ZWILLINGE Ein Doppelleben
Lori und Reba Schappell haben nicht viel gemein. Kaum zu glauben, daß sie Schwestern sind. Reba hat rötliche, gewellte Haare, zieht sich gern auffällig an und fällt bisweilen in breitesten Twang, den Tennessee-Akzent. Muß sie als Country-Sängerin wohl. Sie ist sparsam, obwohl sie mit ihrer Band »Little Country« ganz gut verdient hat im letzten Jahr. Zwei Preise haben sie bekommen. Lori ist schwerblütiger. Sie macht sich nichts aus Sport, während in Rebas Zimmer Bowling- und Basketballpokale herumstehen. Lori ist auch egal, ob ihr T-Shirt rot oder grün ist. Ihr ist vieles egal, eigentlich auch ihr Job als Krankenschwester im Reading Hospital. Sie findet nur, daß es jetzt an der Zeit sei, eine Familie zu gründen - ein Alptraum für Reba.
Die Schwestern Lori und Reba Schappell haben nicht viel gemein. Außer ihrem Kopf.
Die »Schnäppchen-Hauptstadt der Welt« heißt Reading. Sie liegt eine Stunde nordwestlich von Philadelphia, am Rande des Blue Mountain und mitten in einem gottesfürchtigen Landstrich, wo noch das Pennsylvanian Dutch der Vorväter gesprochen wird. Eine Stadt, wo der Feierabend aus Country Dance, Fernsehen und Tupperware-Partys besteht und wo am ersten und dritten Dienstag jedes Monats nur auf der linken Straßenseite geparkt werden darf. Es regnet, und auf die Frage, wie viele Einwohner ihre Stadt hat, sagen die Leute: »Zu viele.«
Die Automatiktüren des Welfare-Hochhauses von Reading sind defekt und schieben sich hektisch auf und zu. Draußen stemmt sich eine Alte im Laufgestell über die North Front Street. »Ich komme gleich runter«, hat die Stimme aus der Sprechanlage gesagt, und das »Ich« klang wie selbstverständlich.
In den Strafkolonien wurden bisweilen, als perfideste aller Torturen, Gefangene paarweise aneinandergeschmiedet. Schon nach wenigen Tagen begannen die derart zur Gemeinschaft Verdammten, sich nach der Einsamkeit ihrer Zelle zu sehnen. Sie fingen an, sich zu sticheln. Die Eigenheiten des anderen, seine Art zu reden, sein Geruch, sein immergleiches Geschwätz wurden über die Wochen und Monate hinweg unerträglich. Es war die Hoffnung der Folterer, die Aneinandergeketteten würden sich gegenseitig peinigen, so lange, bis sie sich schließlich in grenzenlosem Haß gegenseitig zerfleischten. Homo homini lupus, der Mensch ein Wolf dem Menschen.
Die Kette der Schappells ist ein unvollständig geteilter Hirnventrikel. Die Schwestern wurden als zwei eigenständige Organismen geboren, nur müssen sich ihre beiden Gehirne eine Schädelkammer teilen und eben jenen Ventrikel, der den Druck der Hirnflüssigkeit reguliert. Eine Trennung war vor 36 Jahren nicht möglich und ist es auch heute nicht.
Lori und Reba waren nie allein, sind nie allein und werden es nie sein. Jedes Wort hat einen Zeugen, jede Schwäche einen Beobachter. Wenn der einen elendig zumute ist, sitzt jemand neben ihr; wenn sie nicht schlafen kann und sich herumwälzen möchte, liegt da die Schwester, nah und immerdar wie ein dreidimensionaler Schatten. Die beiden gehen zusammen auf die Toilette, und wenn der Zahnarzt bei der einen bohrt, dröhnt es im Schädel der anderen. Es gibt keine Geheimnisse, es ist unmöglich, einfach wegzulaufen, ausgeschlossen, einmal ungestört durchzuatmen oder laut zu schreien, wenn keiner es hört. Immer ist jemand da.
Auch die letzte Freiheit des Menschen, das Recht, sein Leben in freiem Entschluß zu beenden, ist ihnen nicht gegeben. Selbstmord wäre Mord an der Schwester. Lori und Reba Schappell sind gezwungen, unter einem Schädeldach zu leben. Sie müssen jeden Tag und jeden Augenblick den Beweis antreten, daß Gesellschaft möglich ist.
