Eberswalde: Perverse Symmetrie des Verbrechens - DER SPIEGEL
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Eberswalde Perverse Symmetrie des Verbrechens

Ist das Verbrechen an Ulrike eine Neuinszenierung selbst erlittener Gewalt? Fest steht jedenfalls: Der Tatverlauf weist erschreckende Parallelen mit der Vita des mutmaßlichen Mörders Stefan Jahn auf. Die Biografie des 25-Jährigen ist eine Kette aus Erniedrigungen, Hass und Gewalt.
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Ein nassgrauer Donnerstag ist dieser 22. Februar. Dichte Regenwolken hüllen ganz Brandenburg in eine frostige Decke aus feuchter Kälte. Ein Wintermorgen, an dem das Aufstehen schwer fällt und man sich überwinden muss, vor die Tür zu gehen. Der junge Mann mit dem Igelschnitt, der in der Früh seine verwahrloste Einraumwohnung im Tiefparterre des Plattenbaus Georgi-Dobrowolski-Straße in Fürstenwalde verlässt, trägt ein rotes T-Shirt, Jeans und abgewetzte graublaue Sportschuhe. Auf den Fingerknöcheln seiner linken Hand ist das Wort "Hass" eintätowiert. Irgendetwas treibt den arbeitslosen Stefan Jahn, 25, an diesem Morgen hinaus. Ein unbestimmter, machtvoller Drang, der ihn wohl zum Mörder werden lässt, bevor es dunkel wird ­ an der zwölfjährigen Ulrike Brandt. Noch am Abend wird das schneebedeckte Fahrrad Ulrikes gefunden, das in den kommenden fünf Wochen zum Symbol einer kollektiven Ohmacht wird. Die gewaltigen Anstrengungen des Staatsapparats, der mit bis zu 5500 Polizeibeamten wieder und wieder neue Suchaktionen startet, binden die Republik über die allabendlichen Fernsehnachrichten in das Drama ein ­ vom Auffinden Ulrikes bis zur Verhaftung des mutmaßlichen Mörders in Fürstenwalde am vergangenen Mittwoch. Vita aus Erniedrigung, Hass und Gewalt Es scheint, als habe Jahn mit der Tat seine eigene kaputte Biografie nachvollziehen wollen. In perverser Symmetrie spiegeln Verbrechenshergang und Stationen des Martyriums von Ulrike, wie sie die Polizei inzwischen nachgezeichnet hat, den Lebensweg des mutmaßlichen Täters wider. Als habe Jahn seine verkorkste Vita aus Erniedrigung, Hass und Gewalt innerhalb weniger Stunden noch einmal gelebt ­ im Zeitraffer eben. Am 17. Dezember 1975 kommt Stefan in Strausberg zur Welt ­ ein ungewolltes, blasses Baby, mit dem von der ersten Lebensminute an niemand etwas Rechtes anfangen kann. Die Mutter ist kränklich und überfordert, der Vater unbekannt. An seinen Geburtsort kehrt Jahn gut 25 Jahre später am Morgen des 22. Februar zurück. Eine Stunde und 46 Minuten dauert die Bahnfahrt von Fürstenwalde nach Strausberg-Vorstadt ­ Zeit genug für eine Entscheidung. Auf dem Parkplatz, einer Betonfläche zwischen Plattenbau und S-Bahn-Station, entdeckt der junge Mann einen VW-Polo, Baujahr 1990. Schloss und Zündung sind für Jahn kein Problem, schon Dutzende Autos hat er bereits geknackt. Als er den Wagen auf der Landstraße Richtung Norden steuert, ist die erste Hemmschwelle längst überwunden, Jahn bewegt sich auf bekanntem Terrain. Eberswalde, die nächste Station im Ablauf des Verbrechens, kennt Jahn aus seiner Zeit im Kinderheim "Lilo Hermann". 