Eine Ex-Geisel berichtet "Das verfolgt einen noch wochenlang im Traum"
SPIEGEL ONLINE:
Was ist das für ein Gefühl, wenn man plötzlich freikommt?
Broda: Bei mir war die Situation ähnlich wie bei Frau Wallert. Ich habe dort Weihnachten verbracht, Sylvester und meinen Geburtstag. Bei solchen Daten hoffte ich besonders auf meine Freilassung. An meinem Geburtstag habe ich mich dann auf eine längere Geiselnahme eingestellt. Zwei Tage danach bekam ich dann die Nachricht, ich werde freigelassen. Da erlebte ich unheimliche Glücksgefühle, die man nicht beschreiben kann. Es sind wohl die Gefühle, die sich in mein Leben bisher am tiefsten eingegraben haben. Das war ja auch bei Frau Wallert zu sehen, wie tief bewegt sie war. Ich freue mich sehr für sie.
SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie während Ihrer Geiselnahme am stärksten belastet?
Broda: Ich bin von den Guerillas entführt worden, stundenlang schleppten sie mich die ganze Nacht in den tiefsten Dschungel hinein. Fünfmal musste ich mein Versteck in den kolumbianischen Bergen wechseln. Man hat mir gesagt, das sei zu meiner eigenen Sicherheit, weil ja mit einer gewaltsamen Befreiung gerechnet wurde. Das Schlimmste für mich war die Ungewissheit: Wird etwas für mich getan? Ich wusste ja gar nicht, was draußen geschieht. Das wurde noch schlimmer, als ich die "Deutsche Welle" hören durfte. Dort wurde immer nur über die Entführung von vier Deutschen im Jemen berichtet, über mich kein Wort. Da kam ich mir völlig verlassen vor, hatte nichts zu lesen, konnte kein Spanisch und meine Kidnapper konnten kein Englisch. Die Tage wollten einfach nicht enden, und das hat die stärksten traumatischen Eindrücke hinterlassen.
SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Nachwirkungen hatte Sie zu kämpfen?
Broda: Ich glaube, das hängt von der Persönlichkeit ab. Ich habe mich sehr stark mit der Geiselnahme beschäftigt, habe viel gelesen, wie zum Beispiel das Buch von Reemtsma. Ich habe das Ganze ohne psychologische Betreuung bewältigt. Glücklicherweise bin ich ein positiver Mensch, habe meine Familie, meine Enkelkinder und immer genug mit meinen Hobbys zu tun. Ich war in München wieder voll in mein Leben integriert und hatte zunächst gar nicht so viel Zeit, über meine Geiselnahme nachzudenken. Sicher verfolgt das einen noch wochenlang im Traum, und man wacht schweißgebadet auf. Aber ich wusste immer, dass ich selbst damit fertig werde.
SPIEGEL ONLINE: Leiden Sie bis heute unter Ihrer Geiselnahme?
Broda: Nein, das ist völlig abgeklungen. Mir hat es am Anfang sehr viel geholfen, dass ich das einfach im Gespräch losgeworden bin. Sprechen war für mich eine seelische Befreiung. Erst als das auf den Philippinen losgegangen ist, sind die Erinnerungen wieder hochgekommen.
SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass es bei Frau Wallert ähnlich sein wird?
Broda: Für sie ist die Geiselnahme ja noch nicht vorbei. Ihr Mann und ihr Sohn werden noch gefangen gehalten. Sie wird wohl mit der Aufarbeitung ihrer Geiselnahme erst beginnen können, wenn die beiden ebenfalls freigelassen worden sind.
Das Interview führte Carsten Matthäus