Elefanten sterben - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 45 / 124

Elefanten sterben

Von Helmut Sorge
• aus DER SPIEGEL 48/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

in Afrika, damit sie und andere vom Aussterben bedrohte Wildarten überleben können - 250 Elefanten pro Jahr sind in Simbabwe zum Abschuß freigegeben, 50 Leoparden dürfen in Malawi erlegt werden, auch die Jagd auf Geparden ist in einigen Staaten erlaubt, obwohl diese unter internationale Schutzabkommen fallen. Behörden unterstützen die Safari-Unternehmen, weil den Tierschützern Geld für den Jeep-Treibstoff und die Bezahlung der Wildhüter fehlt. Europäer und Amerikaner zahlen hohe Summen, um sich mit dem Töten von Tieren einen Kick zu verschaffen.
*GESCHICHTE-2 *RUBRIK:

Jagd *ÜBERSCHRIFT: »Im Busch ist immer Krieg« *UNTERZEILE: SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge über die letzten Großwildjäger *

Die Aasgeier schweben, nur Minuten nach dem letzten Schuß, lautlos über den ausgedörrten Bäumen. Angelockt durch den Tod, der ihnen offenbar von geheimnisvollen Kräften verkündet wird.

Eben erst haben die stählernen Geschosse dem Elefanten das Leben ausgepustet, und das Blut ist, einer Fontäne gleich, aus dem Rüssel gesprüht und hat das Geröll verfärbt, auf das der Schädel niederprallte.

Ein Stoßzahn ist dabei zersplittert - so, als wollte der Bulle in den Sekunden des Todes den spanischen Jäger verhöhnen, der schon am Morgen, im Mwansa Safari Camp am Ufer des Sambesi, mit seinem Sohn darüber beraten hat, wo wohl an den häuslichen Wänden in Madrid die Trophäen hängen sollen.

Wie ein Gockel auf seinen Misthaufen stapft Luis Manuel Montalban auf den Leib des Elefanten. »Alle müssen sofort auf das Foto!« befiehlt der Schütze und verteilt die Leute zwischen Rüssel und Schwanz.

Sten Cedergren spielt mit einem Ohr des toten Kolosses. Jagdszenen wie diese sind ihm »zuwider«. »Trauer und Wehmut« erfassen ihn, behauptet Cedergren, weil er ein »Todesurteil gesprochen hat«. Cedergren hatte den Spanier zum Bullen geführt und ihm ins Ohr geflüstert: »Vamos! Vamos! Tira ahora! - Los! Los! Schieß jetzt!«

Zweimal hatte der Spanier abgedrückt, aber offenbar nur die Lunge des Tiers getroffen. Der Bulle war nicht im Anschuß in die Knie gesackt, sondern hatte eine Schneise durch das Unterholz gepflügt. Erst als Cedergren mit seiner 33 Jahre alten Winchester vom Kaliber .458 auf das Tier gefeuert und ein erschreckter Wildhüter seine Maschinenpistole vom Typ AK-47 entleert hatte, war der Elefant gefallen.

Ein »recht gräßliches Schauspiel«, bedauert Cedergren noch einmal, als könnte er sich die Absolution erteilen. »Nein«, sagt er dann, »persönliche Gefühle lasse ich nicht an mich herankommen.« Es ist »mein Job, dies zu tun«. Dafür werde er bezahlt - etwa 100 US-Dollar täglich, Kost und Logis sind frei.

Cedergren ist der Sohn eines schwedischen Försters. Er war Gaucho, Seemann, Koreakrieger, Soldat der amerikanischen »Special Forces« und Tierfänger. Seit nahezu 40 Jahren ist er Großwildjäger.