1989 zog er für drei Jahre dort ein ­ weg vom prügelnden Stiefvater. Die Mutter war schon tot. Zeugen erinnern sich später an Kinderschreie Nur wenige Kilometer vom einstigen Ersatz-Zuhause liegt Eberswalde-Finow. Am 22. Februar gegen 15.30 Uhr erreicht Jahn den Ort und biegt in den einsamen Waldweg an der Landesstraße 293 ein. In Höhe des Friedhofs sieht er Ulrike. Sie radelt in Richtung Sporthalle. Angeblich unbeabsichtigt, so wird Jahn später aussagen, rammt er das Mountainbike an der linken Seite. Vor Schmerz und Angst muss die Schülerin geweint und gerufen haben. Zeugen erinnern sich später an Kinderschreie aus dem Wald. Der liegt auf dem Weg Richtung Werneuchen, wohin Jahn den weißen Polo nun steuert ­ Ulrike in seiner Gewalt. Auch in Werneuchen war Jahn einst zu Hause, damals noch bei der Mutter und ihrem neuen Mann. Im Herbst 1981 kommt er dort in die erste Klasse der Polytechnischen Oberschule "Jurij Gagarin". Stefan bleibt bereits in der ersten Klasse sitzen und erscheint, wie sich seine Klassenlehrerin Inge Rohde heute erinnert, "oft grün und blau geschlagen" zum Unterricht. Stefan beginnt zu stehlen. Zunächst sind es Kleinigkeiten wie Bleistifte und Radiergummis seiner Mitschüler. Als die Lehrerin die Eltern informiert, bekommt der Sohn noch mehr Prügel. Irgendwann entschließt sich Rohde, zu schweigen. Doch der Sportlehrer wird angewiesen, beim Duschen auf Gewaltspuren an Stefans Körper zu achten. Als Ort für die Misshandlung und Ermordung von Ulrike Brandt hat sich Stefan Jahn eine einsame Stelle im Wald bei Werneuchen ausgesucht, wenige hundert Meter von seinem früheren Elternhaus entfernt. "Noch zu Lebzeiten", so ergibt die Obduktion, sei Ulrike mehrfach vergewaltigt worden. An ihrem Körper finden sich schwere Verletzungen, die von einer Bierflasche herrühren, an der später eine Fingerdruckspur des Täters sichergestellt werden kann. "Neuinszenierungen selbst erlittener Gewalt" Taten wie das Verbrechen an Ulrike, meint der Berliner Psychologe Michael Brand, seien oftmals "Neuinszenierungen selbst erlittener Gewalt", wobei die Tat häufig jenen Übergriffen "erstaunlich genau" gleiche, die "persönlich erduldet" werden mussten. Insofern liege die Vermutung nahe, dass Jahn im Kindesalter nicht nur Gewalt schlechthin, sondern auch sexuelle Gewalt angetan worden sein könnte. Die Erlebnisse in frühester Kindheit hätten ihn wohl zu einer "dermaßen unreifen Persönlichkeit" werden lassen, die schließlich "mit dem Ansturm innerer Verwerfungen" nicht mehr fertig wurde. Zwischen den einzelnen "Tathandlungen", wie es im Juristendeutsch heißt, soll Jahn den Missbrauch Ulrikes unterbrochen und ihre Wunden mit Hilfe des Verbandskastens aus dem Polo versorgt haben. Danach habe er die Vergewaltigung fortgesetzt und Ulrike schließlich mit einer Mullbinde zu Tode gewürgt. An genau der Stelle, wo er früher als Kind gespielt und mit einem Schulfreund Hütten gebaut hat, zerrt Jahn Ulrikes Leichnam ins Unterholz und bedeckt ihn mit Laub und Zweigen. Dann startet Jahn den Polo. Die Bierflasche, den Verbandskasten und sein rotes T-Shirt lässt er zurück. Den Tatort in Werneuchen lässt der Mörder voller Spuren zurück Ein "mehr oder minder ausgeprägtes Strafbedürfnis", urteilt Brand, kennzeichne häufig das Verhalten der zu Gewalttaten neigenden Sexualstraftäter. Sie hätten die Neigung, sich im Nachhinein "autodestruktiv" zu verhalten und Spuren zu hinterlassen, um irgendwann gefasst zu werden. Auch den Tatort in Werneuchen lässt der Mörder voller Spuren zurück und bricht auf zur letzten Station des Verbrechens: nach Bernau. Den Ort vor den Toren Berlins kennt Jahn ebenfalls genau. In der dortigen Einrichtung für "geschütztes Wohnen" in der Tuchmacherstraße hat er mit 16 ­ im Anschluss an seinen Eberswalder Heimaufenthalt ­ "ein kurzes Gastspiel" gegeben, wie seine frühere