Sommerwind.

»Made in Germany« heißt das wohl wichtigste Kapitel des Bandes, das die Strandburg als »Symbol deutscher Mentalität« entlarvt. Keine zweite Nation habe ein derart zwanghaftes Verhaltensmuster herausgebildet: »Wer an ausländischen Küsten eine Strandburg antrifft, kann sicher sein, einen Deutschen darin zu finden: Wo Düsseldorf draufsteht, ist Düsseldorf drin.«

Nirgendwo sonst hat Papa so betriebsam Sandwälle aufgeschippt, Mama das Wasser geschleppt, haben Kinder Muscheln zur Verzierung gesammelt. Getreu der Devise »Wer gräbt, hat ein Ziel vor Augen« erschaffen sie das familiäre Gesamtkunstwerk, das vor schneidenden Seewinden schützt.

Der Sandkasten, so die kühne These der Autoren, habe das deutsche Kind konditioniert zu schweißtreibendem Burgenbau im Erwachsenenalter. Mit der Buddelei werden wieder jene glücklichen Kindheitstage beschworen, da »die Materie noch spielend geformt werden konnte«. Die Ackerei im Sand bewahre die Urlauber zudem vor der anrüchigen Lebensweise des »dolce far niente«. Deutsche far niente? Undenkbar.

Dennoch sind die Strandburgen nach 100 Jahren Opfer des Zeitgeists geworden. Vor allem Umweltargumente seien schuld, klagen die Autoren, ökologische Miesepeter hätten »inzwischen den Gestaltungswillen der Urlauber nahezu vollständig gelähmt«.

Vorbei die Zeiten, als Papa sich mittels goldig schimmernder Kronkorken selbstgeleerter Bierflaschen als Fan von »Borussia« outen durfte und Mama mit Muschelornamenten als Mitglied des »Romme-Club Berlin-Kiel«.

Trotz ihrer Kritik betrauern die Autoren den Kulturverfall: »Wer Wagner und Mozart - mit Notenbeispielen - auf einen Abhang muschelt«, so ihr Fazit, »kann kein schlechter Mensch sein.« Y

* Jonas Verlag, Marburg; 96 Seiten; 28 Mark.

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