Cedergren ist 74 und denkt nicht an den Ruhestand. »In der Stadt gehe ich ein, da passe ich nirgends mehr rein.« In seinem Haus erinnert nur ein Zebrafell an seinen Job. Das Elfenbein, die Beute aus Jahrzehnten, hat er verkauft und mit dem Erlös ein Feriendomizil an Kenias Küste gekauft. 1969 hat er geheiratet. Seine schwedische Frau hat sich damit abgefunden, daß Cedergren wie ein »alternder Elefantenbulle« leben und auch sterben will - abseits der Herde.

Wenn der greise Jäger nach Einbruch der Dunkelheit in seinem ausgewaschenen, roten Trainingsanzug auf dem schmalen Feldbett döst und das Gekeuche der nahen Flußpferde und die Angstschreie der von einem Leoparden aufgeschreckten Paviane hört, dann träumt er manchmal von jenen besseren Zeiten, als Ernest Hemingway noch jagte, Cedergren mit John Wayne in Kenia Whisky schlürfte und das Wild in scheinbar unbegrenzten Mengen durch die Weiten zog.

Damals waren Großwildjäger noch die Glamourboys, denen nachgesagt wurde, sie könnten Löwen mit bloßen Händen erwürgen und danach am Lagerfeuer über Dostojewski und Dante, Kant und Henry James plaudern. Damals wurde der Champagner vor den Zelten in Kristall serviert, schleppten Träger in langen Kolonnen Badewannen und Bordeaux durch den Busch, und kein echter Mann verpaßte je die Siesta. Zuweilen teilten Großwildjäger ihr Lager mit Ladies, deren Gatten schlaff und jagdmüde unter den Moskitonetzen dösten, bis die uniformierten Boys den Nachmittagstee servierten.

Der legendäre Großwildjäger Denys Finch Hatton verführte in solchen Stunden die dänische Ehefrau Tania seines schwedischen Freundes Bror von Blixen, und sowohl Finch Hatton wie auch Baron von Blixen liebten die draufgängerische Buschpilotin Beryl Markham. Einmal der. Einmal er. Gemeinsam liebten sie die Löwenjagd, das Leben im Busch - eine wahre Geschichte »Out of Africa«.

»Diese Romantik«, seufzt Cedergren, »ist lange raus.« Statt Champagner trinken die Safari-Abenteurer heute Weißwein, Marke »Moselblümchen«, und die »tracker«, die Spurensucher, tragen Overalls wie die Mechaniker bei Autorennen. Statt »Ferrari« und »Renault« tragen sie die Aufschriften »Hunters Safari«, »Ngamo« oder »Zambezi Safaris« auf dem Rücken - die Firmennamen ihrer Arbeitgeber.

»Der Druck ist groß geworden«, hat Horst Isselbächer, 51, erkannt. Wenn die Kunden »zwei Tage keine Tiere sehen, werden sie ungnädig und unangenehm«. Jeden Monat steuert der aus Köln stammende Jäger seinen Toyota Landcruiser Diesel 3000 Kilometer durch ausgetrocknete Flußbetten, über Geröll und Felsbrocken - stets mit einer Zigarette in der Hand, die Augen zum Boden gerichtet, auf der Suche nach Spuren der Wildtiere. »Zeit, Gemächlichkeit« sind Fremdworte geworden, bestätigt Cedergren. Die Schicht beginnt für die Großwildjäger im Morgengrauen und endet erst nachts.

Tierschützer vergleichen Profis wie Cedergren und Isselbächer mit spanischen Toreros - Totengräber der Natur, Schänder der Schöpfung. Doch trotz der globalen Verdammung der Jagd, trotz des internationalen Artenschutzabkommens haben die Großwildjäger bestens zu tun.

In Südafrika und Botswana, Tansania, Namibia, der Zentralafrikanischen Republik und Simbabwe werden Elefanten, Leoparden, Büffel und Löwen gejagt, in einigen Ländern auch die in internationale Artenschutzabkommen aufgenommenen Geparden und Weißen Nashörner. Allein in Simbabwe, der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien, sind nahezu 200 Großwildjäger im Busch-Business, und wie Isselbächer waren die meisten 1993 acht, neun Monate lang ausgebucht. Noch für den November hat sich ein Isselbächer-Kunde aus Amberg zwei Elefanten »reservieren« lassen.