Erzieherin sagt. Sie spricht von den zwei Gesichtern des Stefan Jahn: Der "liebe, nette Kerl", für den ihn anfangs viele gehalten hätten, sei er stets "nur nach außen hin" gewesen. "Drehte man sich um, kam sein anderes Ich zum Vorschein: ausgebufft, clever und verschlagen." Diese Eigenschaften brachten den Teenager Ende 1992 erstmals in Kontakt mit der Justiz: Gegen ihn wurde wegen Autodiebstahls und Fahrens ohne Führerschein ermittelt. Später wurde er mehrfach zu Haftstrafen verurteilt. Zum Zeitpunkt des Mordes an Ulrike stand er unter Bewährung. In Bernau, der letzten Station seines Verbrechens, gießt Jahn am 22. Februar gegen 20 Uhr den Benzinkanister des gestohlenen Polo aus. Der Wagen geht in Flammen auf. Im Fond verkohlen Ulrikes Sporttasche und ihre Haarspange: eine rosa Blume mit Glitzerstein. Jahn nimmt einen Spätzug nach Fürstenwalde. Eine Fahrt durch dunkle Einöde, mit Umsteigen in Berlin-Lichtenberg und -Ostbahnhof. Hier verliert sich zunächst seine Spur. In den nächsten Wochen sehen ihn die Freunde nur selten. Von einem Anatomiebuch über Schwangerschaft ist die Rede Nach der Verhaftung am vergangenen Mittwoch mischen sich in Fürstenwalde Fakten und Gerüchte über Stefan Jahn wie unterschiedliche Währungen in einem Klingelbeutel: Jeder wirft etwas hinein. Aus der Haft, wollen Bekannte wissen, habe Jahn früher immer wieder Briefkontakt zu Mädchen aufgenommen und sich dabei als 13-Jähriger ausgegeben. Von einem Anatomiebuch über Schwangerschaft ist die Rede, das Jahn ständig "zum Aufgeilen" mit sich herumgetragen hätte. Fest steht, dass Jahn zeitweilig die Nähe zur rechten Szene suchte. Die harten Jungs in den schwarz-weißen Baseballjacken mit der Aufschrift "National White Hope" schienen ihm zu imponieren. Mit "Borstel", einem von ihnen, verband Jahn eine Art Freundschaft. Vorvergangene Woche haben sich die beiden noch einmal getroffen. Stefan Jahn hatte es eilig und seinen Rucksack schon gepackt. Er erzählte, dass er eine Lehrstelle und eine Wohnung in Frankfurt am Main gefunden habe. Was Jahn verschwieg, war ein bevorstehender Termin bei der Fürstenwalder Polizei. Für vergangenen Dienstag war er wegen einer angeblichen "Kfz-Sache" aufs Revier bestellt worden und hatte sich freiwillig Fingerabdrücke und eine Speichelprobe abnehmen lassen. Dabei habe er "keine Miene verzogen", so ein Ermittler. "Der war eiskalt." Fingerabdrücke passen exakt zu den Spuren an der Bierflasche Tags darauf wird Stefan Jahn schließlich bei einer Bekannten festgenommen. Es gehe um die Autosache, sagen die Polizisten. Jahn muss seine Turnschuhe ausziehen und lässt sich widerstandslos abführen. Seine Fingerabdrücke passen exakt zu den Spuren an der Bierflasche, das Sohlenprofil der Sportschuhe zu am Tatort sichergestellten Fußabdrücken. Er gesteht noch in der Nacht. Psychologe Brand geht davon aus, der Ablauf der Tat und die Wahl der Orte, die ausnahmslos in engem Zusammenhang mit dem Leidensweg seiner Kindheit und Jugend stehen, seien wohl "kein Zufall". Hinter dem "diffusen Druck", der Jahn am 22. Februar zu Tagesbeginn aus der Enge und Verwahrlosung seiner Unterkunft getrieben habe, könne sich "auch unbewusst" der Plan für "ein finales Vorhaben" verborgen haben, um die Bahnen seines bisherigen Lebens zu verlassen. Gleichzeitig habe er wohl auch "wenigstens einmal im Leben ganz im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit" stehen wollen. Das zumindest ist ihm gelungen. THOMAS HEISE, IRINA REPKE, SVEN RÖBEL