Aus dem Lift rollt eine Art Barhocker, auf dem füßebaumelnd und mit schräg gehaltenem Kopf eine kleine, ein wenig verwachsene Person sitzt. Ihre rechte Hüfte beult sich, als versteckte sie etwas unter ihrem Rock. Das Gefährt wird vom Kopf einer stämmigen jungen Frau geschoben. Auch sie hält den Kopf geneigt und schaut den Besucher mit ihrem großen grau-grünen Auge an: »Hi, ich bin Lori«, sagt sie, und daß sie gleich los müsse, weil Reba einen Termin beim Friseur habe.
Von Reba, der kleineren Schwester, ist anfangs nur ein Wispern zu hören. Sie mag neue Leute nicht, versteckt sich hinter Loris breitem Rücken und drückt auf die Knöpfe ihres Einsiedlerspiels. Das Ohr der Schwester liegt genau vor Rebas Mund, es genügt zu flüstern, um gehört zu werden. Lori hört dann mitten im Satz auf und scheint ins Leere zu lauschen, so wie manchmal bei Fernseh-Interviews fremdsprachige Gäste innehalten und dem unsichtbaren Übersetzer zuhören.
Ein Taxifahrer, dessen Nacken weit über den Hemdkragen rollt, holt die beiden ab und begrüßt sie mit »Hi girls!«, wie es die meisten in Reading tun. Man kennt sich. Auch im Einkaufszentrum starrt niemand die Zwillinge an, schaut keiner auf angestrengte Weise weg, die verknitterte winzige Lady nicht und auch nicht der sonnenverbrannte Ledergreis, der sich ein Gerät an den Kehlkopf hält und auf seine Frau einkrächzt. Menschen in der Provinz sind weniger gefiltert als Menschen in der Stadt. Möglich, daß die Leute in Reading aus ihren »Assembly of God«-Bibeln Toleranz herausgelesen haben. Vielleicht sind sie nur höflich. Vielleicht ist es ihnen nur peinlich. Niemand starrt, außer den Kindern.
Wenn Lori den Räderstuhl mit der Schläfe vor sich herschiebt, tut sie es ohne viel Aufhebens. So wie ältere Schwestern einen Kinderwagen schieben: Das ist meine kleine Schwester, ich muß auf die aufpassen. Es ist ein ungleiches Paar. Reba ist die empfindsamere der beiden, auch die zurückhaltendere, weshalb die Leute eher auf sie zugehen. Lori redet ohne Pause, laut und ohne nachzudenken, sie ist das, was sie selbst eine »ehrliche große Klappe« nennt, und wenn sie die wieder zu weit aufreißt, wispert es hinter ihr, als säße in ihrem Rücken ein kleiner Mephistopheles.
Lori ist die Fassade, sie plaudert mit jedem und wendet sich jedem Bekannten sogleich zu, was heißt, daß Reba weggeschoben wird. Sie hat keinerlei Scheu, von ihrer Schwester in der dritten Person zu sprechen, als würde sie nicht zuhören, und sagt: »Wir sind verschieden. Sie mag jüngere Klamotten, sie liest mehr, ist sparsam. Sie schämt sich auch leicht - kein Wunder, mit mir in der Nähe.«
Die Friseuse, eine junge Schwarze, muß sich an die beiden ineinander versunkenen Köpfe gewöhnt haben. »Bitte nur die Spitzen schneiden«, sagt Reba. Der Scheitel ist sehr deutlich gezogen. Links die dunkelblonden Haare von Lori, rechts ihre eigenen, gewellt und rötlich gefärbt. Es muß merkwürdig sein, einen Januskopf mit zwei Gesichtern zu frisieren. Die Friseuse sagt: »Ja, wirklich schlecht, das Wetter.«
Von der Seite betrachtet, hat jede der Schwestern ein eigenes, für eineiige Zwillinge nicht sehr ähnliches Profil. Mit ihrem jeweiligen Auge können sie alles sehen - alles, bis auf das Gesicht der Schwester. Weil die Köpfe rückwärts ineinandergewachsen sind, ist das Gesicht der Schwester unsichtbar wie die erdabgewandte Seite des Mondes: »Oh, come on. Es gibt Spiegel. Wo ist das Problem?« sagt Lori. Alles geht, sagt sie. Man kann sich auch ein T-Shirt anziehen, wenn am Kopf noch ein Mensch klebt. Nur muß man eben von oben hineinsteigen wie in eine Hose.
