Ehedrama bei Beckers: "Ich will dich fertig machen" - DER SPIEGEL
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Ehedrama bei Beckers "Ich will dich fertig machen"

Nächste Stufe im Rosenkrieg: Kräche wie im Heftchenroman und ruppige Auseinandersetzungen lassen jede Versöhnung der Beckers unmöglich erscheinen. "Endlich ist es ausgesprochen, jetzt sind wir Gegner", sagt Boris.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Reiche Leute, das ist durchaus tröstlich, streiten sich nicht anders als weniger reiche Leute. Sie streiten vielleicht ein wenig pompöser, exaltierter auch, aber am Ende geht es doch darum, dass die Gattin reden und gemeinsam essen möchte ­ und der Ehemann will sein Bier trinken und dabei seinem Lieblingsverein zugucken. Es war nicht mehr wie früher bei den Beckers, das spürten beide, das spürten auch ihre Freunde seit Wochen schon. Nun aber wurde Boris 33, und deshalb sagte Barbara Becker an jenem 22. November: "Lass es uns doch wieder machen wie früher. Ich organisiere eine Party für dich." Er sei nicht da, antwortete Boris, denn er gehe mit seinen Freunden zum Fußball, zum FC Bayern. Da saß er dann auf der Ehrentribüne, sah bei acht Grad Celsius zusammen mit 18 000 Zuschauern ein atemberaubend lausiges 1:0 gegen Olympique Lyon ­ und daheim in Bogenhausen sah Barbara, wie Günther Jauch ihrem Boris im RTL-Studio ein Törtchen zum Geburtstag überreichte. Er ging aus der Tür - und kam nicht mehr zurück Am nächsten Tag saß das Paar wieder gemeinsam im Wohnzimmer. Es könne so nicht weitergehen, das sagten beide. Es müsse etwas passieren. Sie sahen sich an, beide ziemlich traurig. Was dann passierte, darüber gibt es zwei Versionen. Boris Becker stand auf, ging aus der Tür und kam, so erzählen es Barbaras Freunde, nicht mehr zurück ­ obwohl sie eine Woche lang wartete. Boris sei halt ein Egozentriker, der keine Beziehung von Gleich zu Gleich führen könne, sagen diese Menschen in München; er sei der Meinung, sie könne froh sein, mit Boris Becker verheiratet zu sein; deshalb habe er sie nun, nach sieben gemeinsamen Jahren, ähnlich kühl entlassen wie einstmals seine Trainer. In Boris Beckers Umfeld stellt sich das anders dar: Danach hat Boris nur vorgeschlagen, eine Pause zu machen und für eine Weile, "bis Weihnachten", getrennte Wege zu gehen, dann gemeinsam auf Fisher Island an der Ostküste Floridas zu feiern, drei Wochen Familienferien anzuhängen und schließlich eine Entscheidung zu treffen. Ehekrieg bei Beckers? Bei dem Musterbeispiel schlechthin für die angebliche Rückkehr der Zweisamkeit in die Ego-Gesellschaft? "Seit geraumer Zeit haben wir feststellen müssen, dass unsere Auffassungen über die Prioritäten unserer Beziehung zu unterschiedlich sind", ließ er so nüchtern verkünden, als löste er einen Dienstvertrag auf. Da scheint es nur logisch, dass jetzt nicht mehr Barbara und Boris Becker über die getrennte Zukunft entscheiden, sondern Juristen. Strittig ist, nach welchem Recht die Trennung besiegelt wird ­ nach amerikanischem, wie Barbara Becker will, oder nach deutschem, was Boris mit aller Entschiedenheit verlangt. Am Dienstag vergangener Woche erreichte beide Parteien die Nachricht, dass die erste Anhörung vor dem Gericht in Miami auf den 8. Januar festgesetzt wurde; die Zerstrittenen sollen persönlich erscheinen. Es geht schließlich um rund 120 Millionen Mark Zugewinn, Unterhaltsregelungen ­ und vor allem geht es um das Sorgerecht für die Kinder Noah Gabriel, 6, und Elias Balthasar, 1. Jeder