Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.
Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.
Es weihnachtet. Sehr! Millionen Eltern tun in diesem Moment alles, um ihre Kinder am Heiligen Abend glücklich zu machen. Dürfen sie dafür Dankbarkeit erwarten? Natürlich nicht.
Neulich vor dem Adventskalender: Verschlafen und gelangweilt wickelte mein zehnjähriger Sohnemann sein Päckchen zum 15. Dezember aus. Dann starrte er missmutig auf den schwarz glänzenden "Star Wars"-Anspitzer in seiner Hand und sagte in einem für sein Alter viel zu sarkastischen Ton: "Aha, ein Anspitzer, den brauche ich."
"Bah", murmelte ich beleidigt. "Freu dich bloß nicht zu laut." Wie jedes Jahr hatte ich Stunden damit zugebracht, für meine Kids Adventskalender zu basteln. Was ist gerade angesagt? Welche Deko nehme ich? Was ist witzig, was wohl peinlich? ("Star Wars"-Anspitzer, Botschaft verstanden)
"Komm schon Mama", sagte Vito, "das war doch nur eine Feststellung, ich brauch den wirklich." Doch ein Rest von Unbehagen blieb. Ich habe großen Spaß daran, meine Kinder zu beschenken, und fast immer übertreibe ich dabei. Muss ich mich da wundern, wenn ich Überdruss durch Überfluss produziere? Natürlich nicht. Aber es war etwas anderes, das mich umtrieb: Ich hatte mehr Begeisterung erwartet. Wahrscheinlich sogar: Dankbarkeit.
Die Inge-Meysel-Nummer
Oh nein, das klingt wie ein sehr fernes Echo aus meiner Kindheit. Es klingt nach dem, was meine Geschwister und ich die "Inge-Meysel-Nummer" nannten - das abscheuliche Mutter-Mantra der Siebziger. "Ich habe mir so viel Mühe gegeben, und das ist nun der Dank!", war ein Spruch, den ich als Kind im Fernsehen von der "Mutter der Nation" gehört hatte. Aber auch von meiner eigenen. "Dann gib dir halt keine Mühe, hat ja keiner von dir verlangt", habe ich oft gedacht, aber selten gesagt, denn: Meine Mutter war das, was man "nervös" nannte.
"Mutter der Nation": Inge Meysel in "Die Unverbesserlichen"
Foto: imago/ United ArchivesAus heutiger Sicht war sie mit drei Kindern, der obligatorischen Einfamilienhaus-Baustelle am Stadtrand und einem abwesenden Ehemann, der gefühlt nur zum "Tagesschau"-Gucken nach Hause kam, hoffnungslos überfordert. Ich hatte immer Mitleid mit meiner Mutter, ich dachte, sie hat den Krieg erlebt, sie hat gehungert, beim Bauern geschuftet, in Bunkern gezittert und ist von einem Tiefflieger beschossen worden. Aber immer wenn die Dankbarkeitsnummer kam, war mein Mitleid erschöpft.
Bestseller wie "Wenn Frauen zu viel lieben" haben die Sucht meiner Mutter, gebraucht zu werden, ausführlich behandelt. Die Gründe für die neurotische Erwartungshaltung, Bestätigung von außen zu bekommen, sind inzwischen ausgiebig analysiert. Meine Mutter passt ins Raster. Sie hat ihren Beruf für die Kinder aufgegeben. Als die Erfüllung durch das Muttersein ausblieb und der Stress immer größer wurde, stellten sich Unzufriedenheit und Groll ein. Auch Krankheiten, psychosomatische, die damals "irgendwas mit den Nerven" genannt wurden.
Dankbar - wofür eigentlich?
Interessant ist die Frage, ob die Suche nach Dankbarkeit und Bestätigung zutiefst menschlich ist oder ob sie einem historischen Wandel unterliegt, also generationsbedingt ist.