»Die Leute stellen immer die gleichen Fragen. Aber ich bin ich, und Reba ist Reba«, sagt Lori. Alles sei wie bei anderen Menschen auch. Natürlich hätten sie Geheimnisse voreinander, sie wisse nicht, was Reba in ihren Briefen schreibe. Reba möchte über »es« - sie zieht mit dem Finger eine unsichtbare Linie über den Kopf - am liebsten gar nicht mehr reden. Sie kümmere sich nur noch um ihre Karriere als Country-Sängerin. Ja, sagt sie, es gebe einen Plattenvertrag, ja, sie habe schon Aufnahmen gemacht, aber sie könne zur Zeit nur eine Kassette vorspielen, später zu Hause. Oder morgen.
Die Hautzone, auf der beide Schwestern einen Reiz in gleicher Weise spüren, ist nur knapp zwei Zentimeter breit. Ihr Alltag ist von dem Willen bestimmt, diese Überlappung nicht größer werden zu lassen. Sie tun alles einzeln, auch wenn es den Alltag mühselig macht. Wenn Lori morgens duscht, wickelt Reba sich in den Duschvorhang, um nicht naß zu werden. Ihre Badezeit ist abends. Lori sagt: »Sie duscht vorm Schlafengehen, wenn niemand in der Nähe ist.« Als Lori nach dem Friseurbesuch ein Thunfischsandwich bestellt, bestellt Reba eines mit Käse; wenn Lori ihr Telefon bei AT&T anmeldet, füllt Reba das Formular von Bell Atlantic aus. Auch ihren Geburtstag feiern sie getrennt: »Die Geburt war um Mitternacht, jedenfalls nehme ich das an. Ich feiere am 18. September, Reba einen Tag später. Obwohl sie in vielem die Ältere ist.«
Sie haben gelernt, daß es überlebenswichtig ist, mehr zu sein als nur ein Teilchen. Deswegen hat Lori sich ihren Friseurtermin auf nächste Woche gelegt: »Ich bin eine eigene Person und Reba auch. Wir sind nicht doppelt, nur zusammen.«
Lori und Reba Schappell haben die gleichen Gene, vom ersten Atemzug an hörten sie die gleichen Sätze, hatten die gleichen Ängste und sind den gleichen Menschen begegnet. Deswegen sind sie so verschieden. Ihre einzige Chance auf Individualität ist, das Spiel der kleinen Unterschiede zu spielen. Ihr Leben ist der Weg vom Wir zum Ich.
Die beiden Schwestern reden gern und viel. Aber ein Wort wird man selten von ihnen hören: das Wort »wir«.
Lori und Reba Schappell leben in einer überheizten Zwei-Zimmer-Wohnung im 8. Stock eines Hochhauses. Sie wohnen allein. Sie bräuchten keine Haushaltshilfe, keinen Psychologen, keinen Pfleger, sie kämen schon zurecht: »Ich koche und wasche, Reba kümmert sich um die Finanzen. Es ist wie in jedem Haushalt. Wozu Hilfe? Das hieße doch, daß etwas mit uns nicht stimmt.« Auch Sozialhilfe lehnen sie ab. Deswegen ist auch nie Geld da.
Rebas Streichholzbeine stecken in Kinderschuhen und schwingen bei jeder Bewegung des Wagens mit wie die Beine einer Bauchrednerpuppe. Offenbar hat sie sich daran gewöhnt, plötzlich am Kopf in die Waagerechte gerissen zu werden, wenn der Schwester ein Löffel zu Boden gefallen ist. Sie gibt der Bewegung nach und drückt dabei weiter die Knöpfe ihres Nintendo-Spiels.
Es gibt keine Harmonie zwischen zwei Menschen, nur weil einige Äderchen von einem Kopf in den anderen fließen. Oder weil der Hirndruck identisch ist. Es sei vorgekommen, sagt Reba, daß sie sich geschlagen haben, als sie Kinder waren. Jetzt haben sie sich zur Regel gemacht, den anderen nie zum Weinen zu bringen: »Wir hören auf zu streiten, bevor es zu spät ist. Wir respektieren uns.«
Eine andere Regel besagt, daß, wer in seinem Zimmer ist, bestimmen darf. Lori sagt: »Wir können uns ignorieren. Das ist einfach. Wenn Reba allein sein möchte, gehe ich in ihr Zimmer und halte meinen Mund.«
Die beiden Räume der Wohnung sind streng voneinander getrennt und grundverschieden. In Loris Zimmer stapelt sich der Haushalt um eine ausgebeulte, zum Doppelbett aufgeklappte Couch herum. Da sind Porzellantäubchen und Stapel von Kreuzworträtselheften. Einen Tisch gibt es nicht. Lori verbringt ihr Leben im Stehen, lehnt sich irgendwo an, den Fuß auf den Hocker gestellt, als stünde sie an einer Theke. Im Lauf der Jahre sind ihre Nackenmuskeln stark wie ein Bizeps geworden. Sollte der Räderstuhl umkippen, könnte sie die Schwester ohne Hilfe der Arme auffangen und halten, was auch schon vorgekommen sei.
