Eingestürzte Eishalle: Hoffnung auf Rettung schwindet - DER SPIEGEL
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Eingestürzte Eishalle Hoffnung auf Rettung schwindet

Mindestens elf Menschen sind beim Einsturz der Eissporthalle ums Leben gekommen. Nun beginnt die Ursachenforschung. Die Bad Reichenhaller sind aufgewühlt: Hätte die Katastrophe verhindert werden können?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bad Reichenhall - Blankes Entsetzen herrscht in Bad Reichenhall. Schon am frühen Morgen versammeln sich Dutzende Menschen rund um den Unglücksort, um sich ein Bild von der Katastrophe zu machen. "Ich kann es nicht fassen, dass das bei uns passiert ist", sagt eine 47-jährige Frau und fügt betroffen hinzu: "Meine Kinder waren hier früher immer Eis laufen." Andere Passanten bleiben stehen und sind sprachlos. Ein Mann schüttelt immer wieder den Kopf. Dann sagt er: "So schnell kann es gehen, so schnell kann es zu Ende sein."



Die Bad Reichenhaller Eislaufhalle war gestern Nachmittag unter der Last der Schneemassen eingestürzt. Elf Menschen wurden bis zum heutigen Mittag tot geborgen. Weitere vier Menschen befanden sich noch unter den Trümmern - die Chancen auf eine Rettung sind gering.

Eine dreiköpfige Familie aus Gütersloh steht auf der Rückseite des Gebäudes nahe einer Polizeisperre. Der 17-jährige Sohn sagt: "Ich wollte hier heute Eis laufen gehen." Er spricht mit tiefer Stimme und senkt den Kopf. Seine Mutter und sein Vater können das Unglück nicht fassen. "Unglaublich, unglaublich", sagen sie immer wieder.

Gegen 14.30 Uhr war gestern das Training eines Eishockey-Clubs abgesagt worden: Es bestehe wegen der dicken Schneedecke auf dem Dach des Eishalle Einsturzgefahr. Trotz der Warnung war die Halle noch nicht geräumt worden. 90 Minuten später knirschte das Gebälk, dann brach das Gebäude in sich zusammen. Warum die Besucher im Gegensatz zu den Eishockeyspielern nicht gewarnt wurden, das ist die Frage, die am Tag nach dem Einsturz im Ort alle beschäftigt.

"Es war schon eine kühne Entscheidung"

Mit seiner Schneeschaufel versucht Kurt Niedermayr so gut es geht, die Zufahrt zu seinem Haus freizuräumen. Niedermayr stehen die Tränen in den Augen, es ist eine Mischung aus Trauer und Wut. "Es war schon eine kühne Entscheidung zu sagen, es besteht Einsturzgefahr und dann nicht direkt zu räumen", sagt der Rentner. Der Nachbar der Eishalle hatte den Einsturz in seinem Haus gehört und war gleich rübergelaufen. Als einer der Ersten war er am Unglücksort. "Es war nicht mehr viel zu machen", sagt er noch immer geschockt. Das Chaos sei unbeschreiblich gewesen, überall hätten Trümmer im Schnee gelegen.

Aus seinem Garten heraus sieht Niedermayr den Helfern zu, die verzweifelt versuchen, die noch Verschütteten zu bergen. Auf ein Wunder setzen sie, große Hoffnung auf ein Überleben gibt es bei den anhaltenden Minustemperaturen aber nicht. Außerdem macht die fragile Statik der Ruine aus am Boden liegendem Stahl, Wellblech und Beton den Rettern zu schaffen. Wegen Einsturzgefahr werden die Bergungsarbeiten immer wieder abgebrochen, alleine eine etwa hundert Meter lange Fensterfront ist unbeschädigt und scheint der Katastrophe weiter trotzen zu wollen.

Immer wieder von Sanierung die Rede

Kopfschüttelnd steht Werner Wichmann an dem von der Polizei gezogenen Absperrseil vor der Ruine. "Ich habe hier als Junge Schlittschuhlaufen gelernt", sagt der 45-Jährige. "Was hier passiert ist, ist unvorstellbar." Doch war es vermeidbar? In den vergangenen Monaten sei ja immer wieder von einer notwendigen Sanierung die Rede gewesen, sagen Wichmann und Niedermayr.

Auch Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier von den Freien Wählern wird immer wieder darauf angesprochen. Ihm ist der Druck förmlich anzusehen, der auf ihm lastet, nach jedem Interview zündet er sich eine Zigarette an. Gefragt wird nach den Gründen für die ausgebliebene Räumung und nach angeblichen Schwächen der 1971 fertig gestellten Halle. Heitmeiers Antworten: Das Training sei nur vorsorglich abgesagt worden, die Schneelast sei gemessen worden und habe kurz vor dem Einsturz "deutlich" unter den erlaubten Grenzwerten gelegen. Und die Sanierung habe sich nur auf die Technik bezogen, das Gebäude sei nach einem Test von einem Statiker erst vor wenigen Monaten als unbedenklich eingestuft worden. Allenfalls "Schönheitsreparaturen" seien angedacht gewesen.

Zweifel aus der Stadtverwaltung

Doch an der Darstellung des Oberbürgermeisters gibt es in der Stadt große Zweifel. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung berichtet hinter vorgehaltener Hand, dass sehr wohl schon seit längerem im Ort über Baumängel an dem Gebäude gesprochen worden sei. "Dass es reingeregnet hat, konnte jeder sehen, der dort mal auf der Tribüne war." Auch davon will Heitmeier nichts wissen: Das angebliche Reinregnen sei Schwitzwasser gewesen, die Gerüchte seien falsch. Die Baufälligkeit der Eissporthalle sei tatsächlich aber schon vor dem Einsturz ein Politikum gewesen, sagt der Mann aus der Stadtverwaltung weiter. Am 12. März wird in Bad Reichenhall ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Nach 18 Jahren Amtszeit tritt Heitmeier noch einmal an, als Gegenkandidat steht ihm Herbert Lackner von der CSU gegenüber.

Von Schuldzuweisungen wegen möglicher Baufehler, falscher Berechnung der Schneelast oder anderer Gründen für den Einsturz will auch der wegen fahrlässiger Tötung ermittelnde leitende Oberstaatsanwalt Helmut Vordermayer heute noch nichts wissen. "Heute ist nicht der Tag der Ermittlungen, heute ist der Tag der Trauer", sagt Vordermayer. Dennoch vergibt er heute die ersten Aufträge an mehrere Gutachter, die die Ursachen für den Einsturz herausfinden sollen.

Ralf Isermann, AFP, und Manuela Gotthartsleitner-Wagner, ddp