Dumm-Dumm-TV: Psychohilfe fürs Fernsehvolk - DER SPIEGEL
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Dumm-Dumm-TV Psychohilfe fürs Fernsehvolk

Ob Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer oder Vera am Mittag - was dem Zuschauer am Nachmittag in den diversen Quassel-Shows geboten wird, ist an Banalität oft nicht zu überbieten. Genau dieses Null-Niveau ist es aber, das beim Zuschauer ankommt und ihm innere Zufriedenheit verschafft.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg/Mannheim - "Hör auf zu nörgeln, jedes Pfund an mir ist sexy", "Wie viele Kinder willst du noch von der Sozi ernähren?" oder gar "Vor meinen Brüsten haben alle Männer Angst". Partnerschaft, Familie, Sex und Erotik - kein Bereich des menschlichen Miteinanders, der in den Talkshows nicht ausgiebig breitgetreten würde. Und nicht selten werden dem johlenden Studiopublikum auf diesem Tummelplatz für Seelen-Exhibitionisten peinlichste Szenen zwischen Familienmitgliedern, getrennt lebenden Ehepartnern oder solchen präsentiert, die die Trennung noch vor sich haben oder sie just vor laufender Kamera vollziehen.

Gerade die Schlichtheit der Studiogäste ist es, die Talkshow-Fans vor den Bildschirm zieht, fanden Mitarbeiter der Universität Mannheim heraus. Die meisten amüsieren sich, wenn in der Glotze "dämliche Leute" auftreten. Und davon gibt es reichlich. Die Palette reicht von einfachen Minus-IQs über fertige Freaks mit gepflegter Dativ-Schwäche à la Verona bis hin zu Krawall-Beuteln, die glücklich sind, ihre Familienfehde endlich mal öffentlich austragen zu können. Die Motivation, diese Exoten anzusehen, schlägt alle anderen Beweggründe, den Fernseher anzumachen. Erst auf Platz zwei und drei rangiert beim Publikum der Wunsch, zu entspannen oder "aus Interesse am Leben anderer Menschen" teilzuhaben.

Gibt es also eine Art Intelligenz-Voyeurismus im negativen Sinne bei den Daily-Talks? "Es geht vor allem um das Gefühl, dass man etwas Besseres ist", beschreibt Alexander Kübler von der Uni Mannheim die Befindlichkeiten der Zuschauer. "Zum Glück bin ich nicht so asozial, benehme mich nicht so daneben wie die auf der Mattscheibe."

Talkshows sehen ist wie Burger essen

Der Trash-Fan ist allerdings weder ein ungebildeter Geist noch gesellschaftlicher Bodensatz. "Es wird durch alle Schichten geguckt", weiß Kübler. Das Phänomen vergleicht der Medienforscher mit dem Verzehr eines Burgers bei McDonald's oder der Lektüre der "Bild"-Zeitung. "Keiner isst und keiner liest - und dennoch spricht der Erfolg der Formate für sich."

Der gemeine Studiogast hingegen ist eher schlichteren Gemüts. Zur Freude seiner Fans vor dem Bildschirm. Für sie ist der Talker samt seines armseligen Seelen-Striptease ein Positiv-Verstärker für das eigene Ich. Die Medienforscher fanden heraus, dass Krawall-Sendungen mit den negativsten, konfliktintensivsten und emotional anregendsten Themen offenbar wahre Lichtblicke im Seelenleben der Zuschauer hervorrufen. Das Resultat: Ein emotionaler Kick der Überlegenheit und eine deutlich positivere Bewertung des eigenen Privatlebens. Psychohilfe leicht gemacht.

Ausreizen dürfen die Sender diesen Hunger nach Krawall aber nicht. Wie bei allen Dingen, findet auch hier ein Abnutzungseffekt statt. "Nur Streit ist auf Dauer langweilig", erklärt Kübler. Wichtig sei der Mix, zwischendurch müssten auch "anspruchsvollere" Themen angeboten werden, so der Medienexperte.

Zwar ist der Daily Talk zur Zeit abgegrast, von einer existenzbedrohenden Krise ist allerdings nichts zu spüren. Allerdings, so Kübler, "hat in der Branche ein Prozess des Gesundschrumpfens" eingesetzt. Kein Wunder bei zwischenzeitlich bis zu 14 Quasselveranstaltungen. Selbst Sendungen wie die des Talk-Veterans Hans Meiser wurden eingestampft - seine Show brachte es zum Schluss nur noch auf 0,86 Millionen Zuschauer, 1998 lag sie mit rund zwei Millionen noch ganz vorn in der Zuschauergunst. Doch wird wohl auch in Zukunft munter weiter "geschäfert" und "gegeissent". 11,2 Millionen Zuschauer täglich sprechen für sich.