Eine Nacht beim Chino Krise? Tango!
Buenos Aires - Wanderer, kommst Du nach Pompeya, dann schlag den Mantelkragen hoch, zieh den Filzhut tief ins Gesicht und kneif die Augen zusammen. In diesem düsteren "Barrio", dem fernen Stadtteil, der direkt an das arme Hafenviertel "La Boca" grenzt, kann Dir alles passieren.
Die Straßenstrolche fragen nach der Uhrzeit und nehmen Deine Uhr gleich mit, an der nächsten Ecke will man Dich ins private Wohnzimmer-Bordell umleiten, ein Service, den Du aber nicht bezahlen könntest, weil Dir vorher der Taxifahrer die Knarre vor die Nase hielt, Dich um Dein letztes Geld erleichterte und in irgendeiner dunklen Straße aus dem Wagen warf: "Adios Amigo. Und viel Glück."
Und Dein Glück suchst Du dann in dem einzigen Haus, aus dem in dieser Straße Licht dringt. In den schiefen Fenstern blinken Weihnachtsgirlanden mit roten Glühbirnen, Du umrundest die Matschpfützen des unbefestigten Weges und der Wind stößt für Dich die Tür auf. Deine regennassen Brillengläser beschlagen nicht, denn drinnen ist es genauso kühl wie draußen.
Hinter dem gekachelten Tresen stützt eine dicke alte Frau ihren Kopf mit den Fäusten und blickt Dir aus Knopfaugen ins Gesicht. Du verharrst noch immer in der Tür, in der Mitte des Raumes steht ein Mann mit Gitarre, um ihn herum hocken ungefähr fünfzehn Menschen auf Holzbänken und Plastikstühlen an drei Tischen. Alle verstummen und starren Dich an mit offenen Gesichtern und geschlossenem Mund.
Bitte setzen
"Woher?" fragt der pausbackige Kopf hinter dem Tresen. "Deutschland", antwortest Du vorsichtig. "Macht ja nichts. Setz Dich." Und während Du noch versuchst zu entziffern, was das "Macht ja nichts" bedeutet, schiebt Dich die Frau auf einen freien Schemel an einem der Tische. "Guten Abend. Herzlich Willkommen", sagt der Mann an der Gitarre und unter seinem Bart formt sich ein Lächeln.
15 Köpfe nicken Dir zu, die Tresenfrau knallt eine Flasche Bier und ein ungespültes Glas auf Deinen Tisch. "Willst Du essen?" Um überhaupt was zu sagen, sagst Du "Ja", was ein Fehler gewesen sein könnte, denn als Du Dich umsiehst, bemerkst Du den Schimmel an den feuchten Wänden, das Handtuch, mit dem der Teller für Dich abgestaubt wird, hat vermutlich seit Jahren kein Waschpulver gesehen und das Einheitsessen für alle, das Du auf den anderen Tellern bewundern kannst, sind große Fleischbrocken in einer Soße aus Blut und Fett, dazu weiches Weißbrot, ein paar Empanadas, von denen Du gar nicht wissen willst, womit sie gefüllt sind und irgendein Teig, der unter einer großen Zuckerschicht zusammenbricht.
Wartesaal der Hölle
Während Du noch glaubst, im Wartesaal der Hölle gestrandet zu sein, öffnet sich ein Paradies. Denn der Mann an der Gitarre singt. Und vor Dir liegt eine Nacht, in der sich die Seele des Tangos zeigt. Denn so muss es gewesen sein, damals vor über hundert Jahren, als in den Hafenkaschemmen von Buenos Aires der Tango geboren wurde, als die Einwanderer aus Europa ihre verlorene Identität, ihre Armut, das Schicksal und die ferne Liebe besangen und in Tango-Nostalgie, das Gefühl des permanenten Verlustes, gossen.
Lange bevor der Tango, dann auch als Tanz, die Salons der feinen Gesellschaft erreichte oder durch die Wellen der Latino-Romantik in Europa nach oben schwemmte, war er das Klagelied des verlorenen Mannes im Milieu aus Kriminalität, Erotik, Einsamkeit, Armut, Sehnsucht.
