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Einfache Leute

Die Pariser Disco-Szene ist in Bewegung geraten. Ein Brasilianer, neuer Hausherr im alten »Lido«, hat die exklusiven Klubs herausgefordert.
• aus DER SPIEGEL 4/1980
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So eine Art Couturier des Nachtlebens« will er sein, einer, »der Träume verwirklicht und Phantasien Konturen gibt«.

In Brasilien, seiner Heimat, hat er bereits ein dutzendmal erfolgreich geschneidert, nun glaubt Ricardo Amaral, auch für Paris »das richtige Gewand entworfen« zu haben.

Im roten Plüsch des alten »Lido« -dessen Nackte in eine modernere Umgebung umzogen -- startete Amaral den Klub »78«, in dem er das bunte Treiben am Strand von Copacabana und die kühle Pariser Eleganz zu einem »happening fou«, einem verrückten Happening, vereinte, wie das Modemagazin »Vogue« befand.

Nackte brasilianische Tänzerinnen bewegen sich im Samba-Rhythmus auf einer Drehbühne, in Leuchtschrift werden die neuesten Nachrichten ausgestrahlt, Disco-Rhythmen dann nach der Vorführung von Filmen über den Karneval in Rio und Bahia.

Bis zu 2000 Gäste kommen jeden Abend, zuweilen werden »Tausende abgewiesen, weil wir sonst zu ersticken drohen« (Amaral). »Tout Paris«, die Gesellschaft der Feinen und jene, die sich dazu zählen, ist »einfach hingerissen«, urteilt Bettina, ehemaliges Starmannequin und Ali-Khan-Gefährtin.

Zum Gaffen muß man nicht mehr nach Saint-Tropez fahren. Für 80 Franc (etwa 35 Mark) Eintritt, ein erstes Getränk inbegriffen, können Sekretärinnen und kleine Beamte nun auch in der Hauptstadt auf Tuchfühlung gehen mit Prinzessin Caroline von Monaco, mit Nachkommen des Diktators Franco, dem Photographen David Hamilton, dem Couturier Karl Lagerfeld, mit den Rothschilds, Roman Polanski oder der Cartier-Erbin Nathalie Hocq und den Stripperinnen von »Crazy Horse«.

In Paris »ist etwas in Bewegung geraten«, erkannte der Society-Experte Gerald Asaria, Chefredakteur von »Vogue-Hommes«. »Je mehr von der Wirtschaftskrise geredet wird, desto häufiger gehen die Leute offenbar aus.« Die Zahl der Plätze allerdings, die den Nachtbummlern zur Verfügung stehen, war bislang begrenzt.

Die elegantesten Privatklubs wie etwa »Regine«, »Castel« oder »Elysee-Matignon« können zusammen gerade etwas mehr als 1000 Gäste aufnehmen, und sie lassen wohl einen Curd Jürgens, Elton John oder Nurejew ohne Mitgliedskarte tanzen; doch wer an der Tür kein Gesicht vorzeigen kann, das auch schon auf den Gesellschaftsseiten der Zeitungen oder in »Vogue« zu sehen war, kann selten auf Einlaß hoffen. »Bei uns«, so Jean Castel, »sind wir sehr streng. Wir wollen wirklich nicht jeden haben.«

Fabrice Emaer hingegen, Manager des »Palace«, dem »Tempel des Disco« ("Le Point"), ist »gegen den Snobismus und das klassische System der gesellschaftlichen Auswahl«. Denn: »Für ein richtiges Fest braucht man Aristokraten und, Verzeihung, wenn ich wie einer aus dem 18. Jahrhundert spreche, auch die einfachen Leute.«

Resultat: In seinem Palace, einem ehemaligen Theater, drängen sich an vier Tagen der Woche die Massen zum Tanz auf mehreren S.125 S.126 Ebenen, auf einer Etage ausschließlich mit Rollschuhen.

»Was eben eröffnet wurde, ist schon beinahe wieder alt«, glaubt Society-Insider Gerald Asaria, »unablässig entsteht jetzt was Neues.« Im Arbeiter-Vorort Montreuil war, im Keller eines Einkaufszentrums, die »Main bleue« vorübergehend »in«; bei einem Marathon-Disco-Wettbewerb tanzte der Sieger 42 Stunden.

Die »Main jaune«, soeben in der Nähe der Stadtautobahn an der Porte Champerret eröffnet, ist auf Rollschuhtanz spezialisiert; in den »Bainsdouches«, laut »Vogue« »dekadent, abgewetzt und komisch«, geht es zu wie in einem überdimensionalen Badezimmer: Mädchen im Marilyn-Monroe-Look rocken in der ehemaligen Badeanstalt mit Knaben, die sich offenbar als Schüler von Elvis Presley verstehen: ölgetränktes Haar, an den Seiten kurz gestutzt, weiße Socken unter schwarzen Röhrenhosen, spitze Schuhe und Jacketts, die stilbewußt eine Nummer zu klein gekauft werden.