Ihre beiden Körper reagieren, als wären sie vollständig getrennt. Wenn Lori Alkohol zu sich nimmt, wird Reba, die niemals trinkt, nicht betrunken: »Bis mein Blut drüben ist, ist der meiste Alkohol in mir geblieben. Aber ich trinke nie so viel, daß ich auf den Boden falle.« Puls und Blutdruck sind verschieden, ihre Periode setzt unabhängig voneinander ein. Lori ist kurzsichtig, Reba nicht. Die Schwestern haben zu unterschiedlichen Zeiten Hunger und selten gleichzeitig Schnupfen. Als Reba kürzlich Windpocken hatte, konnte Lori sie pflegen. Sie war völlig gesund.
»Das ist mein Raum«, wispert es in Loris Rücken. Rebas Teil der Wohnung ist peinlich sauber, ein Jungmädchen-Zimmer mit einem Schminkset »Steps to a perfect manicure« und einem großen Plüschkänguruh, dem ein kleines aus dem Beutel schaut. Im Bücherbord steht neben Paperback-Biographien von Barbara Bush und Sammy Davis Jr. auch Stephen Hawkings »Eine kurze Geschichte der Zeit«. Am Fenster lehnt die lebensgroße Pappfigur einer blonden, lächelnden Frau in Cowboystiefeln, die für Texas-Kartoffelchips wirbt: »Das ist Reba McEntire« - die andere Reba.
Die Country-Sängerin Reba McEntire ist Rebas Vorbild. Sie kennt alle Songs auswendig und hat sich vor Jahren schon nach ihrem wahren Ich umbenennen lassen. »Dori und Lori«, das klang wie eine Zirkusnummer. Wenn Reba von der anderen Reba spricht, im starken Tennessee-Akzent, dann verschwimmt alles, und es gibt keine Trennung mehr. Reba McEntire ist ihr eigentliches Double, ihr selbstgewählter Zwilling: »Sie ist alles, was ich sein möchte. Sie sieht toll aus, aber auch ihr Inneres ist wunderbar. Ich will ihr folgen, ihrer Musik, ihrem Verhalten, ihrer Persönlichkeit. Es ist wichtig, sich von seinen Fans nicht zu entfernen. Den Fans verdankst du, was du bist.« Reba spricht wie aufgezogen und nicht mehr in ihrer Wisperstimme. »Ich versuche, meinen Ruhm für gute Dinge zu benutzen, für Aids-Therapien und die Muscular Dystrophy Association«, sagt sie und streicht der Schwester abwesend übers Nackenhaar.
Nein, es sei nur wegen ihrer Musik gewesen, daß sie zur Jerry Springer Show, einer ebenso populären wie gewöhnlichen Talksendung, eingeladen worden sei - »nicht deswegen«, sagt sie und zieht mit dem Finger eine unsichtbare Grenze auf ihrem Kopf nach.
Ja, sie habe eine Kassette mit vier Liedern, aber die sei gerade ausgeliehen.
Lori hat einen Karton mit Fotos aufs Bett gehoben, kramt ein wenig herum und zeigt eine Reihe Bilder, auf denen Leute mit perfekten Zähnen ihren Arm um Reba legen: »Nashville, die Fan-Convention«, sagt sie und dann den unter anderen Umständen denkbar gewöhnlichen Satz: »Hier, das bin ich als Baby ...«
Die Schwestern Schappell wurden in einem Windsor Castle genannten Flecken in der Nähe von Hamburg in Pennsylvania geboren. Es ist ein Hügelland mit verstreuten mennigroten Häusern, Holsteinkühen und Mobilhomes, vor denen Chevrolets in unterschiedlichen Stadien des Verfalls herumstehen.
