Eilenburg: Angst vor der nächsten Flut - DER SPIEGEL
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Eilenburg Angst vor der nächsten Flut

Viele der 10.000 Evakuierten aus der Kleinstadt Eilenburg haben unruhige Stunden in Schulen und Turnhallen verbracht. Ein Ende der Ausnahmesituation ist für die Bewohner nicht in Sicht, denn trotz sinkender Pegel der Mulde wollen die Behörden keine Entwarnung geben.
Von Rüdiger Strauch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eilenburg - Den Rücken aufrecht, den Blick aufs rettende Ufer gerichtet und in der Rechten die Hundeleine haltend watet der ergraute Herr die letzten Meter über die Brücke. Mitarbeiter der örtlichen Feuerwehr springen ihm in Gummistiefel entgegen, eine Schlauchboot-Besatzung kämpft sich in seine Richtung. Wieso eigentlich der Aufwand? Er, Georg Vogt, schafft das schon alleine. Die Hilfe gleich mehrerer junger Männer braucht er jetzt nicht mehr.

69 Jahre ist Vogt alt. Wie er so durch die Fluten der Mulde stapft, bekleidet mit kurzer Hose und einem nassen Hemd, das über dem Bauch spannt, wirkt er überaus trotzig. "Hätte man mich gelassen, wäre ich in meinem Haus geblieben", sagt Vogt ein wenig erbost. Wer soll sich denn jetzt um die Katzen kümmern? Vorsichtshalber haben Vogt und Ehefrau Hildegard noch Futter im ersten Stock verstreut, bevor die Anweisung kam, die überflutete Innenstadt von Eilenburg im sächsischen Hochwassergebiet nun aber schleunigst zu verlassen.

Eine Nacht hat das Ehepaar im Obergeschoss seines Hauses verbracht, während das Wasser in der Küche so hoch stieg, dass der Herd nur noch zu erahnen war. Schlafen konnten beide nicht. Die Hubschrauber, mit deren Hilfe nebenan Menschen von den Dächern gerettet werden mussten, lärmten ohrenbetäubend.

An Schlaf war auch in der Friedrich-Tschanter-Mittelschule nicht zu denken. Sie steht im Eilenburger Ortsteil Berg, der als einziger vom Jahrhundert-Hochwasser der Mulde verschont blieb, und erinnert seit Dienstagnacht an ein Feldlazarett. Etwa 300 Flutopfer, die nur das aus ihren Wohnungen retteten, was sie tragen konnten, haben hier Zuflucht gefunden und werden mit dem Nötigsten versorgt. Ingesamt sind so rund 10.000 Menschen untergebracht, verteilt auf die Schulen der Nachbarorte. "Versuchen Sie mal zu schlafen, wenn um Sie herum zehn erschöpfte Leute schnarchen", klagt ein entnervter Rentner über das Jugendherbergen-Ambiente. Andere beschweren sich über das schlechte Krisenmanagement. Weil die Essensversorgung per Helikopter nur holprig anläuft, bleibt mancher Magen leer.

Die Flut ist für die Kinder ein Spaß

Lockerer nehmen es da schon die Kinder. Für sie sind die Tage im Katastrophengebiet ein einziger Abenteuerurlaub. Nie zuvor haben sie in Eilenburg so viele Wagen mit Blaulicht an einem Ort gesehen. THW, Feuerwehr, Bundesgrenzschutz, Rotes Kreuz, Polizei - ganze Straßenzüge sind vollständig zugeparkt. Es herrscht Belagerungszustand. An jeder Ecke Absperrungen und Autokontrollen. Und über allem liegt das monotone Surren der Notstromaggregate, die dafür sorgen, dass wenigstens die Schulen, das Krankenhaus und die Kirchengemeinden Kontakt zur Außenwelt halten können. Das Piepsen der Handys ist dagegen verstummt; die Akkus gehen zur Neige.

Unterhaltungen werden jetzt ohnehin auf der Straße geführt. Die Einwohner stehen diskutierend beieinander und überbieten sich mit Schreckensmeldungen. Schon sollen die ersten Häuser einsturzgefährdet sein. Noch seien etliche Menschen vermisst. Wenn den Überschwemmungen allein in Sachsen bereits acht Menschen zum Opfer gefallen sind, dann womöglich auch in Eilenburg, das zu den am schlimmsten betroffenen Orten gehört.

Neue Gefahr droht

Am Tag nach der ersten Flutwelle fallen die Pegel der Mulde wieder. Für den Landrat des Kreises Delitzsch ist dies allerdings kein Grund, Entwarnung zu geben. "Aus entfernteren Gebieten erreichen uns neue Hiobsbotschaften", sagt Michael Czupalla. Die Lage könne sich erneut zuspitzen, wenn Staudämme brechen und die Elbe weiter anschwillt. Dann nämlich fließen die Fluten der Mulde, die bei Dessau in die Elbe mündet, nicht mehr richtig ab. Die Folge wäre ein Rückstau der Wassermassen, der die Menschen noch länger von der Rückkehr in ihre verwüsteten Wohnungen abhalten könnte.

Eilenburgs Ordnungsdezernent André Becht möchte daran nicht denken. Seine optimistische Parole: Am Sonntag soll das Schlimmste überstanden sein, für diesen Tag peilt er die Freigabe der Innenstadt an. Dann erst findet der Urlaub zweier älterer Damen ein Ende, die vor anderthalb Wochen an die Mosel aufbrachen, und gestern nicht mehr in ihre Wohnungen im überfluteten Ortskern zurückkehren konnten. "Wenigstens haben wir unser Reisegepäck dabei", lacht eine von ihnen und wäscht sich wegen akuten Wassermangels ihre Hände in einer Pfütze. Eigentlich sollte man am besten gleich wieder wegfahren, schlägt sie angewidert vor. Aber bitte schön, sagt sie "nicht schon wieder an einen Fluss!"

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