Alles schläft ... Alien wacht?!
Foto: Michael MeißnerKinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.
Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.
Klar pennt unser Kind durch! Werden Eltern auf den Schlaf ihrer Kleinen angesprochen, geht eine merkwürdige Form der Demenz um. Doch wie kann man die vielen endlosen Nächte vergessen, die man sein Kind beruhigt und beruhigt - und beruhigt?
Oliver schläft seelenruhig - bis ich um halb eins von einer Party nach Hause komme. Ich bin nicht mal sonderlich laut, aber er scheint einen Instinkt dafür zu haben, wann sich seine Erziehungsberechtigten nicht an die Routinen halten. Meine Frau Jana kann ihn in Nächten wie diesen nicht beruhigen. Mit seinem gesamten Gewicht von elf Kilo wirft er sich auf mich und wimmert herzerweichend.
Vielleicht muss ich dazusagen: Ja, er schläft mit anderthalb noch bei uns im Bett. Und nein, er schläft nicht durch. Eigentlich nie so richtig. Aber mit dem Durchschlafen, das habe ich in vielen Café-, Spielplatz- oder Kindergeburtstagsgesprächen mit anderen Eltern gelernt, ist es wie mit dem Benzinverbrauch. Wenn Autohersteller ihr Spritsparauto mit "3,2 Liter auf 100 Kilometer" anpreisen, weiß jeder, dass man diesen Wert allenfalls mit Tempo 80 und bergab erreichen wird.
Johanna ist ein Alien-Baby
Wenn also eine Mutter erzählt: "Ich weiß auch nicht, wir haben Glück, Johanna schläft durch, seit sie auf die Welt gekommen ist", dann gibt es dafür genau drei Erklärungen:
1. Johanna ist ein Alien-Baby. Viel Spaß dann, wenn das Raumschiff kommt und ihr die Ersten seid, die von der außerirdischen Macht unterjocht werdet.
2. Johannas Eltern lügen - oder dehnen zumindest die Wahrheit: Klar, hat sie gestern Nacht durchgeschlafen. (Mehrmals sogar. Immer so ein, zwei Stunden.) Autohersteller wollen mit dem Benzinverbrauch, Eltern mit ihren durchschlafenden Kindern prahlen. Und im Kampf um die Deutungshoheit über den Kinderbettchen stirbt die Wahrheit zuerst.
3. Und wohl am wahrscheinlichsten: Johannas Eltern leiden an der sehr verbreiteten Form der Schlafdemenz. Meine Frau etwa hat mir schon oft am Morgen erzählt, was ich angeblich in der Nacht alles unternommen hätte. Einmal soll ich sie mit einem Kissen beworfen haben - weil ich sie für meine Mutter hielt. Bizarr. Warum sollte jemand seine Mutter mit einem Kissen bewerfen?
Eines dieser Hormone
Jedenfalls könnte es bei Johannas Eltern ähnlich sein: Sie vergessen die nächtlichen Wachphasen. Sie vergessen, dass sie nachts zwei Stunden unter Absingen sämtlicher Schlaflieder in der Wohnung umhergewandert sind. Sie vergessen das mit den sechs Milchfläschchen in einer Nacht. Sie vergessen, dass dann nach zwei Stunden leichtem Schlaf die Windel auslief. Kein Wunder, bei den ein bis zwei Litern Flüssigkeit, die zuvor in das Kind gekippt wurden.
Schlafdemenz ist verbreitet, wahrscheinlich gibt es dafür auch eines dieser Hormone. Das Gleiche vermutlich, das einen auf die Frage "Willst du dein freies Leben aufgeben zugunsten von Schlafentzug, Windelwechseln und Babybrei von der Tapete kratzen?" laut "Jaaa" rufen lässt.
So. Und da stehe ich also im Schlafzimmer, den Ergo-Carrier umgeschnallt, Oliver schnaufend an meiner Brust, inzwischen ist es halb zwei. Und ich spüre, wie dieser kleine Mensch langsam in den Schlaf gleitet, wie das unruhige Schnaufen in den Rhythmus wechselt, der Eltern mehr beruhigt als jede Tablette es könnte: Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Und da ist es wieder, dieses Hormon. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, warum ich gerade jetzt nirgendwo lieber wäre als genau hier.
Jonas Ratz,
Vater von Frederik (vier Jahre) und Oliver (anderthalb Jahre)
Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).
Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone
Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.
Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de .
Jonas Ratz eine E-Mail schreiben Jonas Ratz auf Twitter