Vater Schappell arbeitete als Schlachter bei »Burke's«, einer Hotdog-Fabrik, wo später auch seine drei Söhne einen Job fanden. Den Sonntag verbrachten die Schappells betend und singend, die Mutter in der »Assembly of God«, der Vater bei den Pfingstlern. Schwanger zu werden war ein Segen Gottes. Damals, in den frühen Sechzigern, gab es keine Vorsorgeuntersuchungen. Wozu auch? Als seine Zwillinge geboren waren, sagte John Schappell den Satz, mit dem sich dann alle in Windsor Castle ihren Reim auf die zusammengewachsenen Schwestern machen würden: »Es ist Sein Wille, und zu irgend etwas wird es schon gut sein.«
Die Schappells tauften die Babys auf die Namen Laurie-Lynn und Dorothy, und als daraus lange schon Lori & Dori geworden war, sagten sie: »Merkt euch: Ihr seid völlig normale Mädchen, egal, was die anderen sagen.«
Reba sei immer gut in der Schule gewesen: »Ich tat, was man mir sagte. Lori nicht. Lori bekam immer Strafen, Stubenarrest und so etwas. Klar, ich saß dann mit ihr im Zimmer. Aber ich mußte nicht darüber nachgrübeln, was ich falsch gemacht hatte. Ich konnte telefonieren, lesen, meine Hausaufgaben machen.«
»Stimmt, sie war gut in der Schule. Aber Reba hat nie vorgesagt, obwohl die Gelegenheit wirklich optimal war. Aber sie tat es nicht. Sie sagte nur ganz laut: Nein, ich gebe dir die Antwort nicht. Ich haßte sie dafür.«
»Oh, please ...«, sagt Reba, etwas affektiert, wie ein altkluges kleines Mädchen.
Reba machte 1987 ihr medizinisches Vorexamen: »Ich habe das Studium danach abgebrochen, damit Lori arbeiten konnte. Sie wollte nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig sein, und ich wollte tun, was sie wollte. Ich bin nicht gut darin, meinen Willen haben zu wollen«, sagt sie, und es klingt, als habe sie das schon oft gesagt.
Lori begann im Reading Hospital als Krankenschwester zu arbeiten, und während sie ihre Geburtsbestecke verschweißte, las ihre Schwester in »Reba, Queen of Country Music« oder redete mit sich selbst. »So what?«, sagt Lori. »Es ist doch normal, wenn deine Schwester mit zur Arbeit kommt, oder? Natürlich ist sie nicht bezahlt worden.« Im Reading Hospital lernte Reba »Grandma« kennen, eine ältere Dame, die seither versucht, Reba ihrer Schwester abspenstig zu machen. Grandma hat Reba an Tochter Statt angenommen, um sie dem schlechten Einfluß Loris zu entziehen: »Sie würde uns gern getrennt sehen. Dann hätte sie ihre Reba ganz für sich«, sagt Lori, ohne daß sich in ihrem Rücken Widerspruch regt. Grandma ruft alle paar Stunden an, und wenn Reba mit ihr spricht, hat sie eine selbstbewußte, ein wenig zu mütterliche Stimme: »Okay, ich sehe zu, was ich tun kann. I love you, Grandma.«
Die Schwestern haben ihre Verschiedenheit mit den Jahren so kultiviert, daß es nur wenige Tage dauert, bis der Verstand des Besuchers die Trennung vollzogen hat. Als Lori am Mittag den Abwasch macht, ist sie hinter der Tür verborgen. Aus der Küche ist nur das Klappern des Geschirrs zu hören, und unwillkürlich ist man versucht aufzustehen, ins Zimmer der Schwester zu gehen, um zu schauen, was Reba wohl gerade macht.
Unter hunderttausend Geburten befindet sich statistisch ein zusammengewachsenes Zwillingspaar. 40 Prozent dieser Kinder kommen tot zur Welt, ein weiteres Drittel verstirbt am ersten Tag. In mindestens 200 Fällen wurde versucht, die Zwillinge zu trennen. Die amerikanische Medizinhistorikerin Alice Domurat Dreger schreibt, daß nur fünf Prozent der Operierten das Krankenhaus jemals wieder verlassen konnten: »Manche behalten Hirnschäden zurück; manche sind absichtlich oder unabsichtlich geschwisterlos; manche zeitweise oder für immer behindert; manche ohne Fortpflanzungsfähigkeit, die sie ansonsten besaßen; manche tot.« In zwei Fällen wurden aus einem Jungenpaar mit zusammengewachsenem Unterleib ein Junge und ein »Mädchen« operiert.