Wer im »Bains-douches« mit goldbestäubtem Haar und einem goldbesetzten Pferdekostüm tanzt, der fällt zwar auf, aber gleichwohl nicht unangenehm -- das gehört zur Szene, zur Dekoration.

»Zwei Stilarten prallen aufeinander«, meldete Hebe Dorsey, die Society-Reporterin der »International Herald Tribune«. Vom »Pariser Disco-Krieg« schrieb sie, und Eingeweihte wollen wissen, daß nach der Eröffnung des Palace und des Klub 78 die Chefs der traditionellen Klubs ihren Stammkunden gelegentlich eine Flasche Champagner auf den Tisch stellen, die weder bestellt wurde noch bezahlt werden muß.

»Natürlich sehen sich unsere Stammkunden die neuen schon mal an«, bestätigt Jean Castel. Doch um diese Konkurrenz macht sich der Olympia-Segler von 1948 und Eigner einer im amerikanischen Fort Lauderdale ankernden Jacht »keine Sorgen« -- auch wenn zum Beispiel Picasso-Tochter Paloma ihre Hochzeit und Modemann Daniel Hechter sein zehnjähriges Jubiläum im Palace feierten und Roman Polanski die Pariser Premiere seines Films »Tess« im »78« begoß.

Denn Castels Klub zählt 3000 Mitglieder; zu jedem Weihnachtsfest verschickt der Chef rund 1000 Geschenke. 1978 ließ er ein Photo seiner Familie in eine Ölsardinendose einlöten.

Castel, der mit dem Parlamentspräsidenten Jacques Chaban-Delmas in einer Rugby-Mannschaft spielte und mit ihm bis heute befreundet ist, bei dem Georges Pompidou einkehrte, bevor er Präsident wurde, und der seine betriebseigene Fußballmannschaft vom Caroline-Ehemann Philippe Junot managen läßt, »lehnt einen Haufen von Bewerbern« für seinen Klub ab.

Wie wichtig den Jet-settern der Einlaß in die privaten Etablissements ist, belegte Dewi Sukarno, die Witwe des früheren indonesischen Präsidenten. Vor einem Pariser Gericht verklagte sie Regine, weil die Nachtklub-Chefin ihr den Zutritt zu ihrem exklusiven Haus untersagte.

Klub-78-Chef Ricardo Amaral machte es anders. »Wir suchen nach S.127 der rechten Mischung«, sagt er, und bietet den Vips lediglich Zutritt durch einen separaten Eingang und die persönliche Begrüßung durch den hauseigenen PR-Agenten Patrice Calmettes. Tanzen aber müssen sie auf einer Fläche mit dem Volk, das auch dafür zahlt, sie zu sehen.

Die Privatklub-Besitzer sind allerdings skeptisch, ob der Brasilianer, der in seiner Heimat in einem halben Jahrzehnt ein Dutzend Klubs eröffnete, an den Champs-Elysees sechs Nächte pro Woche mindestens 1000 Gäste anlocken kann. »Die Konkurrenz ist hart, und Paris ist nicht New York«, warnte ein Konkurrent.

Statt die Herausforderung Amarals in Paris anzunehmen, geben sich die Konkurrenten jedoch mit ihren bisherigen Erfolgen daheim zufrieden -- und dehnen sich ins Ausland aus, wo zum Beispiel Regine in knapp einem Dutzend Städten, darunter London und Bahia, unter ihrem Namen Nachtklubs eröffnete.

Jean Castel ("Ich bin weltweit bekannt") eröffnet einen Klub in Montreal, »sozusagen als Brückenkopf für New York«, das er »für später eingeplant hat«, und arbeitet zudem an einem brasilianischen Projekt.

Armel Issartel, der das »Elysee-Matignon« vor drei Jahren eröffnete, und in dessen Restaurant heute Arthur Rubinstein und Leonard Bernstein dinieren, »sieht sich ebenfalls im Ausland um« und wäre »nicht abgeneigt«, etwas in Deutschland zu versuchen, »wenn er die richtigen Partner« finden könnte.

Die bewegliche Regine müht sich dieweil um den Nachwuchs. In ihrem Pariser Klub »New Jimmy''s« läßt sie sonntags zwischen 16 und 19 Uhr -mit schriftlicher Genehmigung der Eltern und bei alkoholfreien Getränken -- Jugendliche unter 18 Jahren tanzen: »Das sind beinahe alles Kinder meiner Kunden.«

S.125Rechte Seite, oben 1.: Amanda Lear (vorn), oben r.: Sammy Davis jr.mit Klubbesitzerin Regine.*S.126Im Klub »La main bleue« in Montreuil bei Paris.*

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