Dutroux-Prozess Kein Licht im Dunkel
Brüssel/Arlon - Mehr als 500 Zeugen wurden gehört, die Plädoyers sind gehalten. Lange drei Monate dauerte die Suche nach Antworten - nach Antworten auf Fragen, die den Tod von vier Mädchen vielleicht irgendwie erklären oder zumindest Licht in die Umstände der grausamen Geschehnisse bringen könnten. Doch vor allem für Dutroux' Hauptverteidiger Xavier Magnee ist die wichtigste Frage des Prozesses nicht geklärt.
In seinem eindrucksvollen Plädoyer referierte der Staranwalt am vergangenen Dienstag über die offenen Fragen und warf den Ermittlern schwere Versäumnisse bei der Aufklärung der wahren Geschehnisse vor. Immer da, wo die Spur nicht direkt zu Dutroux geführt habe, seien die Ermittlungen eingestellt worden. Und in Dutroux' Heimatstadt Charleroi habe die Polizei die Machenschaften der Mafia geduldet und teilweise selbst davon profitiert.
Magnee muss vor allem deshalb ernst genommen werden, weil sich der 68-Jährige nach dem Prozess zur Ruhe setzen wird. Das Mandat habe er nur angenommen, um der belgischen Gesellschaft einen Dienst zu erweisen. Ein Honorar nimmt er dafür nicht. Am Ende seines Plädoyers forderte er die Geschworenen auf, Dutroux nicht in allen Punkten für schuldig zu erklären, weil dann der Fall für immer zu den Akten gelegt würde. Mögliche weitere Schuldige würden dann für immer straffrei bleiben.
Für Staatsanwalt Michel Bourlet steht die volle Schuld der vier Angeklagten dagegen fest. Er forderte in seinem Plädoyer das maximale Strafmaß: Für Dutroux hieße das lebenslang, seine mitangeklagte Ex-Frau Michelle Martin und Komplize Michel Lelièvre müssten für je 30 Jahre ins Gefängnis, der zweifelhafte Geschäftsmann Michel Nihoul bekäme 20 Jahre. Besonders umstritten ist nach wie vor die Rolle Nihouls.
Der 62-Jährige ist angeklagt, an der Entführung und Freiheitsberaubung der damals 14 Jahre alten Laetitia Delhez beteiligt gewesen zu sein. Zudem gilt er als möglicher Mittelsmann zwischen der Dutroux-Bande und einem Pädophilen-Netzwerk. Dutroux hat vor Gericht ausgesagt, er habe die Mädchen im Auftrag Nihouls entführt, der diese an das Netzwerk habe weitergeben wollen.
Fraglich ist nur, warum die damals zwölfjährige Sabine Dardenne 80 Tage im Kellerverlies in Dutroux' Haus in Charleroi ausharren musste, bevor sie genauso wie Laetitia von der Polizei gerettet wurde. Wären beide Mädchen für ein Pädophilen-Netzwerk bestimmt gewesen, warum behielt sie Dutroux dann zunächst bei sich? Andererseits: Wenn der Staatsanwalt Nihoul für schuldig hält, muss dies bedeuten, dass es Abnehmer für die Mädchen gegeben hat. Anders ergibt eine Beteiligung Nihouls keinen Sinn.
Hätte, wäre, könnte - Gewissheit gibt es kaum. Klar ist, dass Dutroux und Lelièvre Sabine und Laetitia im Mai und August 1996 entführten. Das sagten beide Opfer vor Gericht aus, die Angeklagten gaben es zu. Dutroux gestand zudem, dass er die Mädchen vergewaltigt hat. Dann ist es mit der Gewissheit aber auch schon vorbei. Ungeklärt sind die Umstände, wie und von wem die Achtjährigen Julie und Melissa am 24. Juni 1995 entführt wurden.
Dutroux bestreitet eine Beteiligung. Bewiesen ist, dass Julie und Melissa in Dutroux' Kellerverlies landeten, wo sie der Hauptangeklagte nach Verbüßung einer dreimonatigen Haftstrafe im März 1996 tot aufgefunden haben will. Einigermaßen klar ist auch, dass Martin für den Tod beider Mädchen eine Verantwortung trägt, weil sie sich weigerte, sie zu versorgen, als Dutroux in Haft war.
Ungeklärt dagegen sind die Umstände der Entführung der 17-jährigen An und der 19 Jahre alten Eefje, die in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1996 in Ostende verschleppt wurden. Dutroux will daran ebenfalls nicht direkt beteiligt gewesen sein. Auch die Todesumstände beider Mädchen sind nicht geklärt. Laut Anklage wurden sie unter Drogen gesetzt und lebendig begraben. Ihre Leichen wurden wie die von Julie und Melissa nach der Festnahme Dutroux' am 13. August 1996 auf dessen Grundstück ausgegraben.
Für Magnee sind zu viele Fragen offen, als dass der Fall zu den Akten gelegt werden könnte. Er beruft sich auch darauf, dass 70 Prozent der Belgier glauben, Dutroux habe für ein Netzwerk gearbeitet. Kommende Woche haben die Prozessbeteiligten einschließlich der Angeklagten Gelegenheit, zu den Plädoyers Stellung zu nehmen. Dann ziehen sich die Geschworenen zurück. Dass Dutroux verurteilt wird, steht wohl außer Frage. Offen ist aber, in welchen Punkten. Und schon ein kleiner Freispruch würde in Belgien ein Erdbeben auslösen.
Alexander Ratz, AP