Es gilt als selbstverständlich, daß ein Leben zu zweit in einer Haut einem Aufenthalt in der Hölle gleichkommt. Mit dem Fortschritt der Frühdiagnostik und der Transplantationstechniken wird es immer weniger dieser Fälle geben. Lori und Reba Schappell gehören zu den letzten zusammengewachsenen Menschen, die alt genug sind, von ihrem Leben zu erzählen.
Nie würden sie Eltern raten, ihre Zwillinge um jeden Preis trennen zu lassen: »Nur wenn es medizinisch absolut notwendig ist. Warum wartet man nicht, bis die Kinder alt genug sind, selbst zu entscheiden? Die Ärzte wollen doch nur ihre Techniken ausprobieren und Geld verdienen. Das ist nicht fair.«
Vergangenen Sommer wurde Reba mit Verdacht auf Gebärmutterkrebs ins Krankenhaus eingeliefert. Sie mußte operiert werden. »Ich hätte«, sagt Lori, »von dem Eingriff nichts gespürt. Aber die Ärzte haben mich narkotisiert, damit ich nicht während der Operation wackele.« Es war ein gutartiger Tumor. Aber zum erstenmal stellte sich ihnen die Frage: »Wenn einer von uns stirbt? Dann würden wir es tun. Nur dann. Nur wenn es medizinisch notwendig ist.«
Lori erzählt gern von Chang und Eng, den an der Brust zusammengewachsenen Zwillingen aus Siam. Sie hatten Mitte des letzten Jahrhunderts ein Vermögen in Barnums Monstershow gemacht und - gegen erheblichen Widerstand der Moralhüter - in der Baptistenkirche von White Plains die Nachbarschwestern Sarah und Adelaide geheiratet. »Jede Familie hatte ihr eigenes Haus. Sie lebten drei Tage im einen, vier im anderen. Jeder hatte zehn Kinder, glaube ich.«
Und ...? »Well«, sagt Lori. Sie hätte einmal einen Freund gehabt, eine harmlose High-School-Liebe sei es gewesen mit einem der Wachleute: »Er schickte mir Blumen. Aber es war nicht der Richtige. Ich möchte mir sicher sein, ich will eine richtige Liebe, dann eine Heirat und dann Kinder.« - »Ich stehe nicht so auf Ausgehen und Rendezvous«, sagt Reba in ihrer Erbtantenstimme. »Aber von mir aus kann sie heiraten, auch einen Afroamerikaner. Sie lebt ihr Leben, nicht ich.«
Lori überhört die Bemerkung und sagt, wenn der richtige Mann nicht käme, würde sie über andere Möglichkeiten nachdenken: »Technisch ist das möglich. Ich könnte die Kinder auch allein aufziehen. Wenn sie auf Tournee ist, muß ich mich natürlich selbst um die Kinder kümmern. Ich will nicht von ihr abhängig sein.«
In diesem doppelt geteilten Leben war es Reba als die kleinere, die den größten Preis bezahlt hat: »Die ersten 30 Jahre waren nicht das, was ich wollte«, sagt sie einmal. »Ich war immer vernünftig. Jetzt möchte ich sein wie ein Teenager.« Alle Hoffnungen, die sie sich aufgespart hat, steckt sie jetzt in »Country« und in »my career«.
Ein Konzertagent hatte die beiden im Fernsehen gesehen und Reba singen gehört. Er lud sie in ein Aufnahmestudio ein und organisierte einige Auftritte. Beim ersten Konzert ihrer Schwester kaufte sich Lori eine Eintrittskarte wie jeder andere auch, obwohl sie mit auf der Bühne stand. Vergangenen Herbst bekam Reba Schappell den »L. A. Music Award«.
Daraufhin kündigte Lori ihren Job als Krankenschwester. »Reba ist jetzt an der Reihe«, sagt Lori. »Wohin sie geht, gehe ich mit.«
»Und wohin wollen Sie, Reba?«
»Es ist meine Karriere, die entscheidet.«
Sie leben nicht gern in Reading. Sie würden gern wegziehen, egal wohin. Da sind zu viele Erinnerungen, über die sie nicht gern sprechen. Sie erzählen lieber, wie ihre Eltern sie, damals auf der Ranch in Windsor Castle, angehalten hätten, sich ganz normal zu verhalten. Wie Lori immer ungezogen war und Stubenarrest bekam, während Reba spielen durfte. Wie ihre Mutter sie auf eine ganz normale Schule geschickt habe, wie sie High-School-Freunde hatten und alles so war wie überall. Es ist eine schöne Geschichte, und sie ist Fremden, die kurz vorbeikommen, leicht zu erzählen. Leichter als die Wahrheit jedenfalls.
