Ehemaligentreffen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 34 / 103

Gesellschaft Ehemaligentreffen

Ortstermin: Der Konvent für Deutschland hält Ausschau nach dem deutschen Ruck.
• aus DER SPIEGEL 19/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf dem Podium nimmt die Reformelite der Bundesrepublik Platz, und sofort fallen zwei Dinge auf: Die Reform ist in Deutschland noch immer männlich, und sie trägt gern Elefantenkrawatten. Elefanten stehen auf der Roten Liste.

Zwischen den Herren steht eine Frau. Sie heißt Jane und hat eine Frisur wie Rapunzel. Sie darf den Herren das Wort erteilen und sich anschließend für die Worte bedanken.

Es ist Mittwochvormittag, im Erdgeschoss der Bundespressekonferenz möchte der »Konvent für Deutschland« sein neuestes Buch vorstellen. Hinter Jane Uhlig und den sechs Herren hängt ein Plakat. Mut zum Handeln. Wie Deutschland wieder reformfähig wird.

»Ich übergebe das Wort an Bundespräsident a. D. Professor Dr. Roman Herzog«, sagt Uhlig. Herzog ist der einzige Deutsche, der mit hängenden Mundwinkeln lächeln kann. Und er hat vor elf Jahren mal eine Rede gehalten, deren wichtigste Botschaft war, dass ein Ruck durch Deutschland gehen müsse. Das kam gut an damals, die Hoffnung auf den Ruck wurde für Rechte so wichtig wie früher mal die Revolution für Linke. Seitdem ist Herzog im Ruck-Business, liefert immer wieder Cover-Versionen seines One-Hit-Wonders, mal in Leipzig auf dem Ruck-Parteitag der CDU, mal in Buchform ("Wie der Ruck gelingt") oder nun für den Konvent. Ziel des Vereins ist es, die Reformdiskussion in Deutschland zu »stimulieren«.

Es sind keine leichten Zeiten für Reformer. Viele sind nicht übrig geblieben. Als Erstes ist ihnen Angela Merkel, die Mutige von Leipzig, abhandengekommen. Das Reformtempo im Land wird jetzt von Kurt Beck und Jürgen Rüttgers bestimmt. Da kommt jeder mit, aber keiner voran.

Die Buchpräsentation wirkt wie ein Ehemaligentreffen. So wie die Weltmeister von '54 sich immer wieder trafen, um des Sieges über Ungarn zu gedenken, trifft sich der Konvent und gedenkt der Agenda 2010. Des Sieges über die Müdigkeit.

Für eine Stunde werden die Gäste zurück ins Reformzeitalter geführt. Sie hören noch einmal Herzogs weinerlichen Singsang, das dynamische Knarzen des Wolfgang Clement. Sie sehen in das rote Gesicht von Hans-Olaf Henkel, der zur deutschen Reformbewegung gehört wie Roberto Blanco zum deutschen Davis-Cup-Team.

Sie alle möchten, dass ein zweites Reformzeitalter beginnt. Und deshalb liest Herzog aus seinem Vorwort zum Buch. »Dass unser Land Veränderungen braucht, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, um nicht zu sagen: eine Banalität. Jedes Land braucht immer Reformen, denn die Verhältnisse wandeln sich laufend und produzieren ständig neue Herausforderungen.« Es ist mutig, Banalitäten ins Vorwort zu schreiben.

Der Konvent ist ein Vorbild an Tüchtigkeit. Er ist eine Werkstatt, in der rund um die Uhr Reformgeist und Reformfloskeln produziert werden, die in Talkshows, Büchern und Pressekonferenzen ans Volk weitergegeben werden. Der Konvent für Deutschland ist der Lidl unter den deutschen Denkfabriken.

Das Buch, das vorgestellt wird, ist am besten dadurch beschrieben, dass keiner der sechs Herren es ganz gelesen haben will. 624 Seiten voll mit Interviews. Interviewt wurden die Mitglieder und die Sponsoren des Konvents, die Bosse der großen deutschen Konzerne. Sie finanzieren den Verein.

Den Inhalt des Interviewbuchs kann man in wenigen Sätzen zusammenfassen. Mit dem Sicherheitsdenken muss Schluss sein. Wir müssen uns mehr anstrengen, wenn wir morgen noch mithalten wollen. Die Steuern und die Lohnnebenkosten und die Bürokratie, das alles muss jetzt endlich mal signifikant sinken. Oder ganz weg.

Jane Uhlig gibt das Wort an Jürgen Großmann, den Chef von RWE, einen alten Freund von Gerhard Schröder. »Lohnt sich Mut überhaupt?«, fragt Großmann. Er selbst hat schon am frühen Morgen Mut bewiesen und sich für eine Elefantenkrawatte entschieden. Sein Nachbar Henkel trägt sogar Elefanten mit asiatischem Schmuck auf der Krawatte, was ein versteckter Hinweis auf die Bedrohung aus Fernost sein könnte. »Wir fordern Mut in einer Gesellschaft, die Mut überhaupt nicht belohnt«, beantwortet Großmann seine eigene Frage.

Frau Uhlig bedankt sich und erteilt Wolfgang Clement das Wort. Es sei eine schwere Niederlage, sagt Clement, dass das Wunderwort Reform inzwischen ein Schimpfwort geworden sei. Clement ist der Mann, der Hartz IV eingeführt hat. Jetzt klingt er ähnlich beleidigt wie viele ALG-II-Bezieher.

Am Ende stehen Hostessen mit Pro-secco am Ausgang, und eine Vermutung bleibt zurück im Raum. Vielleicht sind, in Deutschland, das größte Problem der Reformbewegung die Protagonisten der Reformbewegung.

Vielleicht würde es helfen, wenn die Reform ein anderes Gesicht hätte als das von Hans-Olaf Henkel oder Roman Herzog. Vielleicht würde es helfen, wenn die Vorschläge nicht von Leuten kämen, denen nichts mehr passieren kann, die aus dem Gröbsten raus sind. Vielleicht würde es helfen, wenn Reformkämpfer Leute wären, denen die Folgen ihrer Reformen noch ein Leben lang zu schaffen machen.

MARKUS FELDENKIRCHEN

Zur Ausgabe
Artikel 34 / 103

Mehr lesen über