Tag ein "Kompromiss" Der Fall Becker gegen Becker ist damit eine jener binationalen Ehen, deren Ende sogar zum Politikum werden kann. So wurde der letzte Staatsbesuch von Bill Clinton bei Gerhard Schröder überschattet vom Streit über die unterschiedlichen juristischen Folgen fehlgeschlagener Ehen zwischen Deutschen und Amerikanern. Im vergangenen Jahr war das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht in 256 Fällen mit den Spätschäden solcher transatlantischen Lebensgemeinschaften befasst. Bei Trennungen ist selten die eine gut und der andere böse, und genauso selten ist es umgekehrt. Bei den Beckers, das erzählen jene, die mit beiden befreundet sind, gab es von Anfang an reichlich Reibung, weil sie, das Partygirl aus zerrütteter Familie, und er, der eher konservative Leimener, ziemlich verschieden waren. Jeder Tag sei "ein Kompromiss gewesen, aber ein guter Kompromiss", hat Boris in guten Zeiten mal gesagt. Doch 1997, nach seiner ersten Rücktrittserklärung in Wimbledon, wuchsen die Probleme. Die künftige Rollenverteilung war unklar. Barbara wollte selbständig werden, und Boris soll ihr gesagt haben: "Du bist jung, du bist reich, du bist hübsch, du kannst singen, du kannst schauspielern, mach, was du willst, ich zahle." Er zahlte mehrere hunderttausend Mark für ein Tonstudio, einiges mehr für viele neue Kleider, und vor allem zahlte er vom ersten Tag an Monat für Monat über 20 000 Mark auf ihr Konto ein. Barbara aber klagte darüber, "dass im Vordergrund immer Boris herumschwimmt"; und er wollte nicht aufhören zu arbeiten, "weil irgendwer ja das Geld verdienen muss, das sie ausgibt" ­ so jedenfalls zitiert einer aus Beckers Umfeld den Chef. Es muss zugegangen sein wie in vielen deutschen Ehen: "Du bist nie bei den Kindern!" ­ "Woher weißt du das, du bist ja selber nie da!" Zwei Jahre lang gab es "Geschrei und Gezerre", in Anwesenheit der Kinder. Klar, dass es in München nun reichlich Tratsch gibt über seine angeblichen Ausflüge im Kreis einiger Bayern-Profis und über ihre Feten in der Nobeldisco "P 1". "Es gibt keine neuen Partner", hat Boris gesagt. Das ist wohl richtig. Aber gibt es Partnerinnen? Bei ihm? Bei ihr? Dass beide dazu schweigen, ist das Einzige, was ihnen in dieser trüben Affäre bislang gelungen ist. Was sein Umfeld noch immer ratlos macht, ist diese Eskalation der letzten Wochen. Am 30. November wollten die Beckers noch einmal reden, doch Boris wartete fünf Stunden lang. Erst am Abend dieses Donnerstags erschien sie und sagte, dass sie am nächsten Tag nach Miami fliege, "um die Kinder vor dem Blitzlichtgewitter zu schützen". Eine Woche auf Fisher Island, dem Feriendomizil der Beckers, sei geplant. Boris staunte, dass der Tross, Leibwächter und Betreuer, dabei war ­ aber was dann kam, ahnte er noch nicht. "Noah will nicht mit dir reden" Denn es folgen Tage, in denen Boris in Florida anruft und nicht zu seinem Ältesten durchdringt: "Noah hat keine Lust", "Noah hat keine Zeit", "Noah will nicht mit dir reden." Das richtet Barbara aus. Und der Leibwächter erzählt dem Vater am Telefon: "Wir schulen Noah hier ein." Das ist die Eröffnung des Rosenkriegs. Im Ehevertrag, 1993 in München unterschrieben, hatten die Beckers vereinbart, dass beide im Fall einer Trennung gemeinsam das Sorgerecht über künftige Kinder haben sollten; dass sie gemeinsam den Aufenthaltsort der Kinder bestimmen würden; dass Barbara exakt sieben Millionen Mark bekommen soll. Barbara will den Vertrag für ungültig erklären lassen, und