Dr. John Bear ist bis vor wenigen Jahren Landarzt in Hamburg County gewesen. Er hat die Zwillinge damals auf die Welt geholt. Jetzt nach seiner Pensionierung sitzt er jeden Abend in »Schultz' Diner« und ißt Spare Ribs: »Frau Schappell war eine sehr dicke Frau. Es war schwer, sie mit dem Stethoskop zu untersuchen. Ich hatte nur einen Herzschlag gehört, keine Ahnung, daß da Zwillinge kommen würden. Es gab damals diese modernen Maschinen noch nicht. Als der Kopf herauskam und etwas Kleines herunterfiel, wußte ich, was los war.« Die Mutter gehöre zu den Menschen, die alles schnell hinnehmen: »Da ist nicht viel Gefühl gewesen«, sagt Dr. Bear.
Aus Philadelphia kamen die Spezialisten von der Jefferson Medical School. Sie stellten fest, daß keines der Kinder eine Trennung überleben würde. »Wir entschieden, daß man nicht viel machen konnte. Wir haben sie dennoch gefüttert. Ich sagte den Eltern, daß die Lebenserwartung der beiden nicht groß sei. Aber nach einer Woche lebten die Zwillinge immer noch. Sie schrien und hatten Hunger und wuchsen.«
Reba war in dem stummen Ringen der beiden Zellen die Unterlegene gewesen, sie mußte operiert werden, an Blase und Unterleib. Sie überlebte, zur Überraschung der Ärzte. Andere Operationen wurden geplant. Die Schappells waren eine große Familie mit wenig Geld. »Es war wohl deswegen. Sie gaben die Vormundschaft an den Staat ab. Sie kamen oft zu Besuch. Aber sie meinten, daß die beiden in einer Anstalt besser beschützt vor der Neugier der Leute wären. Tatsache ist, daß Lori und Reba niemals zu Hause waren.«
Das Behindertenzentrum von Hamburg liegt auf einem Hügel. Weitläufige Gebäude in blendendem Weiß. Im Keller hat Teresa Lange ihren »Beauty Shop«. Unter Leitungsrohren sind Postkarten und Shampoo-Werbefotos angepinnt. »Ich hatte gerade als Friseuse hier angefangen, vor 23 Jahren war das. Als die beiden hereinkamen, war ich so überwältigt, daß ich mit mir selbst reden mußte, um nicht ohnmächtig zu werden. Ich hatte schon einen Wasserkopf frisiert, aber das war etwas anderes.« Dann hätten sie sich angefreundet.
Lori und Reba seien unter 800 zum Großteil geistig Behinderten aufgewachsen. Sie waren allein, Freunde hatten sie fast nur unter den Erziehern. Für Teresa Lange, eine lebhafte Blondine, die man sich noch gut in Petticoat und mit Bienenkorbfrisur vorstellen kann, muß die Begegnung mit den Schappells das Erlebnis ihrer Zeit im »Beauty Shop« gewesen sein: »Es wäre für Lori ein leichtes gewesen, die Schwester zu dominieren. Aber sie war sehr, sehr lieb zu ihrer Schwester. Ich kann mich nicht erinnern, daß sie sich jemals angeschrien hätten. Sie respektierten sich, ohne daß jemand es ihnen beigebracht hätte. Dafür bewundere ich sie. Sie wurden gleich nach ihrer Geburt hierher- gebracht. Als sie 21 wurden, packten sie ihre Sachen und verließen die Gegend, ohne jemals wieder von sich hören zu lassen. Ich glaube, sie wollten immer weg von hier.«
Lori und Reba haben sich eine Wunschbiographie zusammengeträumt. Das macht ihr Leben einfacher. Sie sind den Blicken so sehr ausgesetzt, daß sie sich die Geschichte, wie sie hätte sein können, als Paravent aufgestellt haben: Warum jedem erklären, wie es ist, zwischen 800 geistig Behinderten aufzuwachsen, ohne Familie und letztendlich sehr allein?