In Pompeya hat dieser Ur-Tango überlebt. "El Chino" nennen sie diese kleine verfilzte Tangobar, getauft nach ihrem Besitzer, der aber keineswegs Chinese war. "Guck Dir sein Gesicht an", sagt Omar Lauria, der Mann mit der Gitarre, und tippt mit dem Finger auf ein Schwarzweiss-Foto, das an der Wand klebt. Und auf dem Bild lächelt Dich ein kleiner dicker Mann an, obwohl er in einer großen Gruppe von Männern sitzt, ist sofort klar, wer der Chino ist: Das liegt an seinem Lächeln. Er starb vor sechs Monaten, nachdem er 71 Jahre in Pompeya lebte und im ganzen Barrio bekannt war, respektiert und geliebt wurde mit seiner kleinen Bar. "Der Chino hatte für jeden ein Lächeln. Er hat so viel gelacht, dass seine Augen schon zu Schlitzen wurden. Wie ein Chino", erzählt Omar.
Und die Freunde des Chino treffen sich noch immer jede Freitag- und Samstagnacht in seiner alten Barrio-Bar, um den Tango am Leben zu erhalten, weiter nach vorne zu schauen und zurück zu sehnen.
Tango für alle
"Por qué quiero volverme al pasado si el pasado no quiere volver", singt Omar: "Warum dreh ich mich nach der Vergangenheit um, wenn das Gestern doch gar nicht zurückkehren will?"
Schon bei den ersten Takten geht ein Raunen durch den Raum. Und mit jedem neuen Lied füllen sich die Augen bei dem einen mit Tränen, bei anderen die Gläser mit Rotwein. Ein "Cafésito" für die Liebste, einen Whisky für den Mann und Tango für alle.
Jedes einzelne Lied wird mit großer pathosgetränkter Vorrede eingeleitet, kein Monolog, sondern ein Spiel mit den Zuhörern, die mit Zwischenrufen dem Musiker schmeicheln: "Maestro, erzähle mir von der Liebe!"
Und Omar erzählt im Vierachteltakt: "Fuerza, canejo, sufra y no llore! Sabés que un hombre no debe llorar!" - "Sei stark, bloß keine Tränen, du weißt doch, dass ein Mann niemals weint!" Dazu dreht er sich, um die eigene Achse, streichelt die Gitarre, beugt sich runter zu den Frauen und zwinkert frech.
Die Tür fliegt auf und käme nun Mackie Messer rein mit einem Tross Prostituierter, man begrüßte ihn wie einen alten Bekannten, der mit Dir und ein paar Flaschen Wein auf das Morgengrauen warten will. Doch es kommen herein: Horacio Acosta, Marcelo Munoz und Carlos Rago. Drei gebeugte Männer in dunklen abgewetzten Anzügen, die so alt sind wie der Stolz, mit dem sie die tragen.
"Immer wieder derselbe Wahn"
"Hoho", ruft Omar und die Zuhörer klatschen. "Darf ich vorstellen: Der wahre und einzige, der große letzte Sänger, ein Gentleman und Filou, der das Geheimnis des Tango kennt: Carlito!" Unter den vier Männern beginnt der Wettstreit der Sänger. In einem Spiel aus Machismo, Eitelkeit, Stolz, hoher Kunst, Lust an der Selbstdarstellung, Selbstmitleid, aber in allem auch viel Selbstironie, wechseln sie sich ab. Präsentieren sich gegenseitig als die Größten, Besten, Einzigen: Allein, im Duo, im Trio, immer wieder in verschiedenen Besetzungen treiben sie die Gäste in einen Wahn aus tiefer Melancholie, wo der Kopf über dem Whiskyglas hängt und zwei Minuten später der gleiche Mensch auf dem Tisch steht, mit einem Löffel den Takt am Glas mitschlägt und laut mitsingt: "El mismo amor, la misma lluvia, y el mismo, mismo loco afán!" - "Dieselbe Liebe, der gleiche Regen und immer wieder derselbe Wahn."
Vom Schank- und Gastraum führen zwei Durchgänge in einen notdürftig überdachten dunklen Innenhof. In den Löchern des Bodens sammelt sich das Regenwasser, der Raum ist Küche, Toilette, Spüle und Künstlergarderobe in einem und riecht auch so. Ein kleiner Verschlag aus Holzlatten trennt das WC, über das der Anstand schweigt, von dem Waschbecken, in dem Teller und Gläser im dreckigen Wasser schwimmen und auf ihre Behandlung durch den Koch warten, der direkt gegenüber in einer Nische Fleisch auf den Holzgrill wirft, beobachtet von den Sängern die dort an einem kleinen Tisch rauchend auf ihren nächsten Einsatz warten.