Großwildjäger Paul Webb-Martin, 37, konnte seiner Frau Jayne, 31, einer texanischen Anwältin, Anfang Oktober bei der Geburt des ersten Kindes nicht die Hand halten. Der Ex-Polizist verfolgte mit amerikanischen Jägern Löwen im Sambesi-Tal, als die Wehen einsetzten. »Ich liebe die Tiere«, behauptet er, »und ich töte sie. Das scheint ein Widerspruch.« Er sieht es anders: Der Tod der Tiere ist für ihn »nur das absolute Ende des Films, das Größte ist die Schönheit der Natur« - eine Überzeugung, die der Jagdveteran Bruce Austen, 67, teilt: »Wir sind keine Schlächter, sondern Heger.«

Collin Welensky, 38, in »guter, katholischer Familie« erzogen, will, »wenn's irgendwie möglich ist, überhaupt keinen Elefanten mehr schießen«. Er war Mitglied einer Sondertruppe der staatlichen Wild- und Forstbehörde in Simbabwe, die beim Elefanten-»culling« eingesetzt wurde. Culling bedeutet Ausdünnung und ist ein Massaker: sieben Monate im Jahr täglich Einsatz beim Sonderkommando Tod. Erst die Leitkuh, dann zwei, drei weitere Herdenführer, gezielt abgeschossen, mit Einzelfeuer. Dann kommen die automatischen Waffen, der Tod der Familie, Nachwuchs inklusive. »Animal reduction« nennen das die Jäger. Welensky und zwei seiner Kameraden haben rund 15 000 Elefanten getötet. Jagd, sagt er, »kann man das nicht nennen«.

Einige Jahre lang hatte er das Jagen aufgegeben und ist mit Touristen im Kanu über die Flüsse gepaddelt. Doch das Töten von Tieren war »wie eine Droge«, die ihn nicht losließ. Besonders die Jagd auf Löwen nicht, denn das seien »unglaublich ausgebuffte Kerlchen«, diese Herausforderung »turnt mich an«.

Seit Jahren versucht Mutter Welensky, die in Südafrika lebt, Collin fürs Heiraten zu interessieren. Doch die meisten Frauen mögen keine Großwildjäger. »Wenn die hören, welchen Beruf ich ausübe«, so Welensky, »dann höre ich schon mal: Nein danke! Mit einem Killer will ich nichts zu tun haben!«

Tatsächlich töten die Großwildjäger nur selten. Sie sind eine Art Reserveeinheit für ihre Kunden. Treffen die Amateure nicht, schießen die Profis nach. Verwunden sie das Tier ("anschweißen"), nehmen die Jäger die Spur auf. Unter Jägern, sagt Safari-Experte Bartle Bull, gilt das Gesetz der Alpinisten: »Und wenn nur einer vom Berg kommt, dann muß es der Kunde sein.«

Sie hocken mit dem Fernglas vor den Büffelherden und sortieren für den Schützen aus Übersee die Tiere vor: »Rechts Bulle, daneben Kuh. Kuh, Kuh. Nein, den Bullen nicht. Zu klein. Zu jung. Kein gutes Horn. Warten. Warten. Bleib ruhig. Ruhe.« Nur abdrücken, »das müssen die schon selber tun«, frotzelt Isselbächer.

Der Profi streift in kurzen Hosen, die Waden mit Büffelledermanschetten geschützt, durch die Dornenbüsche. Sein elf Pfund schweres Gewehr, »meine alte Lady«, trägt er stets auf der Schulter. Wenn Isselbächer seine Baseballkappe mit der Aufschrift »Hunting - an American tradition« in den Nacken schiebt, ist das für seine Kunden das Zeichen »für Hochalarm«. Im Busch, behauptet der schwarze Profi Daniel Wushe, 38, »ist immer Krieg«.