ihr Schachzug ist der Umzug. Früher hatte sie mal die amerikanische Staatsbürgerschaft, dann wurde sie Deutsche, doch am 29. Juni stellte sie den Antrag auf Erneuerung ihres US-Passes ­ und der soll ihr nun Geld und Kinder sichern. Der Kampf ums Kind hat das Klima der deutsch-amerikanischen Beziehungen nachhaltig gestört. Beim Clinton-Besuch galten 33 Fälle so genannter Kindesentführung als ungeklärt. Deutsche Behörden, so die Kritik aus den USA, würden zu selten verschleppte Kinder an den amerikanischen Elternteil zurückgeben. Es gibt aber auch den umgekehrten Weg: Im September schaltete die Popsängerin Nina Hagen Behörden ein. Ihr ehemaliger Lebensabschnittsbegleiter Franck Chevalier hatte den gemeinsamen Sohn Otis in Los Angeles zurückgehalten. Streit um den Nachwuchs gibt es häufig, wenn beide Partner das Sorgerecht ausüben. Macht sich ein Elternteil ohne Zustimmung des anderen in die USA davon, so die auf internationales Familienrecht spezialisierte Berliner Anwältin Kerstin Niethammer-Jürgens, "haben wir den klassischen Fall der Kindesentziehung" ­ nach dem Haager Abkommen müssen die Kinder umgehend dorthin zurück, wo sie vorher gelebt haben, ehe über das Sorgerecht entschieden wird. Der Fall Becker passt in dieses Raster. Der Vater müsste erstens beweisen, dass nur ein vorübergehender Aufenthalt seiner Familie in den Staaten geplant war; und zweitens, dass München und nicht Florida ­ wie Barbara in ihrer Klageschrift sagt ­ der Lebensmittelpunkt der Familie in den letzten fünf Jahren gewesen ist. Gelingt das, könnte Boris Becker mit großen Erfolgsaussichten einen "Rückführungsantrag" bei der Zentralen Behörde beim Generalbundesanwalt stellen. Die Ergebnisse der nach dem Clinton-Besuch eingesetzten Arbeitsgruppe würden dann zu einer raschen Klärung beitragen. Und Barbara Becker müsste ob ihrer Kurzschlusshandlung womöglich gar mit einer Strafanzeige wegen Betrugs rechnen. Denn Noah Gabriel geht ja seit fast drei Jahren in München in die Vor- beziehungsweise Grundschule, und das bedeutet, dass er mindestens zehn Monate pro Jahr in der Stadt ist; Boris Beckers Firma BBM logiert in Unterföhring bei München, und der Chef ist ziemlich oft anwesend; Barbara hat am 25. Oktober die letzte Steuererklärung der Beckers gegengezeichnet und als ihren Hauptwohnsitz "München, Lamontstraße" angegeben. Hat er sich von Anfang an getäuscht? Nun aber, so viel ist sicher, wohnt sie auf Fisher Island, und dort will sie bleiben ­ und ihre amerikanische Freundin Kim, noch die Ehefrau des einstigen Tennisprofis Carl-Uwe Steeb, ist stets an ihrer Seite. Boris rätsele inzwischen, sagt ein Vertrauter, ob er sich von Anfang an in seiner Frau getäuscht habe. Oder handelt es sich nur um die verspätete Gegenwehr einer Frau, die sieben Jahre in einer Beziehung lebte, die einseitig hierarchisch begriffen wurde, einer Beziehung, die als weltläufig beschrieben, aber kleinbürgerlich gelebt wurde? Drei Minuten darf Boris von München aus mit seinem Sohn telefonieren, dann sagt die Mutter: "Das langt jetzt." Beim nächsten Mal sagt sie: "Noah schläft schon." Da ist es 18 Uhr. Am Sonntag, dem 10. Dezember, fliegt er nach Miami. Die Wohnung, so einer seiner Vertrauten, ist leer und aufgeräumt, doch er findet seine Familie im Haus eines Freundes. "Was wollen Sie hier?", fragt der Sicherheitsbeamte an der Tür. "Meine Kinder sehen", sagt der dreimalige Wimbledonsieger. Aber Noah ist in seiner neuen Schule, es ist der erste Schultag. Danach geht es zu wie