Dem Koch fehlt ein Auge, was bei dem Essen aber keine Rolle spielt, zwischen seiner ruß- und blutverschmierten Schürze und dem zu kleinen verspeckten dunkelblauen T-Shirt quillt sein mächtiger Bauch auf dem er mit seinen Pranken den Takt mitschlägt und aus seinem mächtigen Mund rollt lautes gluckerndes Lachen: "Companero, noch ein Stück Fleisch?" sagt der Trommler von Pompeya und lässt fettspritzend einen Brocken in seinem Schlund verschwinden. Macht ja nichts.
Emotionales Echo
Dein Tischnachbar hat sich längst in eine andere Sphäre verabschiedet, dem Tango und Trunk ergeben, doch noch immer kann er jede Zeile mitsingen wie ein emotionales Echo auf ein längst gelebtes Leben.
Dort wo die Wände nicht schimmeln, ist jeder Zentimeter gepflastert mit vergilbten Konzertplakaten, alten Fotografien, Fussballwimpeln und Devotionalien der großen argentinischen Tango-Helden von dem als Heiligen verehrten Carlos Gardel bis zum gemütlichen Aníbal Troilo.
Bei allem Verfall strahlt beim Chino der Stolz und der Respekt vor der Kunst des Tango und der Musiker. Wurde gerade noch im Kollektiv stehend die Hymne auf Che Guevara geschmettert, herrscht direkt danach Totenstille, weil Omar, statt eines Liedes nun ein Gedicht vorträgt. Er endet mit einem langen Seufzer und statt zu applaudieren, warten die Zuhörer, bis Omar aus seiner halb gespielten, halb gefühlten Kontemplation zurückkehrt mit dem ernst gemeinten Satz: "Danke für die Stille."
Während am anderen Ende der Stadt die argentinische Jugend in Großraumdiskotheken am Rio de Plata zu Techno tanzt und sich nach Europa sehnt, pflegen die alten Männer ihre Passion. "Der Tango ist der Bruder der Krise", sagt Carlos. Sie treten immer zusammen auf. Und da der Lieblingssport der Argentinier das Lamentieren über das Schicksal ist, für das immer andere verantwortlich sind, glaubt Carlos an eine große Renaissance des Ursprungs-Tangos. Wie sonst ließe sich schöner Jammern über die aktuelle Wirtschaftskatastrophe und das harte Leben als im Tango? Tango ist Ventil, Beichtvater, bester Freund, Lebenshilfe.
Und wenn es einen Buena Vista Social Club des Tango gibt, dann steht er in Pompeya. Dort, wo mit Pistolen und Messern bewaffnete Strolche beim Chino hocken, wo Halbstarke, Kleinkriminelle, Platzhirsche, Verführer und der Nachbar von nebenan den alten Männern lauschen, die ihr Hemd bis zum Bauchnabel aufknöpfen, mit Schalck im Nacken und Sehnsucht in den Augen ein süßes Lächeln verschenken zur melancholischen Musik.
"Adios Amigo"
Im Morgengrauen beendet die Frau an der Theke sanft das Spektakel. Der Chino war ihr Ehemann und wie im Tango, sind auch in der Bar die Männer der Macht der Frau hörig, jammernd zwar, aber gerne abhängig. Du wirst von jedem einzeln verabschiedet, in einem großen Kreis draußen vor der Tür, wo die letzte Zigarette geteilt wird, schlägt man in die Hand ein, küsst sich die Wangen, trommelt sich anerkennend auf die Schulter. "Adios Amigo. Und viel Glück!"
Die Tochter des Chino fährt Dich nach Hause durch das erwachende Buenos Aires, das einem neuen Krisentag die Morgenstirn bietet. Du hältst den Kopf aus dem Fenster und vorne am Lenkrad fragt eine ferne Stimme: "Geht´s Dir gut?" Dir fehlen die Worte und Du schickst die letzte Zeile aus "Yira, Yira" mit dem Fahrtwind über die Dächer der Stadt: "Denk an diesen Trottel, der eines Tages, erschöpft, zu weinen begann."