Büffel sind scheu, gereizt, unruhig. Aufgeschreckt durch ihre natürlichen Feinde, die Löwen, Leoparden und Hyänen. Abgehärtet durch Dürre, Hitze und Tsetsefliegen, bedrängt durch Möchtegern-Hemingways aus der Welt der Bambis, die plötzlich mit Wild konfrontiert werden, das zurückbeißt. Vor allem dann, wenn es angeschossen ist.

Angst? »Das Zittern kommt erst danach«, sagt Isselbächer. Nach der Verfolgung eines weidwunden Löwen etwa, der mit einem Bauchschuß entkommen ist und irgendwo im dichten Busch, im hohen Gras oder in einer Höhle auf seine Peiniger lauert. Bei dieser Nachsuche »bist du allein wie der Mann auf dem Mond«.

Vor einigen Monaten erst war er in so einer Situation. Ein Bremer Tourist hatte einen Büffelbullen nur angeschweißt, und in der einbrechenden Dunkelheit konnte Isselbächer keine Spuren entdecken. Am nächsten Morgen suchte er weiter, »da kam plötzlich diese Lokomotive auf uns zu, einfach so, aus dem Nichts«. Der Bremer flüchtete, Isselbächer war allein. Er schoß, aber leider »nicht sauber«. Schon war der Büffel »auf mir drauf«, der Jäger verlor die Waffe.

Isselbächer, 102 Kilo schwer und 1,83 Meter groß, klammerte sich an den Hörnern fest: »Das Scheißding war so stark, das glaubt man nicht!« Der Büffel drückte den Jäger gegen einen Baum. Mit beiden Füßen trat Isselbächer dem Bullen in die Schnauze. Irritiert ließ das Tier kurzfristig von ihm ab, ein herbeigeeilter Kollege setzte den Fangschuß - nach »düsteren Sekunden«, in denen man »schon mal wieder an den lieben Gott glauben kann«.

Magoch Chauke, 47, ein schwarzer Jäger, war schon gläubig, als er mit sechs Löwen aneinandergeriet, die ihm in einem ausgetrockneten Flußbett den Weg versperrten. Hinter ihm kauerten die französischen Touristen. Bei jeder Bewegung kamen die Tiere einen Schritt näher. Chauke schoß in die Luft. Die Tiere blieben in Angriffsposition. Der Schwarze wies die Franzosen an, sich behutsam, Zentimeter für Zentimeter, zurückzuziehen. Die Löwen beobachteten ihn aus fünf Meter Entfernung und rührten sich nicht - drei Stunden Angst, drei Stunden Nervenkrieg. Als die Nacht sich über das Tal legte, hoben die Löwen die Blockade auf.

Vor vier Jahren bekam es der Schwede Cedergren, damals immerhin 70, im mannshohen Gras mit einer verwundeten Leopardin zu tun, die er verfehlt hatte. Das Tier sprang ihm an den Hals. Cedergren stemmte ihr die Büchse ins Maul, bevor sie zu Boden gingen. Die Raubkatze befreite sich und zerbiß ihm die Beine. Der Spurensucher rettete seinen Chef. Mit einer Axt zerschmetterte er der Leopardin den Schädel.

Leoparden, wissen die Profis, kündigen ihre Attacken nie an. Dem ersten Augenkontakt folgt der Angriff. Der Löwe verkündet seinen Angriff mit einem zornigen, grollenden Gebrüll - den Körper flach auf den Boden gepreßt, dann der Sprung, und »du hast kaum noch ein Ziel«, erzählt Cedergren. »Flach wie ein Pfeil« raste einmal ein 350-Pfund-Löwe auf den Jäger zu, die Kugel traf den Löwen im Sprung. Cedergren überlebte.

Über Funk erreichte Aden Piercy, 32, Pilot und Mitbesitzer der »Bush Pilot Charter«, in seiner Cessna im letzten Jahr ein Notruf aus dem Busch. Zwei Jäger waren mit einem Büffel aneinandergeraten. Piercy kam zu spät. Der vom Büffel überrannte Kunde war tot. Der Profi, der in Harare im Krankenhaus starb, war ein Schulfreund Piercys.

Isselbächer hat diese blutigen Abenteuer gesucht. Bereits als Jugendlicher, damals in Köln, träumte er von der Fremdenlegion und vom Samba in Brasilien. Er versuchte sich als Goldsucher, dann traf er seinen Onkel in Mosambik, einen leibhaftigen Elefantenjäger, »und das Leben fing erst richtig an«.

Seit 18 Jahren arbeitet er nun in seinem Paradies - zuweilen weiß er nicht mehr, ob Sonntag oder Mittwoch ist. In den Jagdcamps gibt es kein Telefon, und Kontakt zur Außenwelt ist allein über Funk möglich. Sein Schlaraffenland teilen Fremde: Es sind Bauunternehmer aus Frankfurt und Diplomaten aus Washington, Kaufleute aus Saudi-Arabien und pensionierte Tierärzte, Pathologen und Fernsehpriester, Baggerhersteller wie Reifenfabrikanten.

Monatelang observierte der Washingtoner Diplomat Timothy Carney als Uno-Vertreter im kambodschanischen Phnom Penh die Wahlen im Mai. Einige Monate danach jagte er mit Isselbächer.

Carney kennt sich aus: Rund 200 historische Werke hat er über sein Hobby gesammelt. Er theoretisiert viel und schießt selten. Für den Amerikaner bedeutet der Busch nicht »kill, kill, kill«, sondern »vergessen, auftanken«. In seinem Haus in Washington sind die Wände mit Trophäen dekoriert. Der Plan, einen Büffelschädel über dem Ehebett aufzuhängen, scheiterte am Widerstand seiner Frau.

Gemeinsam mit seinem Vater brach Ted Sofish zur Safari auf. Ted ist Mediziner, genervt von einer Ehescheidung, gestreßt vom Dienst in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Pittsburgh. Ted wollte Büffel schießen. Er hatte ihn im Fadenkreuz, drückte ab und »traf auch irgendwo«. Doch der Bulle floh. Danach hatte auch der Mediziner »keine ruhige Minute mehr«. Mit Webb-Martin, dem Profi, ging er auf die Nachsuche.

Sie entdeckten auf einigen Dutzend Metern das Blut, den Schweiß. Dann nichts mehr. Sie suchten 18 Stunden lang. Am Ende kapitulierte der Arzt. Die Blasen an den Füßen hinderten ihn am Gehen. Der Büffel war entkommen, vielleicht verblutet. Sofish mußte die 1000 Dollar Abschußgebühr dennoch bezahlen, denn »angeschweißt und nicht gefunden gilt als erlegt«. Sofish jagte auf dieser Safari nicht mehr.

Vor allem die Amerikaner, beobachtet Webb-Martin, haben das Trophäen-Rekord-Buch des »Internationalen Safari Clubs« im Kopf, die Bibel der Jagd-Touristen. Sie reisen mit dem Zentimetermaß in den Busch. Für sie hat ein Tier nur Wert als Trophäenträger.

Vergebens erinnert Isselbächer die vom Trophäeneifer gepackten Kunden: »Wir sind hier nicht zum Einkaufen, sondern zum Jagen.« Für viele Safari-Schützen ist Afrika ein Shopping-Center. Vor allem Italiener und Spanier, bestätigen die Großwildjäger, »wollen alles wegknallen, wenn's geht auch Fledermäuse«, wie Butch Walker, 46, Chef der Zimbabwe Professional Hunters & Guides Association, beobachtete.

Kollege Welensky will mit Spaniern »möglichst nicht mehr« arbeiten, seit einer ihm im Jagdeifer durch die Beine geschossen und dabei beinahe noch »das wichtigste Teil eliminiert hat«.

Ein Wiener Reifenfabrikant erlegte gemeinsam mit seiner Frau, einer Bankfilialleiterin, in 20 Tagen 18 Tiere, darunter einen Elefanten, der so »würdig und majestätisch« vor ihnen zusammenfiel und verendete. Am Morgen danach lief dem Österreicher »eine Gänsehaut über den Rücken": An den Spuren um den toten Riesen war zu erkennen, daß die Herde über Nacht zurückgekehrt war und mit den Stoßzähnen versucht hatte, den Gefährten wiederaufzurichten.

In Shorts, die Fingernägel rot lackiert, robbte die Bankmanagerin am Ufer eines Nebengewässers des Karibasees entlang und wartete vier Stunden lang auf das Opfer: ein Krokodil. »Niemals in meinem Leben«, beschwört die Wienerin, die vor drei Jahren ihren Jagdschein machte, »habe ich so sehr gezittert.« Schließlich wurde das Krokodil mit 1500 Dollar berechnet. Sie setzte die Kugel ins Ziel, das eigroße Gehirn. Und schon gab es ein Problem zu bewältigen: »Mausi, wo sollen wir mit der Haut hin?« fragte sie, als die »Skinner« das Krokodil abzogen. Antwort: »Damit schrecken wir die Leut'. In den Pool stecken wir das.« Für den Unternehmer ist die Jagd auf die klassischen »big five« (Leopard, Löwe, Rhino, Büffel und Elefant) »so aufregend wie für andere das Null-Handikap beim Golf«.

Nächstes Jahr will er in Südafrika schießen. Er hat ein Rhino auf dem Programm. Außerdem muß er auch noch seinen Löwen schießen.

Der deutsche Maschinenbauunternehmer Walter Eder, 44, hat Freunden am Lagerfeuer Grausames anvertraut: Bis zu seinem 40. Geburtstag hatte er 40 Elefanten erlegen wollen; angeblich kam er auf 39. Bis zu seinem Tod möchte er »100 in die ewigen Jagdgründe geschickt haben«.

Um seinen Traum zu realisieren, reist Eder zuweilen mehrfach pro Jahr nach Simbabwe. In das Gästebuch des Kachowe Safari Camps schrieb er: »Smoked two elephants in four days. Thanks to all the fellows« - in vier Tagen hat er zwei Elefanten »weggeblasen«. Acht Monate später war der bayerische Baggerhersteller wieder im Busch. Fünfmal hintereinander steht sein Name auf der Abschußliste eines einheimischen Safari-Unternehmens.

Ian van Heerden, Manager der Zambezi Safaris, einer der Eder-Vertrauten, »empfindet keine Empörung« über den Elefantenkiller. »Wenn er sich das leisten kann, warum nicht?« Ein Heerden-Kollege sagt: »Entweder der ist größenwahnsinnig, oder er leidet unter einem anderen Problem.«

Vielleicht auch beides: Seit Anfang November sitzt Eder in Untersuchungshaft - er wird verdächtigt, Steuern hinterzogen zu haben. Zusätzlich wird gegen den Industriellen wegen illegaler Elfenbein-Einfuhr ermittelt. Im Sommer wurden auf dem Nürnberger Flughafen sechs Stoßzähne sichergestellt, die Eder mit einem Charterflugzeug ins Land geschmuggelt haben soll.

Jagdsafaris allerdings sind nicht illegal. Simbabwe gab 1993 - gebilligt von internationalen Artenschützern - rund 250 Elefanten zum Abschuß frei, zum Grundpreis von 6500 US-Dollar für einen Elefantenbullen mit Stoßzähnen und 1000 US-Dollar für einen Elefanten ohne Elfenbein. Auch andere vor der Ausrottung zu schützende Tiere - der Import von Trophäen nach Deutschland muß vom Bundesamt für Naturschutz genehmigt werden - stehen auf den Preislisten internationaler Jagdreiseveranstalter: Leopard (2500 Dollar), Löwe (3000 Dollar), Flußpferd (1400 Dollar) und sogar Giraffen - »Preis nach Absprache«. Deutsche Unternehmen wie Hubertus-Jagdreisen, Eduard Kettner oder Safari Willscher bieten afrikanische Wildtiere in bunten Katalogen an: Spezial-Safari auf Rhino, »ein Relikt der Urzeit«, für 45 000 Mark. 21 oder 28 Tage Elefantenjagd, 1000 Dollar pro Tag, plus Flug, plus Abschußprämie, plus Elfenbeinsteuer - versteht sich. Der Leopard ist in zwölf Tagen Jagd zu haben: 13 600 Mark, »eine wirkliche Herausforderung«.

Es waren zunächst Exzentriker und Abenteurer, vor allem Briten, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu Safaris aufbrachen. Zu Pferd oder zu Ochs wie David Livingstone, der Missionar, der sich auf seinem »Sinbad« den Weg durch Afrika bahnte - das Gewehr schußbereit, die Bibel in der Tasche. Livingstone schoß, um seine Gefolgsleute mit Nahrung zu versorgen.

Die Reiseberichte legendärer Großwildjäger wie Frederick Selous ("A Hunter's Wanderings in Africa"), der sich zu Fuß durch Busch und Dschungel quälte und als einer der Größten seiner Zunft gilt, und die Erinnerungen von Livingstone ("Missionary Travels") belebten die Phantasien der Jäger in Übersee: US-Präsident Theodore Roosevelt ließ sich ebenso inspirieren wie Britanniens späterer König Edward VIII., Atlantikflieger Charles Lindbergh oder Winston Churchill.

Die Safari, notierte Bartle Bull in seinem Geschichtswerk »Safari: A Chronicle of Adventure«, wurde zum kulturellen »must« der englischen Führungselite. Die Expedition, die afrikanische Saga, war nicht Ausdruck einer Sehnsucht nach der Natur, sondern eher »eine Bühne«, auf der sich die Salonlöwen feiern und bewundern ließen.

Safari in Afrika, das war in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts auch die Auseinandersetzung mit Angst, Entbehrung, Einsamkeit. Die Konfrontation mit der ungezähmten Natur, mit Löwen, Giftschlangen, Malaria, Gelbfieber und jenen Urwaldstämmen, die sich den Jägern zu widersetzen suchten wie ehedem die Ureinwohner Amerikas den Pionieren.

Die Afrikaner scheiterten wie die Indianer: Die Kolonialisten plünderten, die Touristen zertraten, die Großwildjäger zerschossen ihre Kultur. Und die neuen Mächtigen, jene, die den Widerstand gegen die weiße Unterdrückung propagierten und nach der Befreiung eine menschlichere Zukunft versprachen, vergingen sich ebenfalls an der Macht: Sie tolerierten den Elfenbeinschmuggel nicht nur, sie verdienten daran auch mit.

1973 qualifizierte der damalige Regierungschef von Tansania die Großwildjäger »als größtes verbleibendes Relikt des Kolonialismus« und trieb die Profis aus dem Land. Einige Jahre später verbot auch Kenia die Jagd.

In Kenia schossen jedoch die Wilderer weiter und dezimierten die Elefantenherden. Die Holzfäller rückten nach, dann die Bauern, und gemeinsam schufen sie ihre eigene Zivilisation. »Niemals mehr«, schwört der alte Schwede Cedergren, der keine Zeitung mehr liest, weil die »Welt zum Heulen ist«, werde er in seine alten Jagdgründe zurückkehren: »Das würde meine Träume endgültig vernichten.«

Jäger wie Cedergren, für die das koloniale Kenia Heimat war, versuchten sich zunächst als Safari-Fotografen und kamen doch nicht los von der Jagd. Sie siedelten nach Botswana, Südafrika oder Simbabwe um - Staaten, in denen Großwildjäger, wie der Profi Wushe sagt, »mit erhobenem Kopf ihren Beruf ausüben können«.