In der Kurzgeschichte »Szenen aus dem Leben eines Doppelmonsters« beschreibt Vladimir Nabokov, wie zusammengewachsene Zwillinge sich wortlos verständigten: Gefühle »schwammen wie gefallenes Laub auf dem Strom unseres geteilten Bluts. Auch schlanken Gedanken gelang es hindurchzuschlüpfen und zwischen uns zu reisen«.
Bei den Schappells ist es anders. Sie spüren den anderen nicht: »Wenn sie traurig ist, bin ich es nicht. Ganz normal.« Lori und Reba reden ständig miteinander. Wie zwei alte Schwestern, die seit Ewigkeiten in der gleichen Wohnung leben und sich beim Miteinandertuscheln immer mehr ineinander versenkt haben. Sie reden übers Geld, über Bekannte, über irgendwelche Nichtigkeiten, die aufgeblasen werden müssen, um die Zeit zu füllen. Sie reden von morgens bis abends, bis sie schlafen gehen, mit ihren ineinandergesunkenen Köpfen, die eine auf der Seite, die andere auf dem Bauch, inmitten zerwühlter Kunstfaserdecken. Sie reden und reden, und erst nach einigen Tagen merkt man, daß da nicht nur zwei Stimmen im Raum sind.
Erst war da nur ein Verdacht. Da war die Stimme im Tennessee-Slang, wenn Reba über ihre Karriere redete. Da war eine andere, wenn sie mit »Magilla« sprach, einem schwarzen Spielzeug-Gorilla, der die Macarena singt, wenn man ihm auf den Bauch drückt. Ein Verdacht, daß Reba verschiedene Stimmen entwickelt habe. Als wäre sie zu sehr allein mit sich.
Aber es ist eine andere, eine wispernde und wimmernde Kinderstimme, nur für jenes Ohr bestimmt, das ihr genau vor den Mund gewachsen ist, wenn Reba sagt: »Nein, ich träume nie, allein zu sein. Nicht wahr, Mom?«
Mom?
Die Schappell-Zwillinge haben lernen müssen, miteinander auszukommen. Sie könnten der anderen das Leben zur Hölle machen, aber weil sie selbst mit darin gefangen wären, tun sie es nicht. Ohne fremde Hilfe haben sie eine optimale Gestalt für ihr janusköpfiges Leben finden müssen. Und so spielen sie Mutter und Tochter. Die bestmögliche Rolle für zwei Menschen, von denen der eine doppelt soviel wiegt wie der andere, von denen nur der eine laufen kann und der andere wie ein Anhängsel ist.
Es gehört zu den Spielregeln, die beide im Lauf der Jahrzehnte gefunden haben, daß keiner den anderen in seinem Wesen in Frage stellt. Lori begleitet Reba in ihren Karrierephantasien und bleibt still, wenn sie Sätze hört wie: »Was ich am Showgeschäft mag, ist, daß ich tun kann, was ich will.« Und Reba spielt ihre Rolle, weil sie weiß, daß die einzige Chance, ihren Willen durchzusetzen, die tolerierte Freiheit eines Kindes ist.
Am letzten Tag wird Reba doch noch singen. Es ist Freitag abend in Reading, und die Schwestern sind zum »Modern Country Dance« gegangen. Ältere Damen in Kinderkleidung, mit Fransenjacken, Paillettenstiefelchen und einem Schwall Korkenzieherlocken, Männer mit ausladenden Oberkörpern und Stetsons wie Sonnenschirmen bewegen sich konzentriert trippelnd zum »Cherokee Boogie«. »Jetzt, wo sie im Fernsehen auftreten, sieht sie niemand mehr als - na, so eben«, sagt ein Mike und schaut zu, wie Lori ein paar Schrittchen macht, den Rollhocker um sich herum schleudert und versucht, beim Tanzen nicht an die Räder zu stoßen.
Wieder in der Wohnung, holt Reba sich eine Reba-McEntire-Kassette und singt. Sie hat einen Walkman in der Hand, den Hörer quer über den Kopf auf das eine Ohr geschoben. Sie breitet die Arme aus, bewegt den Kopf eigenständiger als sonst und singt. Es ist ein Lied von der anderen Reba, »The Fear to Be Alone«. Eine traurige Ballade. Traurig, weil klar wird, daß, wer immer Reba auf eine Bühne holt, es nicht wegen ihrer Stimme tut.