im Scheidungsdrama "Kramer gegen Kramer". Becker geht ins Café, und ein Auto folgt ihm ­ heraus springt ein Mann mit einem Papier, das er dem Deutschen in die Hand drückt. "Becker gegen Becker" liest der ­ und dass niemand die Kinder aus Florida entfernen dürfe. Er fragt: "Was soll das?" "Zitieren Sie mich nicht", sagt der Anwalt, "aber das ist der erste Schritt zur Scheidung auf amerikanischem Boden." Kräche wie im Heftchenroman Die Beckers essen zusammen und reden: "Barbara, ich kriege auch gute Anwälte, und dann gewinnt das hier keiner, und die Kinder verlieren am meisten", sagt er. Sie antwortet, ihr Wohnsitz sei Florida. "Barbara, das ist ja noch nicht mal mehr absurd", sagt er. Am Dienstag das Gleiche von vorn: "Zieh diese Klage zurück." ­ "Nie im Leben." Es ist eine groteske Szene in Florida, die sie Vertrauten gegenüber beschreiben: "Ich will dich fertig machen", soll Barbara gesagt haben. Zuerst hätte er ungläubig geguckt, und dann hätten beide gelacht. "Endlich ist es ausgesprochen", habe Boris gesagt, "jetzt sind wir Gegner." Es folgen Kräche wie im Heftchenroman: "Räum endlich deine Sachen aus meinem Schlafzimmer." ­ "Dein Schlafzimmer?" ­ "Oder ich werfe sie aus dem Fenster." Er hat eine Kaffeetasse in der Hand, als sie auf ihn losgeht; Noah ist dabei. Und als er später zu seinen Anwälten kommt, fragen die: "Herr Becker, Schlägerei gehabt?" Dann raten sie ihm, aus Amerika zu verschwinden, damit Ruhe einkehre und vor allem keine weiteren Verfügungen zugestellt werden können. Über Nacht und nur mit seinem Pass in der Hand flieht der Multimillionär aus den Vereinigten Staaten. "Misstrauisch" und "konsterniert" wie noch nie erleben ihn Freunde danach, alles stelle er in Frage. Denn dass Barbara Becker vor einem US-Gericht das alleinige Sorgerecht beantragt hat, bevor die Frage des ersten Wohnsitzes geklärt ist, hat ihr einige juristische Vorteile verschafft. US-Gerichte erklären sich in solchen Fällen schnell für zuständig, und sie entscheiden meist zu Gunsten der Antragsteller ­ besonders dann, wenn die amerikanische Staatsbürger sind. Für Mütter ist es darum in Amerika bedeutend einfacher, das alleinige Sorgerecht zu erhalten. Sollte sie damit durchkommen, darf Barbara ganz allein über alle Belange der beiden Kinder entscheiden. Boris Becker würden die Richter allenfalls ein eingeschränktes Besuchsrecht zugestehen. Und noch ein Vorteil liegt auf der Hand: Amerikanische Gerichte, das zeigt vor allem die Praxis in Florida, nehmen den in Eheverträgen festgesetzten Betrag meist nur als Richtwert. Entscheidend ist, ob der vereinbarte Betrag erheblich unter dem tatsächlichen Zugewinn liegt und die amerikanische Bürgerin Barbara Becker dadurch benachteiligt wird. Ist dies der Fall, erklären die Richter den Vertrag für rechtsunwirksam, legen die Abfindungssumme frei fest ­ maximal bis zur Hälfte des Zugewinns. Es geht um viel Geld, denn Boris Becker gehört ganz sicher zu den Topverdienern des Sports. Schon 1993, bei der Heirat, hatte Becker ein Vermögen von rund 80 Millionen Mark. "Selbst wenn ich wollte", staunte damals Barbara, "sein ganzes Geld könnte ich gar nicht ausgeben." Während der Ehe flossen weitere 170 Millionen Mark in die nun gemeinsame Kasse. Beckers Vermögen beziffern Insider inzwischen auf 200 Millionen Mark. Ist da ein Rosenkrieg vernünftig? Aber mit Vernunft ist ja auch selten zu begreifen, was weniger reiche Menschen anstellen, wenn sie sich trennen. KLAUS BRINKBÄUMER, UDO LUDWIG, HEINER SCHIMMÖLLER