Duftmarken - DER SPIEGEL
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Duftmarken

Ortstermin: 38 Jahre nach dem Contergan-Prozess stehen die Geschädigten noch mal in Köln vor Gericht - es geht um Waschmittel.
• aus DER SPIEGEL 27/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein paar Anwälte sitzen in Saal 7, Landgericht Köln, sie sitzen einem Mann gegenüber, der keine Arme und keine Beine hat. Als die Richterin den Saal betritt, stehen die Anwälte auf.

»Das, was heute zu entscheiden ist, ist nicht viel«, sagt die Richterin zu Beginn der Verhandlung. Es wird an diesem Tag, formal gesehen, um eine Broschüre verhandelt und um Waschmittel vielleicht noch.

Auf den Zuschauerbänken im Saal sitzen 60, 70 Menschen und hören zu. Menschen ohne Arme, Beine, Ohren, die im Lauf ihres Lebens lernen mussten, mit den Füßen zu malen, mit den Zähnen Taschen zu tragen.

Die Anwälte wurden von der Dalli-Gruppe geschickt, einem Unternehmen aus Stolberg bei Aachen, das Pflegemittel herstellt, auch Waschmittel, Dalli-Waschmittel, Dalli Activ Plus und Dalli Color Plus, acht bis zehn Millionen Pakete im Jahr. Das Unternehmen hat jetzt Angst um diese Produkte.

Der Mann ohne Arme und Beine heißt Andreas Meyer, er trägt ein rotes T-Shirt, eine Brille, kurze blonde Haare. Er sitzt in einem Elektrorollstuhl. Meyer denkt nicht an Broschüren und Waschmittel, Meyer denkt größer.

Seine Mutter, die Näherin war, hatte, als sie schwanger war, Contergan genommen, das Schlafmittel, das Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre 10 000 Neugeborene mit Missbildungen auf die Welt kommen ließ, an Armen, Beinen, Augen, Ohren. 5000 waren es in Deutschland. 2800 von ihnen überlebten, einer ist Andreas Meyer, geboren 1960.

Als Kind begleitete er seine Mutter manchmal in das Kasino der Zeche »Anna« in Alsdorf, in dem, an 283 Tagen, der größte Arzneimittelskandal des Landes verhandelt wurde.

Das Verfahren damals wurde eingestellt, wegen Geringfügigkeit. In einem Vergleich sagte die Firma Grünenthal, der Contergan-Hersteller, einer Stiftung 100 Millionen Mark für die Opfer zu.

38 Jahre später sitzt Meyer wieder in einem Gerichtssaal. Er hat denselben Gegner wie damals, die Industriellenfamilie Wirtz, sie ist Eigentümer von Grünenthal und zugleich Eigentümer der Dalli-Gruppe. Es ist, als würde eine Wunde der alten Bundesrepublik noch einmal aufgemacht. Der Unterschied ist, dass es diesmal nicht um Menschen geht, sondern um Waschmittel.

Andreas Meyer glaubt, dass das, was die Familie Wirtz zahlte, nicht genug ist; das Geld aus der Stiftung ist seit 1997 verbraucht, die Bundesregierung zahlt die Renten seitdem allein. Denn die Familie Wirtz hat, so sieht es aus, ihre Schuld abgegolten. Deshalb hat Meyer eine Broschüre geschrieben, er kämpft um Gerechtigkeit, seit 30 Jahren.

»Ausgangspunkt sind die Seiten neun und zehn der Broschüre«, sagt die Richterin. Auf den Seiten neun und zehn ruft Meyer dazu auf, Produkte, die die Familie Wirtz produziert, nicht mehr zu kaufen. Er zeigte darauf Flacons, Düfte mit den Namen Tosca, Tabac Original, Nonchalance, 4711 - alte Bundesrepublik-Düfte. Er zeigte auch Waschmittel, Dalli Activ Plus und Dalli Color Plus. Die Broschüre forderte dazu auf, den Kauf solcher Sachen zu boykottieren.

Meyer hatte die Broschüre Anfang des Jahres in einem Kölner Hotel ausgelegt, 200 andere Contergan-Geschädigte lud er dorthin ein. Hinterher klingelte der Gerichtsvollzieher bei ihm, es gebe eine einstweilige Verfügung der Dalli-Gruppe gegen den Kaufboykott, sagte der. Sollte Meyer weitermachen, würden ihm ein Ordnungsgeld bis zu 250 000 Euro oder Ordnungshaft bis zu sechs Monaten drohen.

So viel Geld habe er sowieso nicht, dachte Meyer sich, denn arbeiten konnte er nie, er bezieht Hartz IV und eine zusätzliche Rente über 1090 Euro im Monat. Er legte Widerspruch ein. Er wunderte sich nur über die einstweilige Verfügung. Denn die, das lernte er, ist nur dann möglich, wenn es darum geht, etwas schnell zu stoppen, etwas, das neu ist.

Sein Boykottaufruf aber war alt. Er hatte ihn, in einer ähnlichen Broschüre, 2007 schon einmal ausgelegt. Der Aufruf war seitdem auf der Internet-Seite seines Vereins, des Bundes Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e. V., zu finden. Bei einer Mahnwache im Oktober 2007 trugen andere Opfer T-Shirts mit Abbildungen von diesen Produkten. Sie zündeten Kerzen an, legten einen Kranz nieder vor den Toren des Grünenthal-Werks in Stolberg, in der Nachbarschaft der Dalli-Gruppe.

Juristisch gesehen geht es in Saal 7 um eine einfache, eine kleine Frage. Kann es sein, dass die Vorstandsleute von Dalli von alldem nichts mitbekommen haben?

»Das ist unwahrscheinlich«, sagt die Richterin, sie zeigt auf Fotos aus der Akte, von der Mahnwache.

Die Anwälte von Dalli sprechen lange, sie sagen, es gehe um 2000 Arbeitsplätze, die gefährdet seien, wegen der Broschüre.

Auch Meyers Anwalt spricht, die Menschen auf den Bänken hören ihm still zu. Viele von ihnen leben heute, fast 50 Jahre nach dem Skandal, mit kaputten Rücken, Sehnen und Gelenken.

»Ein mögliches Hauptverfahren«, sagt die Richterin irgendwann, bringe in der Sache, um die es doch eigentlich gehe, nichts. Sie will eine Einigung, sie warnt vor einem langen Rechtsstreit. Auch Meyers Anwalt sagt, es gebe gute Gründe, diesen Streit zu lassen.

»Es gibt Gründe, ihn nicht zu lassen«, sagt ein Dalli-Anwalt.

Dann hebt die Richterin die Verfügung gegen Andreas Meyer auf. Sie war, formal gesehen, nicht richtig. Für einen Moment sieht es so aus, als hätte die Richterin auch eine ganz andere Frage beantwortet.

Ein Prozess, bei dem es um Tausende missgebildete Menschen ging, war eingestellt worden, wegen Geringfügigkeit. Und ein Prozess, bei dem es um 2000 Arbeitsplätze geht, um Düfte und um Waschmittel, wie soll der enden?

Die Anwälte der Dalli-Gruppe erheben sich und gehen aus dem Saal. Dann kündigen sie die Hauptklage an.

BARBARA HARDINGHAUS

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