Tatsächlich scheint bei Müttern meines Alters Dankbarkeit keine nennenswerte Größe zu sein. Vielleicht, weil die eigenen Mütter sie mit der Forderung danach genervt haben. Vielleicht, weil sie immerzu stark und emanzipiert sein müssen, da kommt Jammern nicht so gut an. Die meisten Frauen, die ich kenne, sind berufstätig mit mindestens zwei Kindern und reagieren geradezu irritiert, wenn jemand sie lobt oder sich bedankt. Zu selbstverständlich sind inzwischen Multitasking und Funktionalität beim Muttersein, das elende Alles-gewuppt-Kriegen. Moderne Mütter fordern keine Dankbarkeit - SIE sind dankbar, wenn sie nur einfach einmal ausschlafen können.
Ich glaube, ich komme abgesehen von Adventskalender-Krisen auch ganz gut ohne Dankbarkeit aus. Meine Kinder haben nicht darum gebeten, geboren zu werden, weshalb sollten sie mir für ihre Existenz dankbar sein? Dass ich sie ernähre, ihre Schulausbildung finanziere, ihnen den Weg in die Selbstständigkeit ebne ist doch klar, denn es war ja schließlich mein Wunsch, Kinder in die Welt zu setzen. Ich wollte genau das: selbstlos lieben, für Kinder da sein, egal was passiert, gerade wenn die angeblich besten Freunde und treusten Liebhaber längst über alle Berge sind.
Wofür ist man als Kind überhaupt dankbar? Soweit ich mich erinnere, für konkrete Hilfe, für Unterstützung bei der Lösung eines Problems - aber vor allem für bedingungslose Elternsolidarität, die auf Liebe jenseits von Fakten basieren darf. Aber dankbar für etwas, das man sich weder gewünscht noch erträumt oder eingefordert hat? Come on, Mutti, vergiss es!
Kinder schulden Eltern gar nichts
Die Eltern-Kind-Beziehung beruht naturgemäß auf dem Ungleichgewicht im Geben und Nehmen. Man sollte sich damit abfinden - und nicht glauben, dass sich mit steigendem Alter des Nachwuchses daran Wesentliches ändert. Die US-Philosophin Jane English antwortete schon Ende der Siebzigerjahre auf die Frage, was erwachsene Kinder ihren Eltern schulden , sehr lakonisch: "Nichts."
Das war zeitgemäß, radikal - die Abkehr vom Idealbild der Familie als rein private, unpolitische Institution, die nur von Emotionen und Verpflichtung geprägt ist. Aber nicht vom Recht des einzelnen auf Antipathie oder Undankbarkeit gegenüber Vater, Mutter oder Geschwistern.
Auch heute noch ist das Recht auf eine "Scheidung von den Eltern" ein Tabu. Die Zahl der pflegebedürftigen Eltern steigt und damit auch die Zahl der Kinder, die Verantwortung übernehmen. Das kulturelle Erbe sorgt für Druck, auch wenn man kein Christ ist. "Du sollst Vater und Mutter ehren" bedeutet vermutlich mehr, als die Alten ordnungsgemäß zu respektieren und zweimal im Jahr zu besuchen.
Die Sucht meiner Mutter nach Dankbarkeit mutierte im Alter zu einem Generalverdacht der Undankbarkeit gegen jeden. Das ist schwer zu ertragen und sehr schmerzvoll zu beobachten, denn so ein Vorwurf ist Anklage - und die erstickt jedes authentische Gefühl im Keim.
Ich glaube, positive Dankbarkeit hat viel mit einem gesunden Gefühl der Demut zu tun. "Ich hatte so ein Glück! Meine Eltern sind gute Menschen, sie haben mir alles ermöglicht" - um so fühlen zu können, muss die Erkenntnis aus einem selbst kommen. Niemals darf sie von außen aufoktroyiert werden, denn dann wird das gute Gefühl sofort schal aufgrund des Zwangs und der öden Selbstverständlichkeit.
Letztlich geht es wohl um Authentizität: Eltern und Kinder können in ihrer "Schicksalsgemeinschaft", ihrer sehr speziellen Beziehung nur das geben, was ihnen möglich ist. Manchmal ist das zu viel, manchmal zu wenig. Vielleicht ist es gut, sich damit abzufinden. Denn allzu hohe Erwartungen und sozialromantische Ansprüche machen erfahrungsgemäß unglücklich.
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Keine Gewähr
Juno Vai,
Mutter von Vic (15) und Vito (12)
Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn
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Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt