Filmstudios Dusseliges Huhn
Dort, wo die wahren Abenteuer spielen, entstehen auch die abenteuerlichsten Bilder: in der Phantasie. Da saust ein Junge auf einem Kuscheldrachen durch wundersame Welten, Killer und Vampire richten zwischen Sonnenauf- und -untergang Blutbäder an, und fremde Wesen sprengen kurz und gründlich die halbe Erde in die Luft.
Manchmal wächst die Sehnsucht nach dem Unwahrscheinlichen noch über die Mauern jener Filmstudios hinaus, aus denen die wildesten Kinogeschichten kommen. So werden Helden geboren, deren Muskeln aus Spinat bestehen, unsterbliche Hauptdarsteller wie Fred Feuerstein und Flachköppe wie Werner, die Bölkstoff in pures Gold verwandeln können.
Gleich vier Stars der virtuellen Sorte will der Münchner Filmproduzent Eberhard Junkersdorf, 55, Mitte nächsten Jahres weltweit auf Beutezug schicken. Mit einer modernen Ausgabe der Bremer Stadtmusikanten ("Die furchtlosen Vier") setzt der Trickfilm-Novize 20 Millionen Mark auf eine Sparte, in der Hollywood bislang alles abgeräumt hat, was seit Mickey Mouse laufen lernte.
Den Angriff auf die Spitze der computeranimierten Blockbuster-Stars bereitet Junkersdorf, der bisher solide Realfilmware wie »Homo Faber« oder »Die bleierne Zeit« produziert hat, in einer ehemaligen Schwabinger Modeschule generalstabsmäßig vor. Auf 800 Quadratmetern richtete der Filmemacher ein Animationsstudio ein, von dem er behauptet, es sei »eines der modernsten Europas«.
150 Grafiker, Trickfilm- und Computerspezialisten zeichnen, kolorieren, digitalisieren, animieren, teilweise im Schichtbetrieb Tag und Nacht, zwei- und dreidimensional die Geschichte von Esel, Hund, Katze und Hahn, die ausziehen, um als Pop-Stars ihr Glück zu machen.
Entworfen hat die neuen Stadtmusikanten der Spanier Carlos Grangel, der sonst für den Ex-Disney-Manager Jeffrey Katzenberg ("König der Löwen") und das »Dreamworks«-Trickstudio Figuren erfindet. Von der Bleistiftskizze bis zur Leinwand wird das Werk am Ende rund vier Jahre Produktionszeit gebraucht haben. Jede Filmsekunde benötigt 24 Zeichnungen, damit aus ein paar ruckartigen Daumenkino-Sprüngen die perfekte 80-Minuten-Illusion wird.
»Doch das Besondere«, sagt Grafikdesigner Michael Coldewey, 33, »ist der extrem hohe Anteil an 3-D-Grafiken in diesem Film.« Die Mischung von zwei- und dreidimensionalen Bildern ermöglicht es, die Technik zur Pointierung der Geschichte einzusetzen.
So sind alle Tiere traditionell gezeichnet, nur »Power-Tool«, eine Esel-Ersatzmaschine, ist vollständig am Computer kreiert, was seine Seelenlosigkeit unterstreicht. Die lauschigen Wald- und Wiesenlandschaften, durch die der Tiervierer wandert, werden handgetuscht in 35 Ebenen übereinander gelegt, um räumliche Tiefe zu erzeugen. Und Bremen, wo das Böse in Gestalt des profitsüchtigen Tierquälers Dr. Gier lauert, verwandelt sich durch Animation in einen äußerst düsteren Ort.
Für die Stimmen hat der Produzent internationale Sängerprofis engagiert. Jazz-Veteran B. B. King leiht dem altersschwachen Esel Fred seine Blues-Röhre; Jagdhund Buster jault im Ton von US-Tenor James Ingram den halben Wald zusammen, anstatt zu apportieren. Katze Gwendolyn betört ihre Kumpane mit der Stimme von Oleta Adams - und Tortellini, der eitle Gockel-Macho, krächzt mit Hilfe des italienischen Rockstars Zucchero wie ein vergrätzter Liebhaber, wenn ihn seine Henne vor die Käfigtür setzt: »Dusseliges Huhn, vier Jahre macht man sie glücklich und dann keine Dankbarkeit.«
Für dieses Projekt, das auf englisch produziert und später fürs deutsche Kino synchronisiert wird, hat sich Junkersdorf die Millionen von seiner Bank, von verschiedenen Filmförderungen und der amerikanischen Verleihfirma Warner geliehen. Der Produzent setzt auf den Sog einer internationalen Trickfilm-Begeisterung, die aus dem »König der Löwen« einen Milliarden-Dollar-Star machte und den plattdeutschen Easy-Rider-Verschnitt Werner zum erfolgreichsten Comic-Säufer Deutschlands.
Außerdem gefällt Junkersdorf das Drehbuch »ausnehmend gut": Kein Wunder, denn er hat es mit einem Freund zusammen selber geschrieben. Nun hofft er, daß sich das Publikum zum zweitenmal in die Grimmschen Musikanten verliebt.
Mit dem alten Hanseaten-Quartett haben die furchtlosen Vier nur noch die tierische Gestalt gemeinsam und das sprichwörtliche Motto: »Etwas Besseres als den Tod findest du überall.«