Magoch Chauke gehört zu dem halben Dutzend schwarzer Kollegen in Simbabwe. Er hat nie etwas von den Protesten der Tierschützer in Übersee gehört. Er weiß, daß seine drei Frauen und seine neun Kinder von der Jagd leben. Er weiß, daß Dorfgemeinschaften, die kommunales Land an Safari-Unternehmen verpachten, über die Organisation »Campfire« von den Abschußprämien für die Tiere profitieren. Von diesem Geld werden Schulen und Krankenhäuser gebaut sowie die Wildhüter entlohnt.

Er weiß aber auch, daß Elefanten bejagt werden müssen, weil sie die Bäume entwurzeln und die Felder der Bauern umpflügen und damit zu Erosion und Verwüstung des Bodens beitragen. Deshalb ist Chauke für das »culling«, denn die Elefanten sind nicht nur majestätisch und würdig, sondern auch eine Plage. In Simbabwe treten sich die Elefanten buchstäblich auf die Füße, 80 000, so die Schätzungen, und nur für 35 000 ist in den Nationalparks Platz.

Der Export von Elfenbein freilich ist verboten; das Land profitiert nicht von der wachsenden Population. Das Geschäft machen die Wilderer, denn die Preise steigen, und das Risiko lohnt sich.

Die Safari-Jagd ist zum legalen Zweig des Wilderns geworden - verpönt zwar bei den Tierschützern in aller Welt, aber unterstützt vom WWF und von deutschen Entwicklungshilfeorganisationen.

Von der Safari will Simbabwe nicht lassen - die Jäger schaffen Devisen in das Land, von denen auch die Wildhüter profitieren: Sie bauen neue Wasserlöcher und betreiben Pumpstationen. So gesehen, kann auch Walter Eder, der deutsche Elefantentöter, von sich behaupten, Entwicklungshilfe zu leisten.

In entlegenen Regionen des Landes wie Chewore, Chirisa oder Matetsi ist Viehzucht wegen der todbringenden Tsetsefliege nahezu unmöglich. Folglich sind in diesen kargen Landstrichen kaum Dörfer angesiedelt. Allein die Safari-Pächter erwirtschaften hier Geld. Und der Staat kontrolliert sie.

Die Abschußquoten sind vorgegeben. »Wehe, wenn du überschießt«, sagt Isselbächer, »dann ist die Lizenz weg.« Sogar die Unterkiefer der erlegten Tiere werden für die Kontrolleure gelagert. Auf jedem Jagdwagen fahren uniformierte, bewaffnete Wildhüter mit zur Überwachung der Gäste aus Übersee, aber auch zum Schutz der Jäger: Konfrontationen mit Wilderern sind in den Grenzgebieten nicht selten. Auf illegale Jäger darf ohne Warnung geschossen werden - und die Profis zögern nicht.

Kaum hatte beispielsweise der schwarze Jäger Joseph Chitambwe, 30, der mit einem Motorboot an der Grenze zu Sambia den Sambesi hinauftuckerte, vier Wilderer in einem Kanu erspäht, da schoß er schon. Das Boot der Wilderer kenterte, zwei von ihnen wurden offenbar zum Fraß der Krokodile. Der Polizeitaucher, der die Waffen der Kriminellen bergen wollte, stellte die Arbeit ein, nachdem sich ein Krokodil an seinen Schwimmflossen festgebissen hatte.

Chitambwe, der in der Regenzeit als christlicher Prediger das Wort des »Königs der Könige« bei »verlorenen Seelen« verbreitet, hat der Tod der Fremden nicht belastet. Die Frage, sagt Chitambwe, ist für Großwildjäger doch immer die gleiche: »Der oder ich.« Y

Totengräber der Natur, Schänder der Schöpfung?

»Wehe, wenn du überschießt, dann ist die Lizenz weg«

Zur Ausgabe
Artikel 45 / 124